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von Sina Brendel & Gerd Kassel 



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Im Jahr 2008 erschien obiges KANUPROJEKT-Buch unter der ISBN-Nr. 3-89961-033-4 im Pollner-Verlag (www.pollner-verlag.de). Damals erhielt ich 20 gedruckte Exemplare des KANUPROJEKT-Readers, die ich mittlerweile unters interessierte Volk gebracht habe.

Jetzt bekomme ich immer wieder Anfragen nach dem Buch, das man NIRGENDWO kaufen kann. In keinem Buchladen, nicht bei www.amazon.de, nicht beim Pollner-Verlag. Allmählich wird mir das zu doof. Daher werde ich das Buchmanuskript jetzt hier "ablegen" und jeder, der den Text brauchen kann, darf sich bei mir eine PDF-Datei bestellen - per Mail kassel-gerd@t-online.de

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KLICK HIER:  http://www.kanukassel.de/815708/1185630.html  

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                                                                             „Übers Wasser auf zu neuen Ufern“


                                                                               Kanufahren als soziale Therapie

                                       Dokumentiert am Beispiel der SchuB-Klasse H8c der KOPERNIKUSSCHULE Freigericht 

 
                                                                       KANUPROJEKTREADER + BEGLEIT-DVD

                                                                             von Sina Brendel und Gerd Kassel
 

                                             Der Fluss als erlebnispädagogischer Lernort für Schule und Jugendsozialarbeit 

                                          Praxis-Leitfaden für die Planung, Organisation und Durchführung von Kanuprojekten

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Inhaltsverzeichnis

 Vorbemerkung ..........................................................................................................................................................................................

Vorwort......................................................................................................................................................................................................

Das erlebnispädagogische Rahmenkonzept der Kanuprojekte ...............................................................................................................

Einstieg ins Projektkonzept ........................................................................................................................................................................

Die Prinzipien der Erlebnispädagogik ...........................................................................................................................................................

Erlebnispädagogik heute ............................................................................................................................................................................

Das SchuB-Konzept „schreit“ nach Erlebnispädagogik ..................................................................................................................................

Die Zielsetzung des SchuB-Projekts „Kanufahren als soziale Therapie“ ...........................................................................................................

Warum das Kanuprojekt idealtypisch die Kriterien des praktischen SchuB-Lernens erfüllt .................................................................................

Kanuprojekt und Öffentlichkeit .....................................................................................................................................................................

Das erlebnispädagogische Konzept in der Kanuprojekt-Praxis ........................................................................................................................

Die Vorbereitungsphase ..............................................................................................................................................................................

Preisangebote und Materialsammlung ...........................................................................................................................................................

Kanuprojekt-Bibliothek ................................................................................................................................................................................

Besondere Projekttage – Kanuanhänger beladen, Paddeln, Zelten, Kochen, Erste Hilfe ....................................................................................

Spielerischer Umgang mit dem Kanu und Paddel-Schule ...............................................................................................................................

Die Projektvorbereitung im Regelunterricht ....................................................................................................................................................

Zusätzliche Betreuer/innen und ihre Qualifikation – Betreuerschulung ..............................................................................................................

Den Tourencharakter festlegen – Minimalausrüstung oder volles Programm? ....................................................................................................

Die Erstellung des Tourenplans ....................................................................................................................................................................

Das Erstellen des Finanzplans .....................................................................................................................................................................

Die Durchführungsphase ..............................................................................................................................................................................

Material-Check und Verladung ......................................................................................................................................................................

Der Start ....................................................................................................................................................................................................

Risiken und Gefahren beim Autotransport ......................................................................................................................................................

Erster und zweiter Tag – Aller Anfang ist schwer ............................................................................................................................................

„Wir sind gut – Wir wollen zum Rhein!“ ..........................................................................................................................................................

Warum Lagerfeuer wichtig sind ....................................................................................................................................................................

Die Bedeutung von „Erkennungsmelodien“......................................................................................................................................................

Nicht immer LEARNING BY DOING .............................................................................................................................…………………………

Dritter Tag – Die Ruhe vor dem Sturm ...........................................................................................................................................................

Die Ernährung bei Kanuprojekten .................................................................................................................................................................

Vierter Tag – Die „Expedition“ als Bewährungsprobe .......................................................................................................................................

Fünfter Tag – Kultur und Erholung .................................................................................................................................................................

Sechster Tag – Die „Königsetappe“................................................................................................................................................................

Kanufahren – Gewässerökologie – Naturschutz ..............................................................................................................................................

Siebter und achter Tag – Aus „Survival“ wird Kanuurlaub ..................................................................................................................................

Am Ziel .......................................................................................................................................................................................................

Die Aufräum-, Reflexions- und Präsentationsphase .........................................................................................................................................

Abladen, Reinigen und Verstauen der Kanuausrüstung ...................................................................................................................................

Raum lassen für Redebedarf .........................................................................................................................................................................

Vorzeigen und erzählen, was wir gemacht haben ............................................................................................................................................

Internetpräsentation ....................................................................................................................................................................................

Bild- und Filmpräsentation auf Elternabend ....................................................................................................................................................

Fotoausstellung im Schulgebäude ................................................................................................................................................................

Was unterm Strich bei rauskommt – Die Schülerresonanz – ...........................................................................................................................

Schriftliche Statements der SchuB-Klasse H8c zum Lahnprojekt ....................................................................................................................

Lose Sammlung von früheren Schülerstatements ...........................................................................................................................................

„Ich erlebe, also bin ich.“ – Theoretische Grundlagen zur Erlebnispädagogik in der Schule  ................................................................

Vordenker und Wegbereiter der modernen Erlebnispädagogik .........................................................................................................................

Was ist Erlebnispädagogik?.........................................................................................................................................................................

Begriffsbestimmung: Vom erlebnisorientierten Unterricht zur Erlebnispädagogik ...............................................................................................

Zielsetzungen der Erlebnispädagogik ............................................................................................................................................................

Handlungsfelder der modernen Erlebnispädagogik .........................................................................................................................................

Erlebnispädagogik in der Jugendarbeit als Antwort auf die veränderte Lebenswelt .............................................................................................

Zur Aktualität erlebnispädagogischer Projekte im Kontext einer ‚Erlebnisgesellschaft’ .......................................................................................

„Welches Bild habe ich von mir?“ Erlebnispädagogik zur Förderung eines positiven Selbstbilds ..........................................................................

Das Selbstkonzept im Kontext von Identität ..................................................................................................................................................

Kategorisierung und Differenzierung von Selbstkonzepten ..............................................................................................................................

Das Zusammenspiel von Selbstkonzept, Selbstwertgefühl und Kontrollüberzeugungen – Zum Begriffsverständnis der vorliegenden Arbeit ..............

Die Entwicklung des Selbstkonzepts von Schülern im Rahmen schulischer Lern- und Leistungssituationen ........................................................

Zum Zusammenhang eines negativen Selbstkonzepts und schulischer Leistung ...............................................................................................

Möglichkeiten einer positiven Einflussnahme durch erlebnispädagogische Aktivitäten ........................................................................................

Autorenporträts

Literaturliste 

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                                                                                            Vorbemerkung

Nichts bleibt, wie es ist, auch nicht in Deutschlands Schulen. Obwohl  das Bildungswesen nur sehr zäh auf veränderte Lebensumstände, neue Fakten und pädagogisch relevante Erkenntnisse und Forschungsergebnisse reagiert und der gesellschaftlichen Entwicklung hinterherhinkt. Doch deutlich beschleunigt wird dieses bedauerliche Hinken durch internationale Bildungsvergleichsstudien, die dem deutschen Bildungssystem schlechte Noten erteilen.

Einschneidende Veränderungen bahnen sich an, sowohl in der Schulorganisation als auch in den Lernkonzepten. Zunächst einmal wird die schon lange überlebte Halbtagsschule in eine flächendeckende Ganztagsschule verwandelt. Dann wird mehr und mehr die Dreigliedrigkeit des deutschen Schulsystems in Frage gestellt. Andere Länder mit Gesamtschulkonzepten scheinen ihre Jugend erfolgreicher auf die Anforderungen der Zukunft vorzubereiten.

Aber nicht nur die Organisationsformen der Schule von gestern und heute sind in Frage gestellt, sondern genauso ihre Lerninhalte und Lernmethoden. Die Schule der Zukunft muss Altes, Überholtes schneller über Bord werfen können, und Neues effektiver und lustvoller in Lehrer- und Schülerköpfe transportieren. An alle Menschen, die direkt oder indirekt vom Prozess neuer Bildung betroffen sind oder überrollt werden – Schüler, Lehrer, Eltern, Bildungspolitiker - stellen sich neue Anforderungen. Die kann man ablehnen oder annehmen.

Wir – Sina Brendel und Gerd Kassel – die Autoren dieses Buches, betrachten es als interessante Herausforderung. Wir möchten unseren kleinen, bescheidenen, aber eigenen Beitrag zur anrollenden Bildungserneuerung in Deutschland liefern. Wir sind Tochter und Vater und beide mit Freude Lehrer im deutschen Schuldienst. Sina steht erst am Anfang, Gerd schon beinahe am Ende eines interessanten Berufslebens mitten unter Kindern, die gebildet und erzogen werden müssen. Wir vereinen daher im regen Streit und Gedankenaustausch Neues und Altes zu Aktuellem. Herausgekommen ist dabei nicht nur ein gutes Tochter/Vater-Verhältnis, sondern dieses gemeinsame Buch, dessen Inhalt uns für die Schule von morgen so relevant erscheint, dass wir es veröffentlichen. 

Ein wichtiger Titel unseres Buches lautet: „Übers Wasser auf zu neuen Ufern!“ Wie ist das zu verstehen? Nun, sinnbildlich, aber auch direkt. In der Geschichte unserer Gattung kamen Menschen immer wieder an große, unüberwindbar erscheinende, natürliche Grenzen: Berge und Wasser. Doch beide Grenzen hatten keinen Bestand. Die Neugier der Menschen war größer. Zunächst brachen Einzelne wie Kolumbus, später ganze Völker wie die Wikinger übers Wasser zu neuen Ufern auf. Das erforderte Mut und Durchhaltevermögen. Gefährliche Abenteuer waren zu bestehen. Die Suchenden machten zwangsläufig Grenzerfahrungen und mussten persönliche Grenzen überschreiten. Doch stets lockten neue Ufer.

Auch uns locken pädagogische Abenteuer und neue Ufer. So sind wir im Rahmen unserer pädagogischen Berufe, aber auch unserer privaten Aktivitäten folgerichtig bei der Erlebnispädagogik gelandet. Die ist zwar nicht mehr nagelneu und furchtbar spannend, aber in ständiger Entwicklung begriffen – und auf dem Weg in die öffentlichen Schulen. Dabei wollen wir ihr mit unserem Buch etwas unter die Arme greifen. Denn wir sind der Meinung, dort gehört sie hin!

Die Ganztagsschule von morgen wird keine Lernfabrik von gestern mehr sein. Neben der Theorie wird auch die Praxis ihre Daseinsberechtigung bekommen – und ganz besonders das praktische, anschauliche, schülerzentrierte Lernen. Die Schule von morgen wird traditionelle Lernorte durch neue ergänzen müssen. Dazu wird neben dem Lernen und Arbeiten in Schule und Betrieb (in Hessen heißt der laufende Modellversuch „SchuB“) auch der erlebnispädagogische Lernort Natur gehören. Die Schule von morgen muss nicht nur geistig beweglich sein, sondern auch ihren Schülern vermehrt Möglichkeiten zur körperlichen Bewegung bieten. Im Kampf gegen Bewegungsmangel, Übergewicht, Wachstumsstörungen und Zivilisationskrankheiten wird sich herkömmlicher Sportunterricht mit Natur und Erlebnispädagogik verbünden. Die Ausübung von Natursportarten wird in Schulpläne Einzug halten.

Wie das konkret möglich und realisierbar ist, das schildern wir in diesem Buch in Theorie und Praxis am Beispiel eines erlebnispädagogischen, wassersportlichen Kanuprojekts, das wir schon seit vielen Jahren an der größten Schule Hessens, der Kopernikusschule Freigericht, durchführen.

Wir sind Praktiker und arbeiten beim Kanuprojekt natürlich nach dem Motto: „Übers Wasser auf zu neuen Ufern!“ Aber das hier geschilderte Konzept, seine theoretische Herleitung und praktische Umsetzung ist natürlich auch übertragbar auf  Segel- oder Floßbauprojekte. Unter dem Motto „Wille versetzt Berge!“ plant Sina Brendel gerade erlebnispädagogische Kletterprojekte mit Schulklassen. Das ist zwar eine andere „Baustelle“, aber mit ähnlichem gedanklichem Hintergrund, der unsere Kanuprojekte sinnvoll erscheinen lässt.

Ein weiterer Titel dieses Buches lautet „Kanufahren als soziale Therapie“. Was soll das? Was hat Bootfahren mit Therapie zu tun? Nun, wir sind keine Psychotherapeuten, sondern Lehrer. Dort bei der Ausübung unseres Berufs stellen wir tagtäglich fest, dass eine wachsende Zahl von Kindern schlecht oder gar nicht erzogen ist. Manche zeigen Verhaltensstörungen. Viele sind unsozial, egoistisch, unkameradschaftlich oder gar gewalttätig. Das kann so nicht bleiben! Das gehört geändert, therapiert, geheilt. Immer mehr Eltern und Politiker verlangen von der Schule, dass sie nicht nur Wissen vermittelt und lehrt, wie man lernt, sondern die Kinder auch erzieht. Also fangen wir einfach mal damit an. Nur: Moralpredigten und Meckerpädagogik verändern wenig. Wir probieren es daher mit Projekten, die fortlaufend Situationen schaffen, die soziales Verhalten aller Teilnehmer erfordern und fördern. Unser hier vorgestelltes Kanuprojekt trägt deshalb ganz bewusst den Titel „Kanufahren als soziale Therapie“!

Wir hoffen, mit unserem kleinen Buch ein wenig dazu beizutragen, die Schule der Zukunft beweglich, lebendig und interessant zu gestalten.

 

Sina Brendel – München                                                                                                                                            Gerd Kassel – Freigericht


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                                                                                             Vorwort

                                                                  Dieser Projektreader steht unter folgendem Motto:

                                                                                  Man sollte Kinder lehren,

                                                                        ohne Netz auf einem Seil zu tanzen,

                                                              bei Nacht allein unter freiem Himmel zu schlafen,

                                                            in einem Kahn auf das offene Meer hinaus zu rudern.

                                                                                   Man sollte sie lehren,

                                                           sich Luftschlösser statt Eigenheime zu erträumen,           

                                                          nirgendwo sonst als hier im Leben zu Hause zu sein

                                                                und in sich selbst Geborgenheit zu finden.

                                                       Aus: Vom Junkie zum Ironman; J. Schmitt-Kilian, Kreuz-Verlag

Auch der Normalbürger erkennt zunehmend, was Fachleute schon länger wissen: Immer öfter haben Kinder und Jugendliche mit sich und ihrem sozialen Umfeld Probleme. Kinder- und Schulpsychologen, Verhaltens- und Familientherapeuten haben Hochkonjunktur. Erziehungs- und Suchtberatungsstellen sind überlaufen. Warum? Das war doch früher nicht so! Wo liegen die Ursachen? Diese Frage soll und kann dieser Projektreader nicht fachmännisch beantworten. Wir sind Schullehrer und „praktizierende“ Pädagogen, aber weder Soziologen noch Psychotherapeuten. Trotzdem, wir haben uns schon lange Gedanken gemacht, wie man die Verhaltensstörungen junger Menschen verhindern, stoppen oder wenigstens vermindern kann.

Eigentlich ist die Sache ja ganz einfach: Dort, wo Kinder aufwachsen und erzogen  werden, dort werden sie auch verhaltensgestört (gemacht). Irgendwas ist faul mit den herkömmlichen Erziehungseinrichtungen (Sozialisationsinstanzen) Familie, Kindergarten und Schule, ganz zu schweigen von den modernen Medien, die Kinderköpfe verwirren. Auch wenn die Gene stärker sind, als man früher glaubte, so werden Kinder doch nicht verhaltensgestört geboren. Die Erwachsenenwelt mit ihrer „gestörten“ Erziehung und ihrem jugendfeindlichen Umfeld ist schuld, wenn ihre Nachkommen mit dem Leben nichts Sinnvolles anzustellen wissen.

Auf der Suche nach einer praktischen Erziehungslehre, welche dem „Gestörtwerden“ (nicht nur) junger Menschen entgegenarbeiten kann, ist Gerd Kassel schon als Student auf die sogenannte „Erlebnispädagogik“ gestoßen. Sie ist eigentlich ein alter Hut. Aber die in ihrem Mittelpunkt stehende „Erlebnistherapie“ hat in den Folgejahren unser Erziehungsverhalten im Beruf und privat stark geprägt. Heute ist die Erlebnistherapie als soziale Therapie von Kindern und Jugendlichen wieder aktueller denn je – und in aller Munde. Und erlebnispädagogische Konzepte und Projekte finden ihren Platz in Modellversuchsklassen (z.B. die sogenannten SchuB-Klassen in Hessen) und modernen Ganztagsschulen. Warum, das dürfte auf den folgenden Seiten dieses Buches deutlicher werden.

Allerdings gleich vorneweg: Erlebnispädagogik und –therapie ist nach unserem Verständnis keineswegs nur eine Art „Sonderpädagogik mit natursportlichem Schwerpunkt“ für schwer erziehbare, missratene Problemkinder und straffällig gewordene Jugendliche in Kurzzeitprojekten. Nein, sie wird zunehmend wichtiger Bestandteil eines umfassenden Erziehungskonzepts für Kindergarten, Schule, Familie und Jugendsozialarbeit – vom Windelalter bis zum Abitur und darüber hinaus. Selbst im Alter jenseits der 50 wird Gerd Kassel heute noch durch Erlebnisse in freier Natur „therapiert“. Immer wenn es ihm schlecht geht – eingesperrt und gehetzt zwischen den grauen Betonwänden des Alltags – dann verordnet er sich als Selbsttherapie gegen Stress, Hausstaub und Depression eine „Dosis“ Natur. Er schnappt sich ein Kajak (Surfbrett, Fahrrad, Rucksack, Skier, was halt gerade geht) und bleibt so lange draußen, bis sein Hirn wieder „freigepustet“ ist. Manchmal verpasst er sich auch eine „Überdosis“ davon, doch keine war bisher tödlich. Und noch eins möchten wir hier loswerden: wir lernen am liebsten anschaulich und praktisch  - und nur das, was wir wirklich brauchen. Denn die immer dicker werdenden Benutzerhandbücher für digitale „Superknaller“ wie Uhren, Rasierapparate, Handys, Radios, Fotoapparate, PCs usw. erregen immer öfter Ekelgefühle in uns. Sie fliegen in die Ecke. Ehe wir die alle von A bis Z durcharbeiten, gehen wir lieber nach den Prinzipien „Learning by doing“ oder „Trial-and-error“ vor. Das dauert manchmal länger, macht aber mehr Spaß und bleibt länger in unseren Hirnen gespeichert. Gerade hat Sina Brendel beschlossen, mal einen ausrangierten Rechner in seine Einzelteile zu zerlegen, damit sie endlich begreift, wie das „Motherboard“ aussieht und wo die „RAM“-Bauteile stecken.

Neulich lasen wir das folgende Lebensstatement der 85-jährigen Nadine Stair (zitiert in: Annette Reiners, Praktische Erlebnispädagogik) und wir erkannten: Für Einsichten ist es nie zu spät! Erlebnispädagogik ist keine graue Theorie, die wir nur benutzen, um Kinder zu erziehen, sondern auch unser persönliches Lebensprinzip:

Wenn ich mein Leben noch mal leben könnte, würde ich versuchen, mehr Fehler zu machen. Ich würde mich entspannen. Ich würde bis zum Äußersten gehen. Ich würde alberner als bei diesem Trip sein. Ich weiß einige Dinge, die ich ernster nehmen würde. Ich würde verrückter sein. Ich würde weniger hygienisch sein. Ich würde mehr Chancen wahrnehmen. Ich würde mehr unternehmen. Ich würde mehr Berge besteigen, in mehr Flüssen schwimmen und mehr Sonnenuntergänge beobachten. Ich würde mehr Eis und weniger Spinat essen. Ich würde mehr aktuelle Probleme und weniger eingebildete haben.

Wie Du siehst, bin ich einer von den Menschen, die prophylaktisch vernünftig und gesund leben. Stunde um Stunde, Tag für Tag. Oh, ich hatte meine Momente und wenn ich noch mal leben könnte, hätte ich viele mehr. Eigentlich würde ich gar nichts anderes wollen. Einfach nur Augenblicke, einen nach dem anderen, anstatt so viele Jahre im Voraus zu leben und zu denken. Ich war eine von der Sorte Leute, die nirgendwohin ohne ein Thermometer, eine Flasche mit heißem Wasser, ein Gurgelwasser, einen Regenmantel und einen Fallschirm gehen. Wenn ich noch mal leben könnte, würde ich leichter reisen als bisher. 

Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte, würde ich im Frühling früher anfangen, barfuß zu laufen und im Herbst später damit aufhören. Ich würde öfter die Schule schwänzen. Ich würde gute Noten nur aus Versehen schreiben. Ich würde öfter Karussell fahren. Ich würde mehr Gänseblümchen pflücken.

Wenn Du Dich andauernd nur schindest, vergisst Du sehr bald, dass es so wunderschöne Dinge gibt, wie zum Beispiel einen Bach, der Geschichten erzählt und einen Vogel, der singt.

Wenn Gerd Kassel, schon nahe an der Pensionierung, sein Leben noch mal leben könnte, würde er vieles so machen wie bisher, nur mit weniger Zweifeln und Ängsten, was falsch zu machen. Denn jenseits von 50 Jahren weiß er aus praktischer, anschaulicher Lebenserfahrung, was richtig und gut ist – für ihn und seine Schüler/innen. Das mag in den Augen mancher anmaßend klingen. Das ist ihm aber mit zunehmendem Alter immer mehr egal.

Früher hat er mit Schulklassen erlebnispädagogische Ski-Camps in Österreich und Segeltörns auf Nord- und Ostsee organisiert – bis das für viele Eltern der Hauptschule, wo er meist unterrichtet, zu teuer wurde. Daraufhin entdeckte er das "Kanufahren als soziale Therapie“ – und bezahlbare Alternative zum Skifahren und Segeln. Kanufahren gehört zu den schönsten Erlebnissen und umweltverträglichsten Fortbewegungsarten in der Natur. Es ist daher nicht verwunderlich, dass sich das Paddeln bei Jung und Alt steigender Beliebtheit erfreut. Auch sieht man immer mehr Schulklassen, Jugendgruppen und Familien auf Flüssen und Seen in den dafür geeigneten Kanurevieren Europas. So erscheint es uns sinnvoll und logisch, das pädagogische Potential, welches im Kanufahren steckt, für die Erziehungsarbeit in Schulklassen systematisch zu nutzen. 

Das Kanufahren ist nämlich nicht nur sportliche, aktive, vergnügungsvolle Freizeitbeschäftigung für Kinder und Jugendliche. Es bietet darüber hinaus zahlreiche Möglichkeiten praktischen Lernens, wie es der herkömmliche Lernort Schule im täglichen, überwiegend theoretischen Unterricht nicht bieten kann.

Immer öfter werden Lernprozesse in Form von Projektunterricht nach draußen „vor Ort“ verlegt, da dort die Wissensaneignung und das soziale Verhaltenstraining anschaulicher, effektiver und interessanter zu organisieren und zu gestalten ist. Aber: Neben dem „Outdoor“-Unterricht erfreuen sich auch „Indoor“-Projekte mit ähnlicher Zielsetzung wie beim praktischen, handlungsorientierten Lernen draußen steigender Beliebtheit. Dies schlägt sich auch in neueren, schulischen Lehrplänen nieder. In jüngster Zeit haben verschiedene Bundesländer sogar in ihre standardisierten Hauptschulabschluss-Tests sogenannte „Projektprüfungen“ in Form von Schüler-Teamarbeit integriert, um das Arbeits- und Sozialverhalten der Schulabgänger zu überprüfen und im Abschlusszeugnis zu dokumentieren.

Das hessische SchuB-Modell – Lernen in Schule und Betrieb –  ist allerdings diesbezüglich die Krönung. Sowohl der hessische SchuB-Erlass als auch die umfangreiche, gut durchstrukturierte und kostenlos „mitgelieferte“ SchuB-Lehrerfortbildung versprechen nachhaltige Innovationen. Natürlich sind auch innovative Hauptschulkonzepte wie SchuB dabei, sich unter verschiedenen Namen (z.B. als „BuS“ in NRW), aber mit gleicher Zielsetzung bundesweit zu verbreiten.

Im Bundesland Hessen wurden schon vor Jahren in Zusammenarbeit zwischen dem Kultusministerium und dem Hessischen Kanuverband sogenannte „Kanu-Pools“ an verschiedenen Orten – meist bei Kanuvereinen mit geeigneten Unterstellmöglichkeiten – eingerichtet, wo sich Lehrer gegen geringe Gebühr Bootsmaterial für schulische Kanuprojekte ausleihen können.

Aber auch in der außerschulischen Erziehungs- und Jugendarbeit von den Pfadfindern über den CVJM, bis hin zu den Sportvereinen, Ferienspieleinrichtungen und Erziehungsheimen sind die verantwortlichen Jugendbetreuer und Sozialpädagogen auf der Suche nach attraktiven und lehrreichen Projekten auf das „Kanufahren als soziale Therapie“ gestoßen.

Bereits 1995 hat Gerd Kassel an der größten allgemeinbildenden Schule Hessens, der Kopernikusschule Freigericht, damit begonnen, ein Kanuprojekt-Konzept zu entwickeln und eine schuleigene, mobile Kanuflotte aufzubauen. Von Stund’ an war er mehrmals jährlich mit gut vorbereiteten Schulklassen auf mehrtägigen Kanutouren samt Zeltgepäck unterwegs. Mittlerweile findet auch im Rahmen des Wahlpflicht-Unterrichts der Kopernikusschule Freigericht regelmäßig und ganzjährig Kanuprojekt-Unterricht statt – sowohl draußen wie drinnen. Hier lernen die Schüler im Vorfeld alles, was sie für die „große Tour“ an Wissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten brauchen. Natürlich werden sie auch in die konkrete Tourenplanung und die Wartung und Pflege der schulischen Kanuflotte samt Zubehör eingebunden.

Wer beruflich viel mit dem Kanu unterwegs ist, der paddelt natürlich auch privat in der schönen, weiten Welt herum. Praktische, spannende Erlebnispädagogik war auch immer in unserem eigenen, privaten Leben von großer Bedeutung. Als Familie haben wir in den letzten 20 Jahren neben der Ausübung anderer Natursportarten auch zahlreiche Kanu-Familienreisen mit Kind und Kegel geplant, organisiert und durchgeführt.

Sina Brendel (geb. Kassel) hat neben ihrem Sportstudium auch zusätzliche Befähigungsnachweise für Natursportarten erworben. Sie ist vom DSV (Deutscher Skiverband) ausgebildete Ski- und Snowboardlehrerin und vom VDKS (Verband deutscher Kanu- und Outdoorschulen) geschulte Kanulehrerin. Sie hat bereits als Oberstufenschülerin der Kopernikusschule Freigericht und später während ihres Studiums in Frankfurt und München viele Kanuprojekte mit Schulklassen ihres Vaters verantwortlich begleitet. So verfügen wir also über die Erfahrung und das Know-how, um diesen Projektreader als Leitfaden für interessierte Lehrer und Sozialpädagogen zu schreiben. Vor mehr als einem Jahrzehnt kam Gerd Kassel auf die Idee, Erlebnisberichte und Outdoor-Bücher über seine Reisen per Boot, Bike und Pedes zu schreiben und zu veröffentlichen – weniger aus kommerziellem Interesse, sondern eher als persönlicher, erlebnispädagogischer „Schlusspunkt“ unter seine zahlreichen, privaten Aktionen und Projekte.

Das gilt natürlich erst recht für unsere schulischen Abenteuer. Zum realen Planen, intensiven Erleben und praktischen Lernen gehört letztendlich als „Ergebnissicherung“ auch das darüber Erzählen – nicht nur für die beteiligten Kinder und Jugendlichen, sondern auch für uns als (mit)machende Lehrer.

Daher ist dieser Projektreader auch ein Erfahrungsbericht – und es ist uns dabei ein besonderes Anliegen, langweilige, trockene, akademische und theoretische Erörterungen möglichst zu vermeiden. Wir selbst lesen und lieben nur Bücher, die anschaulich, verständlich und unterhaltsam Wissenswertes vermitteln und deren Autoren auf pseudo-schlaues, fachwissenschaftliches Worthülsen-Gerassel und „Bandwurmsätze“ verzichten. Wir hoffen, es gelingt uns, unseren persönlichen Anspruch an Bücher anderer Leute hier selbst zu realisieren.

Zum Abschluss unseres Vorworts möchten wir noch eine nette, mittlerweile weit verbreitete Geschichte eines unbekannten Autors zitieren, die uns neulich eine alte Freundin zum Thema „Kindererziehung im Alltag“ zuschickte. Sie stammt aus dem STERN 1/2004 und beleuchtet den Kinderalltag von früher, als alles scheinbar noch viel besser war:

                                                                              Und niemand hatte Schuld

                             Im Internet kursiert ein Text, so schön und wahr, dass wir ihn drucken, ohne den Urheber zu kennen.

                                                                             Eine Generationengeschichte

Wenn du nach 1978 geboren wurdest, hat das hier nichts mit dir zu tun…. Verschwinde! Kinder von heute werden in Watte gepackt…

Wenn du als Kind in den 50er, 60er oder 70er Jahren lebtest, ist es zurückblickend kaum zu glauben, dass wir so lange überleben konnten! Als Kinder saßen wir in Autos ohne Sicherheitsgurte und Airbags. Unsere Bettchen waren angemalt in strahlenden Farben voller Blei und Cadmium. Die Fläschchen aus der Apotheke konnten wir ohne Schwierigkeiten öffnen, genau so wie die Flasche mit Bleichmittel. Türen und Schränke waren eine ständige Bedrohung für unsere Fingerchen. Auf dem Fahrrad trugen wir nie einen Helm. Wir tranken Wasser aus Wasserhähnen und nicht aus Flaschen. Wir bauten Wagen aus Seifenkisten und entdeckten während der ersten Fahrt, dass wir die Bremsen vergessen hatten. Damit kamen wir nach einigen Unfällen klar. Wir verließen morgens das Haus zum Spielen. Wir blieben den ganzen Tag weg und mussten erst zu Hause sein, wenn die Straßenlaternen angingen. Niemand wusste, wo wir waren und wir hatten nicht mal ein Handy dabei! Wir haben uns geschnitten, brachen Knochen und Zähne und niemand wurde deswegen verklagt. Es waren eben Unfälle. Niemand hatte Schuld außer wir selbst. Keiner fragte nach „Aufsichtspflicht“. Kannst du dich noch an „Unfälle“ erinnern? Wir kämpften und schlugen einander manchmal bunt und blau. Damit mussten wir leben, denn es interessierte den Erwachsenen nicht. Wir aßen Kekse, Brot mit Butter dick, tranken sehr viel und wurden trotzdem nicht zu dick. Wir tranken mit unseren Freunden aus einer Flasche und niemand starb an den Folgen. Wir hatten nicht: Playstation, Nintendo 64, X-Box, Videospiele, 64 Fernsehkanäle, Filme auf Video, Surround-Sound, eigene Fernseher, Computer, Internet-Chat-Rooms. Wir hatten Freunde. Wir gingen einfach raus und trafen sie auf der Straße. Oder wir marschierten einfach zu deren Heim und klingelten. Manchmal brauchten wir gar nicht klingeln und gingen einfach rein. Ohne Termin und gegenseitiges Wissen unserer Eltern. Keiner brachte uns und keiner holte uns… Wie war das nur möglich?

Wir dachten uns Spiele aus mit Holzstöcken und Tennisbällen. Außerdem aßen wir Würmer. Und die Prophezeiungen trafen nicht ein: Die Würmer lebten nicht in unseren Mägen für immer weiter, und mit den Stöcken stachen wir nicht besonders viele Augen aus. Beim Straßenfußball durfte nur mitmachen, wer gut war. Wer nicht gut war, musste lernen, mit Enttäuschungen klarzukommen. Manche Schüler waren nicht so schlau wie andere. Sie rasselten durch Prüfungen und wiederholten Klassen. Das führte nicht zu emotionalen Elternabenden oder gar zur Änderung der Leistungsbewertung. Unsere Taten hatten manchmal Konsequenzen. Und keiner konnte sich verstecken. Wenn einer von uns gegen das Gesetz verstoßen hat, war klar, dass die Eltern ihn nicht aus dem Schlamassel heraushauen. Im Gegenteil: Sie waren der gleichen Meinung wie die Polizei! So etwas!

Unsere Generation hat eine Fülle von innovativen Problemlösern und Erfindern mit Risikobereitschaft hervorgebracht. Wir hatten Freiheit, Misserfolg, Erfolg und Verantwortung. Mit allem wussten wir umzugehen.  

Im Rückblick erscheint den meisten Menschen früher immer alles besser gewesen zu sein als heute. Und manchmal ist das auch tatsächlich so, wie aus der obigen „Generationengeschichte“ ersichtlich wird. Aber selbst die Generation des zweiten Weltkriegs, welcher in den Schützengräben eines mörderischen Krieges die Jugend gestohlen wurde, schwärmte später nichtsdestotrotz von den abenteuerlichen Geländespielen, den häufigen Zeltlagern, der Lagerfeuerromantik und der vorbildlichen Kameradschaft in der „Hitlerjugend“ – gedanklich losgelöst von den Zielen, welche die Nationalsozialisten mit ihrer Jugenderziehung „Zäh wie Leder – hart wie Kruppstahl“ tatsächlich verfolgten. Zweifellos enthielt diese paramilitärische Erziehung Elemente der Erlebnispädagogik und kam somit bei vielen Jugendlichen gut an. Nicht nur im „Dritten Reich“, auch anderswo auf der Welt wurde sie erfolgreich für menschenfeindliche Ziele missbraucht.

Deshalb möchten wir hier klipp und klar feststellen: Für uns ist die moderne Erlebnispädagogik demokratischen Erziehungszielen verpflichtet und hat Jugendliche zu kritischen Menschen zu erziehen, die in der Lage sind, ihre eigenen Interessen zu erkennen. Auch wenn es heute immer lauter gefordert wird, junge Menschen in Erziehung und Ausbildung an die Erfordernisse der modernen Wirtschaftsgesellschaft anzupassen – im Mittelpunkt der Pädagogik hat der einzelne Mensch zu stehen, der selbst entscheiden darf, was mit ihm und seinem Leben passiert.

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                                                      Teil 1: Das erlebnispädagogische Rahmenkonzept der Kanuprojekte 

1.1. Einstieg ins Projektkonzept 

Um unterhaltsam über unsere Kanuprojekte an der Kopernikusschule Freigericht zu berichten, wählen wir gelegentlich die Reportage. Der folgende Bericht wurde von Gerd Kassel für das bekannte KANUMAGAZIN (www.kanumagazin.de) geschrieben und dort unter der Überschrift „Das paddelnde Klassenzimmer“ in gekürzter Fassung veröffentlicht. Nicht zuletzt hat uns die Leserresonanz veranlasst, heute diesen ausführlichen Kanuprojektreader zu schreiben.

--------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------Das ungekürzte Manuskript des Zeitschriftenartikels „Das paddelnde Klassenzimmer“:

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Ausgebootet!?

Immer mehr Kinder und Jugendliche stehen heute neben sich und der Gesellschaft, ohne guten Schulabschluss, ohne Hoffnung auf Lehrstelle und Job. Frustriert vom Leben fühlen sie sich überflüssig, abgeschoben – ausgebootet! Die logische Folge: Sie hängen ab, saufen, kiffen, schlagen um sich – oder schießen wie in Erfurt Lehrer tot. Das kann und darf wohl so nicht bleiben, meint Gerd Kassel als Lehrer für ungeliebte Hauptschüler an einer hessischen Gesamtschule. Seit Jahren versucht er in erlebnispädagogischen Unterrichtsprojekten mit praktischem Schwerpunkt ausgeflippte Kids zurück ins  Boot zu holen – im wahrsten Sinne des Wortes. Zu diesem Zweck hat er eine schuleigene Kanuflotte und in Theorie und Praxis sein Projekt „Kanufahren als soziale Therapie“ aufgebaut. Auf den folgenden Seiten möchte er von seinen Erlebnissen damit erzählen – und ob’s unterm Strich was bringt, mit einer wilden Schülerhorte auf große Kanutour zu gehen.Kanufahren live: Szene 1 – Hameln an der Weser

Unglaublich! 25 Kids stürzen sich mit freudigem Gejohle kopfüber in das schmutzige und kalte Wasser des Weserflusses. Ich versuche noch, sie zurückzuhalten, doch niemand und nichts kann sie in ihrer überschäumenden Begeisterung bremsen. Auch ich muss dran glauben! Mein Kanu wird zum Kentern gebracht und ich versinke fluchend in den braunen Fluten eines der schönsten  Kanuwanderflüsse Deutschlands. Diese Vollidioten, muss das sein nach einem langen und anstrengenden Paddeltag? Es scheint so. Eine wilde Wasserschlacht beginnt – nicht etwa in Badebekleidung, sondern in voller Schlechtwetter-Montur mit Regenanzügen, Gummistiefeln und Schwimmwesten. Zum Glück in Schwimmwesten, sonst wären jetzt einige vor Erschöpfung glatt abgesoffen. „Hurra, wir haben’s geschafft! Wir sind da!“ Immer wieder wird die unbändige Freude herausgebrüllt: „Hurra, wir sind am Ziel! Wir haben’s gepackt! Wahnsinn!“

Ein unbeteiligter Beobachter dieser merkwürdigen Szenerie – noch dazu in den Abendstunden eines kühlen, total verregneten Frühsommertages, an dem normalerweise kein Hund vor die Tür geht – hätte sich mit Grausen abgewandt: Typisch, die Jugend von heute! Total durchgeknallt!

Wie es der Teufel will, nähert sich in dem Moment, als ich prustend ans Ufer robbe, ein älterer, griesgrämiger Herr mit Regenschirm und widerwilligem Dackel auf Gassi-Tour. Kopfschüttelnd bleibt er stehen und schaut ungläubig auf meine tobende Schulklasse. „Sind sie etwa der verantwortliche Lehrer dieser Verrückten da?“ fragt er mich prompt. Mir bleibt nichts anderes übrig, ich muss bejahen. „Besitzen sie nicht die Autorität, diesen Unsinn da zu verhindern?“ will er auch noch wissen. „Nein, im Moment brauche ich keine Autorität mehr. Es ist alles bestens. Ich bin am Ziel. Da wollt’ ich hin!“ provoziere ich weiteres Unverständnis bei dem alten Mann, der zornig mit der Bemerkung weiterdackelt: „Und das schimpft sich Pädagoge! Kein Wunder, dass unsere Jugend immer fauler und verwahrloster wird!“ Ich nehm’s halbwegs gelassen hin, denn was dieser verständnislose Mensch natürlich nicht wissen kann und will: Meine 9. Hauptschulklasse, die in unserer Schule tatsächlich nicht den besten Ruf besitzt und in den letzten Jahren als ‚schwer erziehbar’ abgestempelt worden ist, hat heute eine fantastische Leistung vollendet. 232,5 Kilometer weiter oben am Fluss sind wir vor 7 Tagen in Rotenburg an der Fulda zu einer Kanu-Gepäcktour gestartet und haben heute abend trotz Dauerregen, Gegenwind und Kälte unser Ziel Hameln an der Weser erreicht. Das ging nur mit großer Ausdauer, guter Moral und in kameradschaftlicher Zusammenarbeit.

Im Jahr zuvor war ich mit dieser sogenannten Problem-Klasse bereits zu einer mehrtägigen Kanu-Übungstour auf der für Jugendgruppen bestens geeigneten Lahn unterwegs. Die auf diesem beliebtesten deutschen Kanuwanderfluss erworbenen Fähigkeiten und Kenntnisse wurden in den zurückliegenden Tagen unter schwierigsten Wetterbedingungen auf unserer Fulda/Weser-Abschlussfahrt bestens umgesetzt, sonst hätten wir unser Ziel hier heute abend in Hameln wohl kaum erreicht. Die ausgelassene und übermütige Stimmung meiner Schülerinnen und Schüler, die vor Freude und Stolz über ihre vollbrachte Leistung noch immer in der Weser rumtoben, ist also vollkommen o.k. und berechtigt – egal, was manche Menschen von gestern darüber denken.

Aber jetzt wird’s trotzdem Zeit, diese Wasser-Fete zu beenden, ehe die Dunkelheit anbricht. Ich greife zur unüberhörbaren Trillerpfeife und brülle meine letzten Kommandos: „Alles raus! Boote und Gepäck auf die Zeltwiese! Lager aufbauen und dann unter die Dusche! Um 21 Uhr Treffpunkt in der Campingplatz-Kneipe. Ich geb’ einen aus.“  Zum letzten Mal flutscht alles wie geschmiert. Schade, dass das der alte Mann mit seinem Dackel nicht mehr mitbekommt, um sein voreiliges Urteil revidieren zu müssen.

Gedankliche Vorüberlegungen

Soweit, so gut, oder? Wer das bezweifelt, dem möchte Gerd Kassel kurz sein erlebnispädagogisches Rahmenkonzept für solcherlei Kanu-Projekte – wie oben im Live-Ausschnitt geschildert – vorstellen. Die Sinnhaftigkeit vom „Kanufahren als soziale Therapie“ für (keineswegs nur) schwierige Kinder und Jugendliche beruht auf folgendem gedanklichen Hintergrund: 

Immer mehr Kinder und Jugendliche entwickeln sich zu reduzierten Persönlichkeiten im körperlichen und psycho-sozialen Bereich.

Passives Konsumieren hat aktives Tun weitgehend aus dem Alltagsleben von  Kindern und Jugendlichen verdrängt. Anstelle tatsächlich erlebter und gelebter Wirklichkeit – einer unmittelbaren Erfahrung – ist eine durch Medien transportierte Schein-Erfahrung getreten. 

Überkommene soziale Strukturen, in denen sich Kinder und Jugendliche anerkannt, sicher und geborgen fühlen können, gehen zusehends verloren.

Die Folgen sind körperliche und seelische Verarmung, Vereinsamung, Kommunikations- und Kontaktschwierigkeiten, physische, psychosomatische und psychische Störungen, sowie die Zunahme von Ersatzbefriedigungen aller Art, von aggressiven, gewalttätigen Verhaltensweisen, Anfälligkeit für rechtsradikale, rassistische Ideologien, Drogenkonsum und Jugendkriminalität.

Diesen Tendenzen, die ihren Ursprung in einer fatalen Veränderung der Gesellschaft und der Lebensumstände von Kindern und Jugendlichen haben, in einem ganzheitlichen Bildungsansatz von Kopf, Herz und Hand entgegenzuwirken, ist mehr denn je Aufgabe von Erziehung, Schule und Jugendsozialarbeit – trotz der banalen Erkenntnis, dass Übel wirksam nur zu bekämpfen sind, wenn ihre Ursachen beseitigt werden.

Alle Einrichtungen, die mit Kinder- und Jugenderziehung beauftragt sind, müssen Gelegenheit bieten, Dinge zu tun und zu lernen, die der drohenden oder faktischen Persönlichkeitsverarmung junger Menschen Einhalt gebieten – ob in der Familie, im normalen, alltäglichen Schulunterricht, in besonderen Projekten oder Projektwochen, freiwilligen Nachmittagsprogrammen, mehrtägigen außerschulischen Veranstaltungen und nicht zuletzt im gesamten Spektrum der Kinder- und Jugendsozialarbeit. 

Gerd Kassels Kanuprojekt „Kanufahren als soziale Therapie“ ist ein idealtypisches und anschauliches Beispiel für einen ganzheitlichen, fachübergreifenden und handlungsorientierten Bildungsansatz und damit wegweisend für viele ähnliche Projekte.

Natürlich kann man einwenden: Was soll der ganze Aufwand mit dem Kanufahren? Jeden Tag ein paar Runden um den Fußballplatz und die Kinder in Sportvereine oder zur Freiwilligen Jugendfeuerwehr geschickt, tut’s doch eigentlich auch, oder? Klar, nur haben die Kinder und Jugendlichen, von denen hier die Rede ist, dazu meist „Null Bock“!  Man muss sich als Eltern, Lehrer, Jugendtreff-Betreuer, Sozialarbeiter oder Heimerzieher schon was Spannenderes einfallen lassen, um die Kids vom Fernseher und PC wegzulocken. Kanufahren – noch dazu mit Sack und Pack über mehrere Tage auf einem interessanten Fluss – vermittelt einen Hauch von Selbstbestimmung, Freiheit und Abenteuer, bei dem selbst der Blödeste bald merkt, dass man ein solch tolles, echtes Erlebnis nicht durch das Rauchen einer Marlboro-Zigarette erkaufen kann.

Kanufahren live: Szene 2 – Weilburg an der Lahn

Soeben haben wir mit 13 schwer beladenen Booten in gespenstiger Dunkelheit den einzigen Schifffahrtstunnel Deutschlands durchfahren, der mitten unter der historischen Altstadt von Weilburg hindurchführt. Es ist ein schwül-warmer Sonntag Anfang Juni. Hochsommerlich gekleidete Besucher der schönsten Kleinstadt Hessens schauen interessiert unserem Treiben zu. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde der Weilburger Tunnel in Rahmen der Schiffbarmachung der Lahn erbaut. An seinem unteren Ende befindet sich eine handbetriebene Doppelschleuse, die wir nun passieren müssen. Ich greife zur Trillerpfeife, um mir Gehör zu verschaffen: „Schleusen-Kommando aussteigen! Schleusentore öffnen!“ Vier Vorderleute aus vier Zweier-Kanadiern verlassen nacheinander über eine senkrecht in die Höhe führende, glitschige Eisenleiter den Schleusenkanal, um die Selbstbedienung der Anlage zu übernehmen. Eine langwierige und schweißtreibende Aufgabe: An den unteren Schleusentoren beide Schütze schließen, an den oberen alle öffnen, Schleusenkammer fluten, Schleusentore oben öffnen, Boote in Kammer einfahren lassen, Schleusentore und Schütze oben schließen und Schütze unten öffnen, Schleusenkammer entfluten, Schütze unten schließen und Schleusentore öffnen, Boote in Schleusenkammer 2 passieren lassen.., wo das gleiche Spiel von vorne beginnt.

Natürlich haben wir uns bei der intensiven Vorbereitung zu dieser mehrtägigen Kanufahrt der 8. Hauptschulklasse auf der Lahn mit der Funktionsweise und Bedienungsanleitung von Schleusenanlagen vertraut gemacht. Zur Veranschaulichung wurden im Arbeitslehre-Unterricht Miniatur-Schleusen im Modell nachgebaut. Für jede der zahlreichen handbetriebenen, alten Schleusen der Lahn, die vom Wasserschifffahrtsamt extra für Wasserwanderer in Stand gehalten und gewartet werden, wird im Vorhinein das Bedienungskommando mit jeweils wechselnder Besetzung festgelegt, so dass jeder mal in den „Genuss“ dieser verantwortungsvollen Aufgabe kommt. Zum Erstaunen der zahlreichen Schaulustigen klappt das Schleusen wie am Schnürchen und 13 Boote legen nach einer halben Stunde mehr oder minder diszipliniert am gegenüberliegenden Lahnufer an. Hier befindet sich idyllisch am Stadtrand gelegen der rustikale Jugendzeltplatz von Weilburg mit Plumsklo, Kaltwasserhahn und Feuerstelle, wo wir unser Nachtlager aufschlagen werden.

Eile ist angesagt. Etliche Schüler haben bemerkt, dass die drückende Schwüle zugenommen hat und bedrohliche Kumuluswolken in den noch blauen Himmel schießen. Ein Hitzegewitter kündigt sich an. Mit drei Trage-Teams von jeweils acht Schüler/innen werden die 13 Boote samt Zeltgepäck materialschonend aus dem Wasser gehoben und zur nahe gelegenen Zeltwiese geschleppt. Alle schwitzen und fluchen. Brennnesseln und Stechmücken nerven. Zwei Schlaumeier versuchen, sich klammheimlich auf dem Toilettenhäuschen zu „verpissen“. Sie werden von ihren Teammitgliedern sofort zurückgepfiffen. Vor dieser notwendigen Arbeit darf sich keiner drücken, die jeden Morgen und Abend eines langen Paddeltages nur in bester Gemeinschaft zu bewältigen ist. Zügig werden 13 kleine Iglu-Zelte im Kreis aufgebaut und mit zusätzlichen Plastikplanen gegen Wassereinbruch bei Gewitter abgedeckt. In der Lagermitte werden vom Kanuanhänger entladene Bänke und Tische aufgestellt und mit einem großen Regen-Tarp überspannt. Mittlerweile ist die Abendsonne hinter einer pechschwarzen Wolkenwand verschwunden. Wind kommt auf, der zur allgemeinen Verwunderung in Richtung des nahenden Gewitters weht. Gleich geht’s los! Schnell gebe ich die letzten Anweisungen: „Alle Ausrüstung in die Zelte. Regenplanen mit Paddeln und Essenstonnen beschweren, damit sie nicht fortfliegen. Regenklamotten und Gummistiefel anziehen. Taschenlampen einstecken. Die Kanus umdrehen und mit den Bootsleinen zusammenbinden. Kanuanhänger 150 m vom Lager wegziehen.“ Einige Schüler fangen an zu motzen: „Was soll der ganze Quatsch? Machen Sie mal keine Hektik. Der Wind bläst doch genau in die richtige Richtung. Das Gewitter zieht weg.“ „Denkste!“ Zu weiteren Erklärungen bleibt mir keine Zeit mehr: „Schnell, der Hänger muss noch weg!“ Widerwillig fassen einige an. „Der Kassel spinnt mal wieder!“ höre ich sie kommentieren. Im Moment habe ich keine Zeit, auf die Meinungsäußerungen meiner Schüler/innen einzugehen, aber wenn der ganze Spuk vorbei ist, habe ich wieder mal einen prima Anlass für Open-Air-Unterricht zum Thema „Sozialverhalten“ und „Wetterkunde“. Doch nun haben wir alle Hände voll zu tun. Die Gewitterwalze donnert mit kräftigen Windböen und Hagelschauern ins gut vorbereitete Zeltlager. Die Abstände zwischen dem grellen Zucken der Blitze und dem nachfolgenden Donner, der im engen Talkessel infernalisch widerhallt, werden schnell kürzer, bis das Gewitter genau über uns steht. Eine spannende Sache für alle, haben doch die meisten Kids der H8b ein solches Naturschauspiel noch nie unter freiem Himmel erlebt.

Nach schlafloser Nacht lacht am Morgen wieder die Sonne. Im Dampf der von der  wärmenden Sonne aufgefressenen Nässe räumen wir das ziemlich verwüstete Lager auf. Einige Paddel-Teams melden leichte Verluste – nicht an Mensch, nur Material. Macht nichts, ein bisschen Schwund hat man auf jeder Tour. Nach gemeinschaftlichem Frühstück mit ungeliebtem Müsli gibt’s eine Stunde Unterricht. Zu diesem Zweck befinden sich in einer Alu-Kiste in meinem Boot stets griffbereit 30 Unterrichtsmappen, die ich für mein Kanu-Projekt selbst zusammengestellt habe. Die einzelnen Seiten sind wasserdicht eingeschweißt und haltbar gebunden, so dass Open-Air-Unterricht an jedem Ort und bei jedem Wetter stattfinden kann.

Anschließend starten wir zur Stadtbesichtigung und notwendigen Lebensmitteleinkäufen. Neben „Survival“-Training soll auf meinen Kanutouren auch das Kulturprogramm nicht vernachlässigt werden. Aus diesem Grund habe ich in Lahnstädten von kulturhistorischem Interesse wie Weilburg, Runkel und Limburg mit den örtlichen Fremdenverkehrsämtern Führungen vereinbart.

Nachmittags um 14 Uhr starten wir in Weilburg zur nächsten, nur recht kurzen Paddeletappe zum Campingplatz nach Gräveneck. Für diese 7,3 Kilometer habe ich mir eine besondere „Gemeinheit“ ausgedacht. Die Schüler/innen müssen allen unverrottbaren Plastikmüll aus dem Ufergebüsch einsammeln, der vom Boot aus zu erreichen ist. Damit mache ich mich zwar nicht sonderlich beliebt, habe aber erstklassiges Anschauungsmaterial für die abendliche Unterrichtseinheit „Umweltverschmutzung“.

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                                               Zurück zur (grauen?) Theorie: Lernrelevante Aspekte des Kanufahrens

                                                                                 Der fächerverbindende Aspekt

Kanufahren ist auf den ersten Blick Kanusport und fällt in den Bereich des Sport-Unterrichts. Zum Kanufahren benötigt man Körper- und Muskelkraft in Verbindung mit den richtigen Bewegungstechniken. Dazu braucht man natürlich das Sportgerät: Kanu und Paddel – und eine fachkundige Paddel-Anleitung! Aber Kanufahren ist fachübergreifend!

Gerd Kassel  interessiert nämlich auch (vielleicht auch seine Schüler/innen?), wer diese umweltfreundlichen Fortbewegungsgeräte einst erfunden hat und wofür sie ursprünglich benutzt wurden. Das Kanu hat eine sehr interessante Geschichte, die zum einstigen Leben der Indianer und Eskimos führt.

In diesem historischen Zusammenhang kommt logischerweise auch die Frage auf, wie und woraus Kanus gebaut wurden und welche Baumaterialien heute verwendet werden. Kann man auch Kanus selbst bauen? Im üblichen Arbeitslehre-Unterricht oder einer freiwilligen Arbeitsgemeinschaft am Nachmittag? Auch kann man mal eine moderne Kanu-Fabrik besichtigen! Wo gibt es solche und wie bedeutend ist die Kanu-Industrie?

Kanufahren als Trockentraining in der Sporthalle ist unsinnig. Zur Ausübung des Kanusports braucht man einen Fluss. Damit man sich mit dem Kanu gefahrlos und effektiv auf dem Wasser fortbewegen kann, muss man den Fluss richtig „lesen“ können. Geografische, geologische, ökologische und flussmorphologische Aspekte kommen plötzlich ins Blickfeld. Wie entstehen Flüsse, Flussbetten und Flusslandschaften? Gibt es bestimmte, immer wiederkehrende Fließregeln, die man beim Kanufahren wissen und nutzen muss?

Und so geht das fast endlos weiter. Immer neue Fachaspekte tun sich auf. Spätestens wenn man mit dem Kanu auf dem Fluss ist, stellt man fest, dass Flüsse auch nicht mehr das sind, was sie zu Indianerzeiten mal waren. Sie sind oft schmutzig und stinken. Warum? Probleme der Wasserverschmutzung beginnen uns zu interessieren – gesteigert noch durch den Schwarm toter Fische, an dem wir gerade vorbeipaddeln. Wer leitet Dreckbrühe oder gar Giftstoffe ein? Wie funktionieren die Selbstreinigungskräfte eines Fließgewässers? Was leisten eigentlich Kläranlagen? Das erfährt man prompt, wenn man an der nächsten aussteigt und um eine Betriebsführung bittet!   

Irgendwann wundert man sich auch, dass der Fluss oftmals unnatürlich und schnurstracks durchs Tal fließt, kanalisiert und reguliert. Warum hat man das eigentlich so gemacht? Wem nutzt, wem schadet das?

Ist man länger unterwegs, trifft man todsicher irgendwann auf Wehre und Schleusen. Welchen Sinn hatten und haben diese Einrichtungen für die Schiffbarmachung von Flüssen? Wie wurde und wird Wasserkraft genutzt (Wasserräder, Wassermühlen, Turbinenkraftwerke)?

Bald werden wir auf unserer Kanutour auch bemerken, dass außer uns noch andere Lebewesen im, am und auf dem Wasser unterwegs sind. Die Pflanzen der Flussauen sind auch nicht zu vernachlässigen! Bei der Aufklärung über Fauna und Flora einer Flusslandschaft könnte auch der Biologielehrer eingespannt werden. Auch ein bisschen Chemie wäre hilfreich bei der Beantwortung der Frage: Dürfen wir hier eigentlich baden? Wie führt man einfache Gewässergüte-Tests durch?

Am Fluss liegen Dörfer, Städte, Burgen, Schlösser, Klöster, Kirchen und Dome – alle mit einer interessanten Geschichte. Jede Menge Kultur also, die uns interessieren könnte.

Es dürfte klar sein, dass ein Kanuprojekt nicht nur isolierte Angelegenheit eines Unterrichtsfaches ist, sondern auf fast alle Fächer ausgedehnt werden kann.

                                                                         Der handlungsorientierte Aspekt


Meine Schüler/innen und ich, wir wollen etwas gemeinsam tun: Kanufahren nämlich. Das stellen wir uns interessant, aufregend und lustig vor. Wir sind von der Idee begeistert. Das ist gut so, denn Begeisterung motiviert zur Arbeit. Und Arbeit gibt es eine ganze Menge. Das stellt sich schnell heraus. Nur, das stört uns diesmal gar nicht. Wir wissen – im Gegensatz zum sonst üblichen Unterricht - wofür wir lernen und arbeiten.

Wir wollen Kanufahren, 8 Tage lang mit Zeltgepäck auf einem schönen und spannenden Fluss. Um das wirklich hinzukriegen, müssen wir uns einiges an Wissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten aneignen.

Fangen wir an mit dem „Lebensnotwendigen“:

Wie bewegt man ein Kanu von der Stelle? Wie stelle ich es an, dass das Ding nicht ständig im Kreis rumfährt? Gibt’s sinnvolle Paddel- und Steuerschläge, die jeder Anfänger sofort kapiert? Welche Maßnahmen beugen einem möglichen Ertrinken vor? Wie kriegt man nachts ein Dach über den Kopf und irgendwas Essbares gebrutzelt? Wie orientiere ich mich mit Hilfe von Landkarten und Flussführern, um notfalls den nächsten „Mac Donalds“ zu finden? Wie werden die Schleusen bedient, die da ständig das zügige Vorwärtskommen blockieren? Welche Absprachen und Verhaltensregeln sind zwingend notwendig, damit wir gemeinsam gesund und munter das Ziel unserer Kanureise erreichen?

Damit so eine Kanutour nicht nur zum nackten „Survival“-Kampf degradiert, sondern auch zur lehrreichen Bildungs- und Studienreise wird, benötigen wir auch noch jede Menge „Luxus“-Wissen. Es könnte ja sein, dass wir Zeit und Muße finden werden, uns dafür zu interessieren, was am Fluss so alles lebt und wächst, warum das Wasser mal mehr, mal weniger stinkt, wieso das letzte Hochwasser schon wieder im Wohnzimmer des Schleusenwärters stand, wer die alte Burg da oben am Berg gebaut hat usw.

Zum ganz sicher sinnvollen Wissen gehört auch, wie wir uns als Kanufahrer umweltverträglich zu verhalten haben. Wir wollen ja auf unserer Kanutour erleben und genießen, was von der Natur noch übriggeblieben ist und nicht dazu beitragen, dem vorhandenen Rest auch noch den Garaus zu machen.

Aus diesen kurzen Erläuterungen dürfte klar geworden sein, dass im Kanuprojekt handlungsorientiert gelernt und gearbeitet wird. Das, was wir zum sinnvollen, zielgerichteten Handeln brauchen, das eignen wir uns an. Die Vermittlung von Wissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten ist nicht Selbstzweck, sondern dient selbstbestimmtem Tun. Alles, was wir lernen, kommt auch sofort zur Anwendung. Wir arbeiten mit Kopf, Herz und Hand.

                                                                                Systematische Auflistung
 

Zur Veranschaulichung eine kurze Zusammenfassung aller lernrelevanten Aspekte unseres Kanuprojekts:

                                                                                             1. Das Kanu

a. Geschichtlicher Aspekt: Erfindung und Entwicklung des Kanubaus – Indianerkanu/Eskimokajak – Verwendung des Kanus früher und heute.

b. Technischer Aspekt: Kanubau früher und heute – Verwendete Materialien – Bootsformen für verschiedene Verwendungen – Paddeltypen und Paddelbauverfahren.

c. Freizeit-Aspekt: Was man heute mit einem Kanu anfangen und erleben kann – Der Kanusport – Kanu-Vereine – Kanu-Zeitschriften – Kanu-Reisen.

                                                                                             2. Der Fluss

a. Geografischer Aspekt: Wie entsteht ein Fluss? – Wie fließt ein Fluss? (Flussmorphologie) – Fließregeln in Flussbiegungen (Stromlinien, Prall- und Gleithang, Kiesbankbildung, Strömungsbilder an der Prallwand) – Fließregeln des Gefälles (Geschiebe und Schleppkraft, Kolkbildung) – Landschaftsformung durch den Fluss (Täler, Schluchten, Canyons, Klammen) – Typische Wildflussformen (Kiesbankschwall, Felsbett) – Eigenschaften der Felsarten (Konglomerat, Sand- oder Tonsteine, Kalkstein) – Flussverbauungen – Kanalisierung – Schiffbarmachung – Wehre, Schleusensysteme – Hochwasser (Entstehung und Folgen).

b. Geschichtlicher Aspekt: Besiedlungsgeschichte eines Flusstales – Entstehung und Nutzung von Furten, Städtebildung (z.B. Frankfurt, Schweinfurt) – Der Fluss als Transportmittel (Flößerei, Schlepper) – Geschichte der Flussschifffahrt.

c. Ökologischer Aspekt: Lebewesen und Pflanzen im und am Fluss – Flussverschmutzung (Verursacher und Folgen) – Bau- und Funktionsweise von Kläranlagen – Flussauen und ihre Trockenlegung – Renaturierung von zerstörten Flussläufen.
 
                                                                             3. Mit dem Kanu auf dem Fluss

a. Sportlicher Aspekt: Fortbewegen eines Kanus (Paddeltechniken) – Steuern eines Kanus – Transportieren eines Kanus – Beladen und Entladen eines Kanu-Anhängers – Kenterübungen, Rettungsmaßnahmen.

b. Logistischer Aspekt: Wie plant und organisiert man eine Kanu-Tour? – Welches Touren-Gepäck braucht man? – Wie wird das Gepäck verpackt und im Kanu verstaut? – Orientierung auf dem Fluss – Studieren von Flussführern und Flusskarten – Verkehrszeichen der Wasserschifffahrtordnung – Planung der Tagesetappen, Zeiteinteilung, Übernachtungsplätze, Campingplatz-Reservierungen – Ernährung, Einkaufsmöglichkeiten, Nahrungszubereitung auf Campingkochern – Gesundheitsvorsorge – Erste-Hilfe-Kurs – Erste-Hilfe-Ausrüstung.

c. Sozialer Aspekt: Verhaltensregeln auf dem Fluss: Gegenüber der Umwelt, den eigenen Gruppenmitgliedern und anderen Flusswanderern – Team-Bildung, Team-Arbeit, Hilfsbereitschaft – Bewältigung von Stress- und Konfliktsituationen – Sicherheitsmaßnahmen.

d. Witterungsaspekte: Wetterbeobachtung, Wetterkennzeichnung, Wetteränderungen – Verhalten bei Sonne, Regen, Nässe, Kälte, Wind und Gewitter – Wetterfeste Ausrüstung.

e. Touristischer Aspekt: Sehenswürdigkeiten am Fluss – Ausflüge, Besichtigungen.

f. Finanzieller Aspekt: Was kostet eine mehrtägige Kanu-Tour auf einem konkreten Fluss (z.B. Lahn)? – Kosten einer evtl. benötigten Kanu-Leihausrüstung.

g. Organisatorischer Aspekt – Elterninformation, Kanu-Miete, An- und Abreise, Genehmigungsanträge usw.

                                                        Kanufahren live: Szene 3 – Nicht alltäglicher Unterricht

Heute ist Kanu-Projekttag in meiner 5. Hauptschulklasse, vier Unterrichtsstunden am Stück. Die Schulleitung hat bei der Gestaltung des Stundenplans meinem diesbezüglichen Wunsch entsprochen. Offiziell habe ich am Dienstag in der Klasse H5b in den ersten vier Stunden die Fächer Sozialkunde, Erdkunde und eine Doppelstunde Kunst, inoffiziell läuft Unterricht zum Kanuprojekt. Heutiger Themenschwerpunkt: 2. Der Fluss, a. Geografischer Aspekt: Landschaftsformung durch den Fluss – Täler, Schluchten, Canyons, Klammen. Handlungsorientierung: Kanu-Touren führen  durch Landschaften, die der Fluss mitgestaltet hat. Der geschulte Bootsfahrer hat gelernt, in der Entstehungsgeschichte eines Flusstales zu „lesen“. Gegenständliche Aneignung – praktisches Tun: Nachbau von Flusslandschaften in zwei fahrbaren Modellsandkästen. Eingesetzte Medien zur Veranschaulichung und Steigerung des Interesses: 1. Filmausschnitt aus dem Abenteuer- und Actionfilm „Am wilden Fluss“ (Atemberaubende und gefährliche Erstbefahrung eines spektakulären Canyons im Rafting-Schlauchboot). 2. 50 Farbdias über Kanufahrten durch bekannte Schluchten und Canyons in Europa (Klaus-Schlucht/Salza, Canyon du Verdon, Canyon du Ardèche, Gorges du Tarn). 3. Info-Texte aus Kanuprojekt-Reader zum Thema „So entsteht ein Canyon“.

Heute haben wir Besuch von Lehrern anderer Schulen an der „Europaschule“ Freigericht, die seit Jahren finanzielle Sonderzuwendungen für neue Unterrichtsformen erhält. Auch mein erlebnispädagogisches Kanuprojekt wurde durch EU-Mittel unterstützt, so dass ich in den letzten Jahren eine schuleigene Kanu-Flotte aufbauen konnte. Doch wer nimmt, muss auch geben, sagt mein Schulleiter und hat mir prompt fünf Kollegen zum heutigen Projekttag geschickt, die gespannt sind auf meinen erlebnispädagogischen, handlungsorientierten, beispielhaften Unterricht. Wie meist bei solchen Anlässen, wo man sich zur Schau stellen muss, klappt zwar wenig, aber für alle wird’s zum unvergesslichen Erlebnis. Besonders viel Spaß haben meine schadenfrohen Lehrerkollegen, als nach ausgiebiger und lustvoller Rumplanscherei der Fünftklässler einer der Modellsandkästen unter dem Druck von zuviel hineingekipptem Wasser plötzlich zusammenkracht und sich sein schlammiger Inhalt in den Klassenraum ergießt. Geistesgegenwärtig tue ich einfach so, als gehöre diese peinliche Panne mit zu meiner didaktisch-methodischen Planung dieses ausufernden Projekttages und beende die Übung mit dem markigen Schlusswort: „So, jetzt haben wir zum Abschluss  noch ein wunderschönes und anschauliches Beispiel, mit welch ungeheurer Kraft das Element Wasser nicht nur Landschaften formen, sondern auch stabile Sandkästen zertrümmern und saubere Klassenräume verwüsten kann. Einen schönen Tag noch allerseits.“ Entnervt nehme ich meine nasse Schultasche und gehe heim.

Nachmittags komme ich noch mal zurück und bringe den Putzfrauen eine Flasche hochprozentigen „Beruhigungstrunk“ vorbei. Meine Kanuprojekttage sind immer mal wieder ein echtes Erlebnis und gehen nur selten spurlos an der Schule vorbei, wie auch das nächste Beispiel anschaulich zeigt. 

                                                                                    Szenenwechsel

Kanu-Projekttag in der Klasse R9e. Programm: Anfertigen einfacher Gerichte auf Spiritus-Sturmkochern. Hierfür nutze ich das vier Wochenstunden erteilte Unterrichtsfach Arbeitslehre, dessen Lehrplan auch Ernährungslehre und Kochen vorsieht. Meine speziell für diesen Hauswirtschaftsbereich zuständige Kollegin ist bisher an der Unlust und Disziplinlosigkeit der R9e schier verzweifelt. Also werde ich diese Sache mit dem Kochen mal erlebnispädagogisch in Angriff nehmen.

Bei Kanutouren bilden meine Schüler/innen eingespielte Zweier-Teams, die sich ein Boot, ein Zelt, einen Camping-Kocher und pro Tag 15 € Essensgeld teilen müssen. Zum Überleben vorteilhaft sind daher Kenntnisse und Fertigkeiten, wie man Konservendosen öffnet und deren Inhalt erhitzt. Alles, was darüber hinausgeht, gehört zum oben erwähnten „Luxuswissen“, das wir uns heute aneignen wollen. Aus Spendengeldern habe ich fünfzehn schwedische „Trangia“-Sturmkocher angeschafft, die sich als sicher und praktisch erwiesen haben. Sie bestehen aus jeweils einem einfachen Spiritus-Brenner, einem kippstabilen Windschutz, in den zwei unterschiedlich große Töpfe, ein Wasserkessel und eine Bratpfanne je nach Bedarf eingehängt werden können. Diese solide „Schwedenküche“ aus Aluminium lässt sich ineinandergeschachtelt mit einem Riemen genial klein für den Bootstransport verpacken. Hiermit müssen die Teams sachgerecht umgehen und genießbare, warme Mahlzeiten produzieren können. Die Verwendung von Konservendosen, Fertiggerichten und 5-Minuten-Terrinen ist bei der heutigen Übung untersagt.

Die Schüler/innen sind mit Begeisterung bei der Sache: Sie schälen zum ersten Mal in ihrem Leben Kartoffeln, entdecken, dass man Nudeln erst ins Wasser kippen darf, wenn’s kocht, brutzeln sauscharfe Frikadellen aus unterschiedlichsten Materialien, verstopfen alle Waschbeckenabschlüsse, die sie dann fachmännisch wieder in Gang setzen müssen,  und verwandeln den Werkraum zügig in ein kreatives Chaos. Ich selbst fungiere als Testesser und Notenverteiler.

Der Projekttag verläuft erstaunlich reibungslos und harmonisch, bis plötzlich der Hausmeister die Tür aufreißt und im Auftrag des Schulleiters fürchterlich aufgeregt nach einem vermuteten Brandherd sucht. Im Eifer des Gefechts habe ich leider übersehen, dass unüberriechbare Rauchschwaden aus einem üblen Gemisch von Brennspiritus, angebranntem Fett und überhitztem Olivenöl durch das Schulgebäude ziehen. Beinahe hätte mein erschrockener Chef für alle 2500 Schüler/innen der Kopernikusschule Freigericht Feueralarm ausgelöst. Das wär’ erst mal ein Spaß geworden!

Den nächsten Projekttag, auf dem Rezepte aus einem „Survival“-Kochbuch mit Würmern, Raupen, Schnecken und nahrhaften Brennnessel-Sprösslingen a là Rüdiger Nehberg auf dem Programm stehen, muss ich auf dringendes Anraten meines Schulleiters im Freien veranstalten. Nun gut, bei der Gestaltung solch erlebnispädagogischer Veranstaltungen im System Schule muss man flexibel sein. Die Woche drauf kochen wir auf der Schulwiese. Da finden wir auch leichter Würmer. Die Kids haben ohne Aufforderung praktische Stechspaten mitgebracht. Das nenne ich Mitdenken! Fragt sich nur noch, was der Biologie-Lehrer darüber denkt, der hier mit seiner Klasse im Rahmen eines erlebnispädagogischen Projekts ein Feuchtbiotop angelegt hat.

                                           Handlungsorientierung – Gegenständliche Aneignung – Praktisches Tun

Sinn und Zweck eines erlebnispädagogischen Projekts muss die Schwerpunktverlagerung von der theoretischen zur gegenständlichen – sprich praktisch-anschaulichen – Aneignung von Umwelt und Wirklichkeit sein. Beim hier vorgestellten Kanuprojekt ergeben sich folgende Möglichkeiten praktisch-anschaulichen Tuns:

-          Ein einfaches Holz-Kanu nach Bauplan selbst bauen.

-          Die Besichtigung einer Bootswerft oder Kanu-Fabrik.

-          Kanufahren üben am See und im fließenden Gewässer.

-          Paddel- und Steuerschläge einstudieren, Kentern, Retten und Bergen üben.

-          Erste-Hilfe-Kurse absolvieren.

-          Gebrauch und Nutzen einer Schwimmweste kennen lernen, Schwimmübungen mit Weste durchführen.

-          Kanu-Anhänger be- und entladen.

-          Tages- und Mehrtagestouren mit dem Kanu planen und durchführen.

-          Zelte auf- und abbauen, vorbildliches Zeltlager errichten.

-          Lagerfeuerstelle einrichten und Feuer in Gang halten.

-          Kochen, Backen und Braten einfacher Mahlzeiten am Lagerfeuer und auf Camping-Kochern.

-          Reparaturen an Booten und Zubehör durchführen.

-          Spielen am Bach: Wasserläufe verändern, Dämme bauen usw.

-          Nachbau von Flusstälern, Flussläufen, Flusslandschaften im Modellsandkasten.

-          Eine Schleusenanlage im Modell nachbauen.

-          Durchführung einfacher Tests zur Wasserverschmutzung und Wasserreinigung.

-          Besichtigung einer Kläranlage.

-          Übernahme einer heimatnahen Gewässer-Patenschaft mit regelmäßiger Müllentfernung usw.

Praktisch-anschauliches Lernen für einen konkreten Verwendungszusammenhang macht nicht nur Kindern, sondern auch jedem Erwachsenen weitaus mehr Spaß als stures Pauken. Schade, dass diese einfache Erkenntnis in vielen Lern- und Erziehungseinrichtungen immer wieder vergessen wird.

                                                Kanufahren live: Szene 4 – Zum Rapport beim Schulleiter

Im Vorbereitungsraum des Fachbereichs Arbeitslehre klingelt das Telefon: „Kassel sofort zum Chef!“ Hm, solche Aufforderungen der Chefsekretärin versprechen gewöhnlich nichts Gutes. Auf dem Weg aus dem Kanu-Keller in die oberen Gefilde überlege ich krampfhaft, gegen welche Erlasse und Regeln der Schulordnung ich mal wieder verstoßen haben könnte und entwickle blitzschnell verbale Verteidigungsstrategien. Darin bekommt man als Erlebnispädagoge mit der Zeit Übung. Im Sekretariat kommt mir der Schulleiter schon mit irgendeinem Schriftstück entgegen: „Hier, ein Elternbrief an die Schulleitung. Lesen Sie!“ Verdammt, mir schwant Übles.

Ich sinke auf den leeren Stuhl der Chefsekretärin, die sich schon mal aus dem Staub gemacht hat, und beginne den Bericht eines Vaters an Presse und Schulaufsichtsbehörde zu lesen, dessen Sohn an zwei Kanuprojekten von mir teilnahm und der selbst einige Tage mitfuhr und kritischer Zeuge und Beobachter einer solchen Veranstaltung wurde:

Mit 40 auf Klassenfahrt.........

(oder: Späte Einsichten in neuen Unterricht)

Vor über 20 Jahren war ich das letzte Mal auf „Klassenfahrt“ – ich erinnere mich noch sehr genau, natürlich nur an das Gute, denn die „Schattenseiten“ der Schulzeit, sicher von jedem anders erlebt und wahrgenommen, die habe ich verdrängt. Wohl die Neugier war’s, gepaart mit einem Schuss Nostalgie, die mich dazu brachte, nunmehr als Vater gemeinsam mit der Klasse meines Sohnes auf Klassenfahrt zu gehen.

Die R9e der Kopernikusschule Freigericht, ihres Zeichens „Europaschule“, war vom 28. Juni bis 5. Juli auf der Lahn mit schuleigenen Kanus unterwegs. Nichts besonderes, so könnte man meinen. Eben eine Fahrt, so wie sie andere tausendfach schon erlebt haben: Paddeln, zelten, das ganze „Programm“. Denkste!

Kanufahren auf der Lahn, das ist für Gerd Kassel, den Klassenlehrer, mehr als „just for fun“. Keine Klassenfahrt, sondern ein Unterrichtsprojekt, so vielseitig wie Schule sonst kaum sein kann, mindestens aber so lehrreich wie Unterricht in den verschiedensten Disziplinen, nur spannender, interessanter oder, wie die Kids zu sagen pflegen: Geiler!

Zwischen Wetzlar und Lahnstein wurde eine Landschaft erkundet – im wahrsten Sinne des Wortes – wurden Biologie, Geschichte, Sozialkunde und Deutsch vereint – und das alles, ohne dass der Spaß zu kurz kommen musste.

Und dazu gehörten auch nasse Zelte, einige Stunden (immer wieder mal) Dauerregen, die Erfahrung, kein „Hotel Mama“ zu haben, sondern das Essen selbst auf einem kleinen Kocher mit anderen zuzubereiten, zuvor geplant einzukaufen und das Gefühl zu bekommen, dass nichts alleine, aber vieles gemeinsam gelingen kann, spätestens dann, wenn die 14 Boote mit Gepäck beladen ins Wasser rein oder aus diesem herausgeholt werden mussten.

Szenenwechsel: Abends auf einem Campingplatz in Gräveneck, direkt an der Lahn gelegen. Es hat aufgehört zu regnen, die Zelte stehen, die Klamotten hängen zum Trocknen über Stangen, einige sitzen am Feuer, es ist nach 20 Uhr. Zufällig kommt ein Einheimischer vorbei, einer, der die Lahn kennt, mit ihr lebt und in ihr fischt. Ruckzuck wird daraus eine Unterrichtseinheit und anschaulich durch die Einlassungen eines „Besuchers“ das verstärkt, was am Mittag bei strömendem Regen auf einer Kiesbank am Flussufer durch „den Kassel“ angefangen hatte: Flussmorphologie, nebst Biounterricht und Einsichten in eine geschützte Landschaft. Und dass solcher Unterricht gut ankommt, das zeigt sich an der Aufmerksamkeit, mit der zugehört und nachgefragt wird, trotz eines anstrengenden Paddeltages. Man merke: Das alles nach 20 Uhr abends.

Kein Einzelfall während der Tour, wie ich noch an vielen Stellen bemerken konnte. Unterricht und sportliche Betätigung, sich und andere erfahren, Konflikte bewältigen und sich Aufgaben stellen – all das habe ich mit Erstaunen miterlebt – es hat geklappt.

Dass solcherlei Engagement eines Klassenlehrers ansteckend sein muss, wurde dadurch deutlich, dass sich drei weitere Väter mit auf diese Tour begaben und mit erheblichem, persönlichem Einsatz bei der Sache waren und andere Eltern bei der Vorbereitung der Tour auf unterschiedlichste Weise mitwirkten. Die vielzitierte Schulgemeinde, hier meine Damen und Herren von der Schulaufsichtsbehörde, ist sie! 

Nach knapp 130 Flusskilometern endete die Tour in Lahnstein an der Rheinmündung. Acht Paddeltage mit täglich mindestens einer Unterrichtseinheit und sieben kurzlange Zeltnächte auf immer wechselnden Zeltplätzen lagen hinter den Jugendlichen und den Begleitpersonen. Acht Tage, in denen sich jeder neu und anders erfahren konnte, in denen sich auch eine Klasse neu und anders erfahren musste, acht Tage Erlebnis mit Kopf, Herz und Hand.

In diesen acht Tagen wurden Dinge trainiert, die sonst kein Schulalltag ermöglichen kann, die mindestens aber genau so wichtig sind wie das Basiswissen in Mathematik oder Deutsch. Teamfähigkeit war eines dieser wesentlichen Elemente, die später in der Berufsausbildung und im Berufsleben wichtig sind. Dass die Schülerinnen und Schüler der R9e ein Team sind, das wurde zum Ende der Fahrt deutlich.

Und ich wünschte mir, dass ich auch mal eine solche Klassenfahrt als Schüler hätte machen dürfen. Aber was rede ich da – ich war doch dabei und zum Lernen ist man ja nie zu alt – oder? Ich hab’ dazugelernt.Na, es gibt ja auch noch nette Briefe von Eltern, atme ich erleichtert auf. Der ungeduldige und sich stets in Eile befindende Schulleiter unterbricht mein nachdenkliches Schweigen: „Auch wenn Sie ständig gegen die Schulregeln verstoßen und Unruhe in den Laden bringen, findet wenigstens ihre bisweilen chaotische Erlebnispädagogik bei der Elternschaft unserer Schüler Anerkennung und Akzeptanz.“ Wieder mutig geworden entgegne ich gelassen: „Haben Sie das etwa jemals bezweifelt?“ Wortlos zieht mein Chef von dannen. Macht nichts, solange er mir nicht die Durchführung meiner Kanuprojekte untersagt, was nach Erlass-Lage durchaus möglich wäre.

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Hier endet die erste – Gerd Kassels persönliche – Projekt-Reportage. Im Verlaufe des „Theorie“-Kapitels werden wir drei weitere Reportagen projektinteressierter Zeitungsreporter/innen einfügen und auch persönliche Stellungnahmen am Projekt beteiligter Schüler/innen. Doch zunächst möchten wir kurz den historischen Ursprung des pädagogischen Rahmenkonzepts unserer Kanuprojekte genauer erläutern.

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                                                                 1.2. Die Prinzipien der Erlebnispädagogik

Das Konzept unseres Kanuprojekts ist nicht allein in unseren Köpfen entstanden, sondern basiert auf den Grundgedanken der sogenannten Erlebnispädagogik. Die wiederum ist kein kompliziertes Gedankengebäude, sondern einfach und so alt wie die Menschheit. Schon der Steinzeitmensch lernte durch Erlebnisse und wurde durch sie erzieherisch geformt, lange bevor pädagogische Theorien die Sache auf den Begriff brachten. Das Prinzip„Learning by doing” ist keine Erfindung moderner Erziehungswissenschaft, sondern begleitete den Homo sapiens bei seiner Menschwerdung.

Dennoch: Als „Vater“ der heute wieder populären Erlebnispädagogik gilt Kurt Hahn (1868 – 1974). Er war Humanist, Pädagoge und vor allem Pragmatiker. Das heißt, er machte, was er dachte. Ziel seines Tuns war vor allem die charakterliche Formung junger Menschen. Er unterstellte der modernen Gesellschaft diesbezüglich Mangelerscheinungen und kritisierte das staatliche Schulwesen wegen fehlender Charakterbildung. So entwarf er ein pädagogisches Konzept zur Behebung folgender vier Mängel:

1. Mangel an menschlicher Anteilnahme. Er entsteht in der modernen Gesellschaft durch Stress, Schnelllebigkeit und Gleichgültigkeit. Menschen auf der Straße, Hausnachbarn, Arbeitskollegen, ja selbst Ehepartner reden immer weniger miteinander. Der Alltag der Menschen ist kein Zusammenleben und Zusammen-arbeiten mehr, sondern ein desinteressiertes, anonymes Nebeneinander. Statt Nachbarschaftshilfe wird die Rechtsschutzversicherung immer bedeutsamer, die mir den unliebsamen Menschen von nebenan vom Hals und in Schach hält. Wenn sich Schüler auf dem Schulhof blutig schlagen, sind sie umringt von Schaulustigen. Keiner geht dazwischen, um den Streit zu schlichten. Wo Leid herrscht oder zugefügt wird, da schauen die meisten weg – oder beteiligen sich dran. „Mobbing“ ist der neuzeitliche Begriff für diese sich immer mehr ausbreitende menschliche Verhaltensstörung. „Zivilcourage“ hingegen kennt kaum noch jemand. Was da passiert auf der Welt oder gleich nebenan, das geht mich nichts an. Persönliche Verantwortung wird zurückgewiesen.

2. Mangel an Sorgsamkeit. Kurt Hahn beklagte Mitte des vorigen Jahrhunderts den zunehmenden Verlust an Konzentration, Ausdauer und Kreativität, der einher geht mit dem Verlust des praktisch-handwerklichen Könnens. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Im Gegenteil: Schulen und Ausbildungsfirmen jammern mehr denn je über die mangelhafte Konzentrationsfähigkeit beim Arbeiten, die Unfähigkeit, gestellte Aufgaben mit „Geduld und Spucke“ erfolgreich zu erledigen und Probleme mit Hilfe von Ideenreichtum zu lösen. Immer mehr junge Menschen sind zu „blöd, einen Eimer Wasser umzukippen“. Zum Reifenwechseln und Auffüllen der Scheibenwaschanlage wird der Service der Autowerkstatt benötigt und der tropfende Wasserhahn kann nur noch vom Installationsfachmann abgedichtet werden.

3. Mangel an körperlicher Tauglichkeit. Hierüber meckerten schon die Offiziere im alten Preußen, deren Rekruten frühzeitig schlapp machten. Kurt Hahn sah wiederum das moderne Leben als Auslöser dieser Mangelerscheinung. Verweichlichung, unnatürliche Lebensweise und mangelnde Disziplin gegenüber Rauschmitteln sind im einundzwanzigsten Jahrhundert nicht nur unter jungen Menschen weit verbreitet. Heute meckern darüber in erster Linie die Krankenkassen, welche die finanziellen Folgen dieses Phänomens zu tragen haben. Sie fordern mehr Schul- und Volksport, gesunde Ernährung und klären in Broschüren über die gesundheitlichen Folgen des Drogenkonsums auf – vergeblich, wie es scheint.

4. Mangel an Initiative und Spontaneität. Kurt Hahn war der Überzeugung, dass durch zunehmend verringerte Möglichkeiten, eigene Erfahrungen zu sammeln, das Handlungs- und Erlebnisfeld junger Menschen gravierend eingeschnitten würde. Das entstehende Loch würde mit den Reizen durch die Medien überflutet. Recht hatte der Mann und vermutlich schon geahnt, wie sich die Welt 50 Jahre später mit ihren digitalisierten Erfahrungen und virtuellen Erlebnissen in Kinderköpfen wiederspiegelt. Er nannte das damals die „Spektatoritis“ und sie umschreibt, was heute als das folgenreiche Fehlen sozialer Erfahrungen bekannt ist.Als ein mögliches Heilmittel gegen diese Mangelerscheinungen entwickelte Kurt Hahn die sogenannte Erlebnistherapie. Der Kern dieser Therapie oder auch Erlebnispädagogik war ein kurzzeitpädagogisches, erlebnisorientiertes, naturbezogenes Konzept. Heute ist dieser Erziehungsansatz auch eingetaucht in Programme wie wilderness-experience, challenge-program, outdoor-training oder outward-bound. Der Begriff „Outward-Bound“ – auch von Kurt Hahn benutzt – stammt aus der Seefahrt und beschreibt den Zustand eines Schiffes, das mit allem Lebensnotwendigen vortrefflich ausgerüstet ist, um die sogenannte Große Fahrt ohne Angst vor Schiffbruch hinaus auf die Weltmeere zu wagen. Hahn und später auch andere nutzten diesen Begriff als bildhafte Umschreibung für die Vorbereitung junger Menschen auf die Große Fahrt ins wirkliche Leben.

Hahns Konzept der Lebensvorbereitung junger Menschen enthielt 5 Elemente der Charakterbildung:

1.     Das körperliche Training. Körperliche Aktivitäten und Fitness-Training dienen der Gesundheit, der Selbstentdeckung, der Selbstüberwindung und der Auseinandersetzung mit den eigenen Grenzen. Es wird kein Spitzensport mit „über-menschlichen“ Leistungen gefordert oder gefördert. Der Hochleistungssport mit verbreitetem, gesundheitsschädlichem Doping wird in Frage gestellt. Bei gemeinsamen körperlichen Aktivitäten orientiert sich die Gruppe am schwächsten Mitglied.

2.     Die Expedition. Sie stellt in pädagogisch-kontrollierter Form ein mehrtägiges Abenteuer in freier Natur dar. Hierbei müssen sich die Teilnehmer in der Gruppe und allein selbstorganisiert in der Natur bewegen, Wind und Wetter trotzen und sich mit den natürlichen Gegebenheiten anfreunden. Gefördert werden hierbei das Verständnis für und die Liebe zur Natur, das Selbstvertrauen und Ich-Wertgefühl.

3.     Das Projekt. Kurt Hahn verfolgte einen ganzheitlichen Bildungsansatz, nämlich das Lernen mit Kopf, Herz und Hand. Ein Projekt besteht aus einer Planungs-, Durchführungs- und Kontrollphase. Es werden verschiedene Sinnesbereiche angesprochen, um die Intensität der Erfahrungen zu erhöhen. Dazu gehören der kognitive, der affektive und der psychomotorische Bereich. Projekte werden als geschlossene Einheiten geplant und organisiert.

4.     Der Dienst am Nächsten. Für Hahn war die sogenannte Friedenserziehung von besonderem pädagogischem Wert, wo sich wertvolle Lebenserfahrungen sammeln lassen. Leider sind die Friedenserziehung und die früher aktive Friedensbewegung heute aus der Mode gekommen.

5.     Die Selbstzucht. Mit diesem altmodischen Begriff ist der Verzicht auf Alkohol und Nikotin gemeint. Heute kommen natürlich Drogen von Haschisch bis Heroin dazu. Die Sinnhaftigkeit dieses Elements der Charakterbildung steht in Zeiten zunehmenden Drogenkonsums unter Kindern und Jugendlichen außer Frage.

Durch diese 5 Elemente verfolgte Hahn klar definierte Erziehungsziele. Sie sollten Jugendlichen Anreiz bieten, sie durch Herausforderung zur Leistung zu motivieren. Sie sollten erkennen, welche Fähigkeiten in ihnen stecken und den sozialen Umgang mit Menschen erlernen. Bei der Verwirklichung versuchte er die persönlichkeitsbildende Wirkung der sogenannten Landerziehungsheime zu nutzen.

                                                                          1.3. Erlebnispädagogik heute

Zwar wurde die Erlebnispädagogik bisher nicht flächendeckend in das Erziehungskonzept öffentlicher Schulen integriert. Das wird vermutlich erst kommen, wenn die Ganztagsschule Regelschule wird. Aber es hat sich ein Geschäft mit der Erlebnispädagogik entwickelt. In den letzten Jahren erscheinen immer mehr diplomierte Sozialpädagogen mit einem interessanten Aktiv-Angebot auf dem „pädagogischen Markt“. Das heißt, gegen gutes Geld können Lehrer, Schüler, Familien usw. erlebnispädagogische Touren,  Aktionen und Ausbildungsseminare direkt bei der Fachfrau oder dem Fachmann buchen.

Hier als Info ein interessantes Angebot (von vielen), das in jüngster Zeit im Schulbriefkasten landete:

                                                Zentrum für interaktives & erlebnispädagogisches Lernen (Ziel)

                                                                                             Information

                                                                           Zum Begriff Erlebnispädagogik:

Erlebnispädagogik bezeichnet das Verhältnis von Erlebnis und Erziehung. Es gibt darüber hinaus eine Vielzahl von Ausdrücken, die im deutschsprachigen Raum Anwendung finden: Abenteuer- und Aktionspädagogik, handlungsorientierte Methoden, Erfahrungslernen oder Bewegungspädagogik.

Von einem Erlebnis wird gesprochen, wenn etwas Besonderes und Einmaliges erlebt wird, das zu einer psychischen Disposition – gefühlsmäßiger und affektiver Art – führt.

Von Erlebnispädagogik kann gesprochen werden, wenn die Elemente Natur, Individuum, Gemeinschaft und Erlebnis im Rahmen von Natursportarten pädagogisch miteinander verbunden werden. Von der pädagogischen Zielsetzung ist abhängig, welches Element Priorität hat.

Erlebnispädagogik bedeutet immer auch Aufbruch. Der Aufbruch zur Reise, zur Unternehmung, ins Neue, Fremde.... Es geht darum, von einem äußeren zu einem inneren Aufbruch zu kommen. Der äußere Aufbruch soll etwas bewegen, so dass psychische Verhärtungen, Verkrustungen, Hemmungen, Verdrängungen ins Bewusstsein gerufen und bearbeitet werden können. Sich öffnen für neue Erfahrungen und für menschliche Beziehungen, sich öffnen, um die eigenen Positionen neu zu überdenken.

                                                                                          Zielsetzungen

                                                                             „Ziel“ hat folgende Zielsetzungen:

Förderung sozialer Kompetenzen – Aufbau von Vertrauen – Persönlichkeitsförderung/-stärkung – Kompetenzerweiterung – Motorisches Lernen – Förderung von kooperativem Verhalten – Entwicklung von Kooperationsfähigkeit – Stärkung des Selbstbewusstseins, der Selbstwahrnehmung und Selbstbestimmung durch Grenz-Erfahrungen – Überwindung von Ängsten – Aufbruch innerer Zwänge – Aufarbeitung von Beziehungsmustern und Rollenverständnissen (durch geschlechtsspezifische Angebote für Mädchen und Frauen) – Teamentwicklung – Mitarbeiterschulung

                                                                                              Aktivitäten

                                                                                              „Ziel“ bietet:

Top-Robe-Klettern – Mobile Seilaufbauten – Einsatz mobiler Kletterelemente – Interaktions- und Kooperationsspiele – Vertrauensübungen und Vertrauensspiele – Kanu- /Kajaktouren – Fahrrad- und Mountainbiketouren – Seminare – Mitarbeiterschulungen

                                                                                             Zielgruppen

                                                                                        „Ziel“ richtet sich an

Einrichtungen für Kinder und Jugendliche, wie Jugendhäuser, Kinderhorte.... – Jugendämter – Firmen (Azubis ebenso wie Führungskräfte) – Multiplikatoren (Lehrer/innen, Sozialarbeiter, -pädagogen/innen, Erzieher/innen...) – Vereine – Schulklassen – Private Gruppen, Personen, Familien – Teams – und alle, die an interaktiven und erlebnispädagogischen Angeboten interessiert sind

                                                                          Erlebnispädagogik mit Schulklassen...

Erlebnispädagogische Aktivitäten mit Schülerinnen und Schülern fördern soziale Kompetenzen und ein stabiles Selbstbewusstsein. Dies wiederum schafft die Vorraussetzungen für Erfolg in Schule, Beruf und Privatleben.

Ausgeglichenheit und ein gesundes Selbstwertgefühl vermindern die Anfälligkeit für Suchtverhalten und die Neigung zu aggressivem und gewalttätigem Handeln bei Problemen und Unzufriedenheiten.

Die „Ziel“-gerichteten Angebote sind ein Baustein auf dem Weg zu einem verantwortungsbewussten Umgang mit Mensch & Umwelt.

Erlebnispädagogische Aktivitäten außerhalb des Klassenzimmers bringen Bewegung ins Spiel, wenn es darum geht,

die Gruppe, den Klassenverband zu stärken – Außenseiter besser zu integrieren – Erfolgserlebnisse zu vermitteln – Kooperationsbereitschaft zu fördern und sie ermöglichen ein intensives soziales Lernen in einem geschützten Rahmen.

Für weitere Informationen stehen wir Ihnen gerne zu Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen

Diana Weis

Dipl.-Sozialpädagogin, Erlebnispädagogin

E-Mail: d.weis@ziel-aktiv.de, Website: www.ziel-aktiv.de    

Solche erlebnispädagogischen Angebote von privaten „Erziehungsfirmen“ finden wir Klasse – und es besteht ohne Zweifel eine Nachfrage und Handlungsbedarf. Sie haben nur einen Nachteil: Sie werden nicht von der Krankenkasse bezahlt! Um es klipp und klar auszudrücken: In die öffentlichen Schulen, die nicht nur einen Bildungs-, sondern auch Erziehungsauftrag erfüllen sollen, gehören neben dem Lehrpersonal auch Kinderpsychologen und Sozialpädagogen – deren finanzielles Auskommen aber nicht von Kindern und Eltern bestritten werden können. Weil qualifizierte Erziehungsfachleute in öffentlichen Erziehungseinrichtungen oft keine Anstellung finden, versuchen es viele auf der „Ich-AG“-Schiene wie oben zitiert. Solche geschulten Leute für regelmäßige schulische Aktivitäten zu engagieren und angemessen durch anteilige Unkostenbeiträge der Schüler-Eltern zu bezahlen, wird aber unserer Ansicht nach keine Zukunft haben. Schon jetzt finden im Hauptschulbereich sehr oft kostenpflichtige Klassenfahrten statt, an denen aus finanziellen Gründen immer weniger Schüler teilnehmen (können). Da nutzt auch der Hinweis im „Wander“-Erlass nichts, dass niemand aus finanziellen Gründen von einer Klassenfahrt ausgeschlossen werden darf. Mehrtägige, erziehungsrelevante Unterrichtsprojekte außer Haus sind Unterricht mit Anwesenheitspflicht aller Schüler und keine freiwilligen Schülerurlaube. Solche erlebnispädagogischen Projekte bekommt man nicht umsonst, die kosten je nach Länge, Aufenthaltsort und der Teilnahme notwendiger Fachleute ziemlich viel Geld. Dieser neue, sinnvolle, schulische Aktivitäts- und Bildungsbereich wird durch die bisher üblichen „Wander“-Erlasse der Bundesländer sehr unterschiedlich, aber nirgendwo ausreichend erfasst. Hier besteht dringender Handlungsbedarf!

                                                          Exkurs: Die Schule „schreit“ nach Erlebnispädagogik

Nicht nur Ausbildungsfirmen erwarten von der Hauptschule eine effektive Erziehung zur Berufsfähigkeit. Auch bei unserem Kanuprojekt steht dieses Erziehungsziel mit an oberster Stelle! Wer intensiv darüber nachdenkt, wo die Defizite junger Schulabgänger liegen und wie sie pädagogisch in der Schule von morgen in den Griff zu bekommen sind, der stößt zwangsläufig auch auf die Erlebnispädagogik. Trotzdem wurden wir von der Tatsache überrascht, dass im Rahmen der hessischen „Qualifizierungsoffensive“ mehrtägige, erlebnispädagogische Projekte privater Bildungsträger für 8. und 9. Schulbesuchsjahre vom Hessischen Kultusministerium „gesponsert“ werden. Wenn wir heute im Kontext dieser umfangreichen, differenzierten und finanziell unterstützten Projekt-Angebote auf http://hauptschule.bildung.hessen.de Schlagworte lese wie „Förderung der Sozialkompetenz“, „Stärkung des Selbstwertgefühls“, „Förderung berufsbezogener Kompetenzen“, „Abenteuer- und erlebnispädagogische Aktivitäten zur Förderung von Sozial- und Persönlichkeitskompetenzen“ , zu erreichen „in abenteuerlichen Aktivitäten im Wald, am Fels oder auf dem Fluss“, dann maßen wir uns die Bemerkung an: „Endlich!“ – und die Behauptung, mit unseren erlebnispädagogischen Kanuprojekten an der Kopernikusschule Freigericht der heutigen Entwicklung 10 Jahre voraus gewesen zu sein.

Dass jetzt flächendeckend „Leben und Bewegung“ in die Schulen kommt, dafür ist es höchste Zeit. Der Kunstlehrer Leo Seck hat 2006 eine großflächige Visualisierung der Lebensweisheit „Leben ist Bewegung – Bewegung ist Leben“ entworfen, die jetzt eine große, graue Schulgebäudewand der Kopernikusschule Freigericht belebt. Auch die Schulpädagogik ist augenscheinlich in Bewegung gekommen. Wir freuen uns und sind erleichtert, dass wir mit unseren erlebnispädagogischen Konzepten und Projekten nicht mehr als „Einzelkämpfer“ durch den vormals starren Schulalltag irren.Wir vermuten allerdings, das die finanzielle Unterstützung erlebnispädagogischer Unterrichtsprojekte durch das HKM  – konzipiert und realisiert durch private Bildungsträger – kein Dauerzustand sein wird. Private Bildungsträger mit qualifiziertem Personal müssen gewinnbringend oder zumindest kostendeckend arbeiten. Sind diese Kosten in Zukunft von sozial schwachen Schülereltern zu tragen? Aus langjähriger Erfahrung weiß ich: Nein! Egal, ob Hauptschule, SchuB-Modellversuche oder Ganztagsschule: Bildungseinrichtungen der Zukunft brauchen erlebnispädagogischen Unterricht, der in die Kindergärten und Schulen integriert ist. Private Bildungsträger in diesem Metier sind nur eine „Zwischenlösung“. Auf Dauer müssen neben Lehrern auch Sozialarbeiter, Sozialpädagogen, Jugendpsychologen und Spezialisten mit erlebnispädagogischen Sonderqualifikationen zum Schulpersonal gehören! Wir bezweifeln, dass der „Bildungskomplex“ der Zukunft privatwirtschaftlich zu organisieren ist.

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Als Gerd Kassel vor mehr als einem Jahrzehnt sein erstes Kanuprojekt auf der Lahn durchführte, war die komplette Kanuausrüstung bei der Firma „Lahn-Tours“ gemietet. Das kostete damals für 8 Tage ohne Tourenguide schon umgerechnet 250 Euro pro Schüler. Das Geld für regelmäßige, erlebnispädagogische Projekte ist auf Dauer vor allem von den Kindern sozial schwacher Eltern nicht aufzubringen – und die haben meist solche Projekte am nötigsten. Zwar bieten Kanutouristik- und Outdoor-Unternehmen mit unerfahrenen Studenten als Tourenleiter für Schulklassen oft auch auf den ersten Blick preisgünstige Projekte an. Nur dauern die in der Regel aus Kostengründen nicht länger als 3 - 5 Tage. (siehe „Übersicht der Angebote“ auf http://hauptschule.bildung.hessen.de) Und das ist uns zu kurz! Damit „Learning by doing“ zum Tragen kommt, Gelerntes in die Praxis umgesetzt werden kann, Team-Arbeit zur eingeübten Routine wird, dafür sind unserer Erfahrung nach mindestens 8 Tage notwendig – mit anschließender Nachbereitung und späterer Projektfortsetzung auf höherem Niveau und Schwierigkeitsgrad. 3-Tage-Projekte sind allenfalls „Schnupperkurse“! Wenn wir unsere Kanuprojekte aus Kostengründen nach 3 Tagen abbrechen, dann stehen der finanzielle und organisatorische Aufwand in keiner Relation zum pädagogischen Ergebnis.

Um unsere persönlichen Vorstellungen erlebnispädagogischer Kanuprojekte auf Dauer an der Kopernikusschule Freigericht realisieren zu können, kam aus finanziellen Gründen die Miete von Erlebnispädagogen samt Kanuausrüstung nicht in Frage. Wir machten uns also an die Arbeit, ein eigenes Konzept zu erstellen und eine schuleigene Kanuflotte aufzubauen. Das war anfangs nicht ganz einfach, aber machbar.

Übrigens: Ein erstes Indiz dafür, dass sich die Erlebnispädagogik endlich auf dem Weg in die Lehrerköpfe und öffentlichen Schulen befindet, sahen wir in den letzten Jahren in interessanten Angeboten der deutschen Lehrerfortbildung. So bot z.B. das einstige HELP (Hessisches Landesinstitut für Pädagogik) schon in den vergangenen Jahren eine ganze Serie mehrtägiger Seminarveranstaltungen an mit dem Ziel, Lehrer angemessen zu qualifizieren und mit einem Zusatzzertifikat „Erlebnispädagoge“ auszustatten.

                                      Hessisches Landesinstitut für Pädagogik – http://www.help.bildung.hessen.de

                                                      Themen für die Einzellehrgänge der Fortbildungsreihe

1. Einführungslehrgang „Abenteuer- und Erlebnispädagogik“

2. Entwicklung von Gruppenprozessen auf Grundlage des ABC-Modells (Adventure Based Counseling)

3. Abenteuerangebote und Klettern in der Schule; erlebnispädagogische Spiele im Unterricht

4. Gestaltung erlebnispädagogischer Klassenfahrten im Winter

5. Möglichkeiten der Gewaltprävention und des sozialen Lernens im Schulalltag; Spiele auf dem Wasser

6. Abenteuerpädagogische Gestaltung von Klassenfahrten; Abenteuer- und Erlebnispädagogik als Element der Schulentwicklung

7. Der Wald und die Nacht als erlebnispädagogischer Erfahrungsraum; Auswertung der Fortbildungsreihe

Dass diese Angebote keine vorrübergehende „Modeerscheinung“ waren, zeigt sich u.a. bei dem, was heute aktuell in der Lehrerfortbildung geschieht. 

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                                                                  1.4. Die Zielsetzung des Unterrichtsprojekts

                                                                          „Kanufahren als soziale Therapie“ 

Der Schwerpunkt unseres Unterrichtsprojekts liegt im Bereich des Sozialen Lernens. Das soziale Verhalten vieler Schüler – besonders in der Hauptschule, in der wir überwiegend tätig sind – offenbart gravierende Mängel, die nicht nur schulisches Lernen erschweren, sondern auch ein erhebliches Erziehungsdefizit von Elternhaus und öffentlichen Erziehungseinrichtungen offenbaren. In vielen Fällen ist es nach unseren Erfahrungen im sozialen Brennpunkt Hauptschule nicht übertrieben, von Verhaltensstörungen zu reden, die dringend einer sozialen Therapie bedürfen. So wundert es nicht, dass Schule mehr denn je gefordert ist, bei der Erziehung von Kindern und Jugendlichen mitzuwirken. Das bedeutet für die Zukunft öffentlicher Bildung und Erziehung, dass Schulen ihr Profil verändern müssen – weg von der überholten Lernfabrik, hin zur modernen Ganztagsschule mit verstärkter Erziehungskompetenz.

Nicht nur, aber besonders für den revidierten Erziehungsauftrag der Schule müssen neue Formen des Lernens gefunden werden. Für den Bereich des sozialen Lernens haben wir uns selbst schon seit Jahren eigene Zielvorstellungen unseres überwiegend projektorientierten Unterrichts gesetzt – nämlich die üblichen Lernziele durch folgende, uns wichtig erscheinende Erziehungsziele ergänzt. Das sind:

                                                          Stärkung des Selbstvertrauens und Ich-Wertgefühls

                                                                     Abbau von Hemmungen und Ängsten

                                                        Aufbau von mentaler Stärke und Durchhaltevermögen

                                                                Bewältigung von Konflikten und Problemen

                                                                 Bekämpfung von Gewalt und Aggressivität

                                                             Kennen lernen von Kameradschaft und Mitgefühl

                                                                     Integration ausländischer Mitschüler

                                                         Ablehnung von Rassismus und Ausländerfeindlichkeit

                                                          Einstudieren von Selbständigkeit und Verlässlichkeit

                                                     Förderung körperlicher Fitness und handwerklicher Fähigkeiten

                                                    Erlernen der Arbeit im Team und des Lebens in der Gemeinschaft

                                                                  Übernehmen von Verantwortung und Führung

                                                                 Selbständige Lösung überschaubarer Aufgaben

                                                                       Die Natur schätzen und schützen lernen 

                                                               Weg vom passiven Konsumieren zum aktiven Tun

Übrigens: Diese „Zielsetzung“ für unseren Hauptschulunterricht und unsere erlebnispädagogischen Unterrichtsprojekte hat Gerd Kassel bereits 1994 formuliert. Daher ein Blick zurück: Auf der Suche nach Unterrichtsprojekten, in denen sich obige Erziehungsziele besonders gut erreichen lassen, ist Gerd Kassel schon 1995 auf das gemeinsame Kanufahren mit Schulklassen gestoßen. Zunächst war er mit einer 9. Hauptschulklasse und Leihausrüstung eine Woche auf der Lahn unterwegs (siehe Pressebericht der „Gelnhäuser Neuen Zeitung“ „Wer Gerd Kassels Anweisungen nicht folgt, hat nur wenig Chancen, zu überleben“). Aufgrund positiver Erfahrungen mit dem Pilotprojekt machte er sich in den Folgejahren daran, gemeinsam mit Schülern, Schulleitung, Freundes- und Förderkreis und Sponsoren aus der Kanu-Industrie eine schuleigene Kanuflotte aufzubauen und Kanuprojekte – auch mit erweiterten, fachübergreifenden Schwerpunkten praktischen Lernens – an der Kopernikusschule Freigericht zur festen Einrichtung zu machen. Seit 2002 ist „Kanufahren als soziale Therapie“ im Rahmen des Hauptschul-Wahlpflichtangebotes (WPU) Bestandteil des Regelunterrichtes. Einen alten Schul-Pavillon, der eigentlich abgerissen werden sollte, konnte er in einen Projekt-Stützpunkt mit Lagerräumen und Projekt-Werkstatt verwandeln. Leider nur vorrübergehend, denn heute steht hier die nagelneue Ganztagsschulkantine. Auch gut, nichts bleibt, wie es ist. Die Kanus lagern nun weniger optimal im großen Heizungskeller!

Seit 1996 führt Gerd Kassel mehrmals jährlich auf hessischen Gewässern – Lahn, Fulda, Weser, Edersee/Eder, Fränkische Saale – nach umfassender schulischer Vorbereitung mehrtägige Kanuprojekte mit Sack und Pack durch – gelegentlich auch unter Beteiligung von Schülern aus europäischen Nachbarstaaten (siehe Zeitungsberichte des „Gelnhäuser Tageblatts“ „Übers Wasser auf zu neuen Ufern“ und der „Gelnhäuser Neuen Zeitung“  „Das paddelnde Klassenzimmer“). Die Projektthemen können je nach Bedürfnis, Lust und Laune der Teilnehmer um Inhalte der Fächer Sport, Biologie, Ökologie, Geschichte, Erdkunde, Sozialkunde, Deutsch und Kunst erweitert werden.

                                     1.5. Warum das Kanuprojekt idealtypisch die Kriterien des praktischen Lernens erfüllt

Die Überbetonung des theoretischen, kognitiven Lernens an öffentlichen Schulen ist bekannt. Die Vorteile und die Effektivität praktischen Lernens werden oft nicht erkannt. Doch in letzter Zeit ist zu beobachten, dass in neuen Lehrplänen auch dem praktischen Lernen wieder mehr Platz eingeräumt wird. In Hessen wurde sogar ein „Verein für praktisches Lernen“ gegründet mit der Zielsetzung, diese Art des Lernens wieder bekannt zu machen und zu fördern.

Beim Unterrichtsprojekt „Kanufahren als soziale Therapie“ findet Lernen hauptsächlich durch praktisches Tun und fachübergreifend statt – LEARNING BY DOING. Das theoretische Lernen soll jedoch nicht vernachlässigt, sondern mit dem praktischen Lernen harmonisch verbunden werden.

Die Projektaktivitäten beanspruchen und fördern:

Ø  Kopf (z.B.: Lesen und Studieren von Flussführern und Landkarten; Aufstellen von Tourenplänen, Packlisten und Verhaltensregeln fürs Paddeln; Aneignung von sinnvollem Wissen über Natur, Geschichte und Kultur; u.ä.)

Ø  Herz (z.B.: Gemeinschaftserlebnis, Ruhe, Natur erleben und genießen; Freude und Stolz über das Erreichen selbst gesteckter Ziele und die Bewältigung anstrengender Paddel-Etappen empfinden; Ehrgeiz entwickeln; Mitgefühl haben für Klassenkameraden, die beim Paddeln und anderswo schlappmachen; Hilfsbereitschaft und Teamfähigkeit lernen,  u.ä.)

Ø  Hand (z.B.: Bau einfacher Holzkanus; Fortbewegung eines Kanus mit eigener Muskelkraft; Schleppen und Tragen von Booten in Teamarbeit; Be- und Entladen von Kanuanhängern; Auf- und Abbau von Zeltlagern; Einkaufen, Kochen, Spülen; Bedienen von Schleusenanlagen, usw.)

Projektarbeit findet  in unterschiedlichen Bereichen statt:

Ø  herstellend – technisch (z.B.: Bau einfacher Holz-Kanus, Modelle von Schleusenanlagen erstellen, Reparaturarbeiten an Kanu- und Zeltausrüstung durchführen)

Ø  sozial – helfend (z.B.: Gemeinsames Arbeiten, Paddeln, Einkaufen, Kochen  im Team, Stärkere unterstützen Schwächere, Schüler unterrichten Schüler)

Ø  erkundend – erforschend (z.B.: Möglichkeiten und Grenzen von Körper und Geist beim praktischen Tun erforschen;  Erkundung von Stadt – Land – Fluss; Kennen lernen von Mitmenschen in völlig neuen Situationen) 

Bei der Planung, Organisation und Durchführung unseres Unterrichtsprojektes  „Kanufahren als soziale Therapie“ sind ständig oder zumindest im Ansatz die Vorstellungen der Erlebnispädagogik realisiert, auf die es im Zusammenhang mit praktischem Lernen ankommt:

Ø  Einbeziehung der Schüler/innen von Anfang an

Die Schüler/innen, welche aus einem Wahlpflicht-Angebot wählen können, oder komplette Schulklassen aus dem Haupt- und Realschulzweig, die an einem Kanuprojekt „Kanufahren als soziale Therapie“ teilnehmen wollen, bekommen zur Entscheidungsfindung eine Projekt-Multimedia-Show (Diavortrag, Video-Dokumentation, praktische Vorführung des Kanu-Equipments) von uns präsentiert. Hierzu werden auch die Eltern mit eingeladen. Im Zusammenhang mit diesem Projekt-Infoabend für Schüler, Lehrer und Eltern findet in der Regel auch ein Kanuprojekt-Tag statt, bei dem alle Interessierten mit Kopf, Herz und Hand in das Projekt hineinschnüffeln können. Übrigens kann auch der Schwerpunkt des Kanuprojekts beliebig nach Wunsch und Interessenlage von Schülern, Lehrern und Eltern anders gewählt werden. Neben dem Schwerpunkt „Soziales Lernen“ sind die sicher sehr reizvollen Schwerpunkte „Ökologie – Gewässerkunde – Biologie“ oder „Erkundung einer Flusslandschaft unter historischen, geografischen und kulturellen Aspekten“ denkbar, wünschenswert und von Schülern wählbar.

Ø  Mithilfe bei der Planung

Wenn mehrheitlich von Schülern und Eltern entschieden wurde, ob, wann und wo ein Kanuprojekt mit welchem Schwerpunkt unter unserer Leitung stattfindet, beginnt die konkrete Planungsphase, in die möglichst alle Schüler – und auch interessierte Eltern – eingebunden werden. Bus/Bahnangebote, Preisvergleiche, Festlegung von Tagesetappen, Reservierung von Campingplätzen, Bestellung von touristischem Info-Material, Vorbereitung von Stadtführungen usw. werden an einzelne Schüler oder Schülergruppen delegiert. Auch werden in der Planungs- und Vorbereitungsphase regelmäßige Elterntreffen eingerichtet, um die Eltern über den Fortgang zu informieren und zur Mitarbeit zu animieren. Bei allen Kanuprojekten fahren auch Eltern als Betreuer mit.

Bei Kanuprojekten gleich zu Beginn eines neuen Unterrichtsjahres – was durchaus Sinn macht, damit eine Klasse schnell zusammenwächst - finden all diese Planungsaktivitäten natürlich unter Zeitdruck, dafür aber optimal konzentriert und zeitlich gestrafft innerhalb von 4 Wochen statt.

Ø  Hoher Anteil von Selbständigkeit der Schüler

Die Erziehung zur Selbständigkeit der am Kanuprojekt beteiligten Schüler/innen gehört zu den wichtigsten Zielsetzungen des Projekts. Nach und nach werden mehr und mehr Aufgaben und Weisungsbefugnisse in Schülerhand übergeben. Während der achttägigen Flussreise laufen letztendlich alle Arbeiten und Tätigkeiten in Schüler-Eigenregie: Be- und Entladen von Kanu-Anhängern, Auf- und Abbau der Zeltlager, Aufstellen von Bänken und Tischen, Einrichtung eines Lagerfeuers, Einsetzen und Rausholen der Boote, usw. Lehrer und Betreuer stehen zur Aufsicht und Anleitung zur Seite, greifen aber im Fortlauf des Projekts immer weniger in das Geschehen ein. Unser Hauptziel ist erreicht, wenn wir als Projektleiter, Lehrer und Betreuer überflüssig werden.

Ø  Beteiligung von „Kopf, Herz und Hand“

Hierzu haben wir schon oben unsere Ausführungen gemacht. Aber bei diesem wichtigen Aspekt ist eine Wiederholung angebracht. Unser schulisches, erlebnispädagogisches Kanuprojekt an der Kopernikusschule Freigericht umfasst nahezu idealtypisch alle Aspekte lustvollen, theoretischen und praktischen Lernens, die in einer modernen Ganztagsschule der Zukunft denkbar und wünschenswert sind. Der pädagogische Klassiker „Lernen mit Kopf, Herz und Hand“ erlebt eine begrüßenswerte Renaissance. 

Ø  Aus dem Leben gegriffenes Thema

Aktive, sinnvolle, bildungsträchtige Freizeitgestaltung ist in der Gesellschaft von heute und morgen zur Realisierung eines zufriedenen, ausgefüllten Lebens für Menschen aller Alterstufen immer mehr gefragt. Unser langjähriges Kanuprojekt mit einem Hauch von Freiheit und Abenteuer greift hier Schülerbedürfnisse auf, die – abseits vom unseligen, passiven Konsumieren – Möglichkeiten aktiven, freudigen Tuns aufzeigen. Auch das gehört in Zukunft zu den Bildungsaufgaben einer Ganztagsschule, in der Kinder einen Großteil ihres Lebens verbringen müssen – oder besser: dürfen.

Ø  Interesse wecken über die Schule hinaus

Gemäß der Uralt-Devise „Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir“ weckt unser Kanuprojekt Interesse an sinnvoller Freizeitgestaltung bei Schülern – und Eltern.  Schüler, die an unseren Kanuprojekten teilgenommen haben, bitten häufig – zusammen mit ihren Eltern – um das Ausleihen von schulischer Kanu-Ausrüstung, um in den Ferien Flüsse und Seen auf eigene Faust zu erkunden. Diesem Wunsch kommen wir gerne nach – haben die Schüler doch im Verlauf der Projektteilnahme gelernt, mit dem ausgeliehenen Material verantwortungsvoll umzugehen.

Ø  Hineinwirken des Tuns in die Gesellschaft

Die oben aufgelisteten Erziehungsziele unseres Kanuprojekts sind nicht nur relevant für das Leben und Lernen in der schulischen Gemeinschaft, sondern nicht minder für das Zusammenleben und Arbeiten in Beruf und moderner, demokratischer Gesellschaft. Besonders die zukünftige Wirtschaftsgesellschaft fordert und wünscht selbstbewusste, angstfreie, selbstständige, team-  und integrationsfähige Heranwachsende, die Verantwortung und Führung bei der Lösung beruflicher, sozialer und politischer Aufgaben übernehmen können. Dies zu gewährleisten ist der Sinn unseres pädagogischen Tuns, nicht nur im Kontext unseres hier vorgestellten Kanuprojekts.

Ø  Primäre, direkte Erfahrungen der Kinder

Passives Konsumieren hat aktives Tun weitgehend aus dem Alltagsleben von Kindern und Jugendlichen verdrängt. Anstelle tatsächlich erlebter und gelebter Wirklichkeit – einer primären, direkten, unmittelbaren Erfahrung – ist eine durch Medien transportierte Schein-Erfahrung getreten. Dem entgegen zu wirken ist wesentliches Ziel all unserer erlebnispädagogischen Unterrichtsprojekte und lässt sich beim hier beschriebenen Kanuprojekt idealtypisch anstreben. Wärme, Kälte, Nässe, die Sonne und der Wind werden auf der eigenen Haut gefühlt. Hilfsbereitschaft oder Egoismus der Mitreisenden werden direkt und unmittelbar in ihren Auswirkungen erfahren – ebenso Freude und Frust. Gelerntes wird direkt umgesetzt und auf seine Sinnhaftigkeit überprüft. Eine mehrtägige Kanuprojekt-Tour mit Zeltgepäck bietet den Schüler/innen Erlebnisse und Erfahrungen, die im normalen Schulalltag kaum zu organisieren sind.

Ø  Mit- und Weiterentwicklung eines eigenständigen Profils der Schule

Die Leitung der Kopernikusschule Freigericht, die seit vielen Jahren als „Europaschule“ für innovative, pädagogische Entwicklungen und den Aufbau eines eigenständigen Schulprofils bekannt ist und finanziell gefördert wird, hat uns wohlwollend bei der konzeptionellen Entwicklung unseres Kanuprojekts und dem Aufbau einer schuleigenen Kanuflotte unterstützt. Dies geschah in dem Wissen, dass unser Kanuprojekt bei den Schülern, Eltern, Kollegen und in der Öffentlichkeit eine große Wertschätzung genießt, was dem Aufbau eines eigenständigen Schulprofils unserer Schule entgegenkommt. (Siehe Presseberichte weiter unten). 

Innovativer Charakter des Projekts

Erlebnis-, Arbeits- und Reformpädagogik sind ebenso wie handlungsorientierter, fachübergreifender, praktischer Projektunterricht eigentlich ein alter Hut. Realisierungsversuche in früheren Zeiten wurden jedoch als Sand im Getriebe üblicher Lernfabriken interpretiert. Sie blieben leider oft in den Ansätzen stecken. Umso erfreulicher ist es, dass in den letzten Jahren handlungsorientierte, auch praktisch ausgerichtete Formen schulischen Lernens wieder gefordert und gefördert werden. Neu ist nicht unser erlebnispädagogisches Kanuprojekt, sondern seine Wertschätzung in Schule und Öffentlichkeit.

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                                                                              1.6. Kanuprojekt und Öffentlichkeit

Will man ungewöhnliche Unterrichtsprojekte realisieren, benötigt man die Zustimmung und Wertschätzung von Schülern, Eltern, Kollegen, Schulleitung, Schulaufsichtsbehörde und Schulgemeinde. Das kostet viel Mühe und Überzeugungsarbeit im schulischen Umfeld und der Öffentlichkeit. Sehr nützlich ist es, die Medien für sich und sein Projekt zu gewinnen. Sie machen und verbreiten öffentliche Meinung und die meisten Menschen sind mediengläubig. Die Lehrerschaft weiß davon ein Lied zu singen. Unser Berufsstand wurde in den letzten Jahren besonders in den Medien „niedergemacht“, so dass wir heute als „faul“ und „unfähig“ in der Öffentlichkeit dastehen.

Trotzdem ist es uns gelungen, wiederholt sowohl die überregionale als auch lokale Presse und Fachzeitschriften für unsere Kanuprojekte an der Kopernikusschule Freigericht zu interessieren. Örtliche Zeitungsreporter/innen haben sich immer wieder die Mühe gemacht, sich „vor Ort“ ausführlich zu informieren und meinungsbildende Reportagen zu veröffentlichen, die uns bei der Umsetzung unseres Projekt-Konzepts und bei der Sponsorensuche sehr geholfen haben. Daher gehören diese Zeitungsberichte als Leser-„Infobausteine“ in punkto effektive „Öffentlichkeitsarbeit“ in diesen Kanuprojektreader. Denn auch die Ganztagsschule der Zukunft benötigt zum Gelingen eine positive Resonanz in der Öffentlichkeit. Daher folgen jetzt drei jeweils ganzseitig gedruckte Zeitungsberichte (im Original mit illustrierenden Buntbildern) und kürzere Meldungen aus den Anfängen unseres Projekts als Beispiele für gelungene Öffentlichkeitsarbeit. 

                                                                                       Gelnhäuser Neue Zeitung

                                                                          Wer Gerd Kassels Anweisungen nicht folgt,

                                                                              hat nur wenig Chancen zu überleben

                                                Klasse H9b der Kopernikusschule Freigericht mit dem Kanu auf der Lahn

Gerd Kassel ist ein Mann der direkten Worte. „Zum Kotzen“ werde das Wetter, schrieb er seinen Schülern kurz vor Beginn der Kanufahrt in einer Horrormeldung. Aber: „Ihr werdet es überleben, wenn ihr meine Anweisungen befolgt.“ Kassel, Haupt- und Realschullehrer an der Kopernikusschule Freigericht, ist derzeit  mit seiner H9b auf Abschlussfahrt. Allerdings fuhr er mit seinen Schülerinnen und Schülern nicht wie üblich nach Berlin, München oder eine andere europäische Stadt. Die H9b macht derzeit eine Kanufahrt auf der Lahn. Ein außergewöhnliches Projekt mit einem tiefgreifenden, gedanklichen Hintergrund.

Zwar sollen die Schüler auch ihren Spaß haben, dafür ist eine Abschlussfahrt schließlich gedacht. Das Projekt hat aber auch einen pädagogischen Hintergrund. Wer mit seinem Kanu mehrere Tage einen Fluss befahren will, hat zwei Möglichkeiten: Entweder einfach drauflos paddeln oder sich erst gründlich über einen Fluss und die örtlichen Gegebenheiten informieren. Kassel wählte mit seiner Klasse die zweite Variante. Schon Monate vor Beginn der Kanufahrt informierte er Schüler, Eltern und vor allem auch Schulleitung und Schulamt über die „Überlebens-Tour“ und räumte somit sämtliche Bedenken aus dem Weg. Das einschlägigste Argument war wohl, dass das Kanuprojekt alles einschloss: Einen Großteil des normalen Unterrichts, einen gesonderten Projekttag in der Woche, freiwilliges Nachmittagsprogramm mit Kanubau und zum Abschluss die mehrtägige Kanufahrt.

Seine Schüler bereitete er so intensiv auf die Fahrt vor, dass sie trotz der schlechten Wetterlage mit Begeisterung in Wetzlar in die Boote stiegen. Jeweils zwei Schülerinnen oder zwei Schüler bildeten ein Team, das nicht nur einfach zusammen in einem Kanu saß. Jeder war für den anderen verantwortlich, musste sich mit seinem Partner das Kochen teilen und zusammen das Zelt aufbauen. Die Kameradschaft stand im Vordergrund, keiner kam ohne den anderen aus. Vor allem die Mädchen entwickelten einen ganz besonderen Ehrgeiz und steckten keinesfalls hinter ihren männlichen Klassenkameraden zurück. Dass es alleine nicht ging, merkten die Schülerinnen und Schüler an ganz einfachen Dingen. So konnten die Boote beispielsweise nur dann aus dem Wasser gehoben werden, wenn alle mit anpackten. Für Kassel das Wichtigste. In einer Zeit, wo sich Jugendliche immer mehr zu reduzierten Persönlichkeiten im körperlichen und psycho-sozialen Bereich entwickeln, muss aktives Tun passives Konsumieren wieder ersetzen. Außerdem beweist er, dass derartige Projekte auch mit Hauptschülern möglich sind und räumt somit schubkarrenweise Vorurteile aus dem Weg.

Nach der täglichen Strecke auf dem Wasser, meist etwa 15 bis 20 Kilometer, ging es sofort an den Zeltaufbau. Erst danach stärkten sich die Teilnehmer. Am Abend bekamen die Schülerinnen und Schüler die Einsamkeit der Wildnis zu spüren. Lagerfeuer, Gitarre, Robinson Crusoe lässt grüßen. Ab und zu kehrten die Abenteurer aber auch in die Zivilisation zurück. Dann war Kultur angesagt, zum Beispiel in Limburg bei einer Dombesichtigung.

Morgens wurden die Schülerinnen und Schüler dann „zärtlich“ geweckt. Kassel ging mit seiner Trillerpfeife von Zelt zu Zelt und sorgte dafür, dass auch der hartnäckigste Langschläfer aus seinen Träumen gerissen wurde. Wohl die einzige Situation, wo sich Kassel bei seiner Truppe etwas unbeliebt machte.

Für Unterhaltung sorgte dagegen sein Kollege Reinhold Hein. Der versuchte sich im Einer-Kajak und kenterte sehr zur Schadenfreude aller Teilnehmer. Weitere Begleitpersonen waren Edgar Simon und Winfried Suchy aus der Elternschaft. Und auch Rektor Horst Sassik, Leiter des Hauptschulzweiges an der Kopernikusschule, ließ es sich nicht nehmen, seine Schützlinge zu besuchen. Er blieb allerdings im Trockenen und verzichtete auf die Fahrt im Kanu.

Wenn alles gut gegangen ist, erreichen die Abenteurer morgen die Lahn-Rhein-Mündung in Lahnstein. Dort will Kassel zum Abschluss mit seiner Klasse in den Rhein hineinfahren. Bleibt zu hoffen, dass Alle Kassels Überlebensregeln befolgt haben und noch an Bord sind.                                                                                                                                                                   Andreas Ziegert  

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Als Gerd Kassel damit begann, an der Kopernikusschule eine eigene Kanuflotte aufzubauen, brauchte er neben inhaltlicher Akzeptanz der Projekt-Konzeption in erster Linie Geld zum Kauf von Kanu- und Zeltausrüstung. Neben öffentlichen Geldgebern (Kultusministerium) und schulischen Helfern („Elternspende“, organisiert durch den Schulelternbeirat, „Freundes- und Förderkreis“ der Kopernikusschule) gelang es ihm auch in bescheidenem Rahmen, private Sponsoren aus Kanuindustrie und Kanuhandel „anzuzapfen“. Dazu musste er sich allerdings erst mal in der Kanuszene bekannt machen. Um diese gezielte „PR-Maßnahme“ zu beschleunigen, kam er auf die sinnvolle Idee, als freier Mitarbeiter für einschlägige Fachzeitschriften wie KANUMAGAZIN („Europas größte Zeitschrift für Paddler“ – www.kanumagazin.de), KANU-Sport (Zeitschrift des Deutschen Kanuverbandes, www.kanu.de) und OUTDOOR (www.outdoormagazin.com) selbst Reiseberichte und für den auf Kanuliteratur spezialisierten Pollner-Verlag (www.Pollner-Verlag.de) Kanu-Bücher zu schreiben.

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                                                                                             KANUMAGAZIN 

                                                                                    Kanufahren wird Schulsport

Gerd Kassel, Lehrer und Kanumagazin-Autor (Niederlande-Story ab Seite 68) verbindet Hobby und Beruf. Mit einem „fachübergreifenden, handlungsorientierten Kanu-Projekt“ für die 9. Klasse der Kopernikusschule Freigericht will er die Schülerschaft aufs Wasser locken. In Geschichte, Gesellschafts- und Arbeitslehre setzt das Konzept an den Wurzeln, bei Eskimos und Indianern, an und leitet über zum heutigen, überwiegend freizeitmäßigen Paddeln. In den Erdkundeunterricht wird der Aspekt „Fluss“ integriert: Morphologie, Strömungslehre, Tal-Entstehung, Gesteinsarten, Hochwasser etc.. In Biologie und Ökologie werden Fauna und Flora des Flusses besprochen, die Bedeutung von Flusslandschaften für die Artenvielfalt sowie Verursacher und Folgen von Flussverschmutzung und –zerstörung. Der Bereich „Mit dem Kanu auf dem Fluss“ umfasst Paddeltechnik, Logistik, soziale und Sicherheitsaspekte.

Dann – endlich – kommt die Praxis: Die Schüler bauen ein einfaches Holz-Kanu und nach einer Einführung auf See- und Fließgewässern geht die Klassenabschlussfahrt auf eine 10-tägige Kanu-Wandertour auf die Lahn. Das insgesamt über 3 Monate laufende Projekt wird vom Land Hessen im Rahmen des „Europaschulprogramms“ bezuschusst. Nähere Infos zum Thema gibt’s bei Gerd Kassel, Hauptstraße 41, 63579 Freigericht-Horbach.

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Gerne hätten wir in der Entstehungsphase auch Fernsehsender für unsere Kanuprojekte interessiert, aber da kam bei entsprechenden Anfragen keine oder nur bescheidene Resonanz. Der hessische Rundfunk wollte uns vor Kurzem bei einem SchuB-Kanuprojekt ein paar Minuten im Hessen-Journal einräumen. Das war uns zu wenig. Vielleicht sind wir auch immer an die falschen Leute geraten. Demnächst, wenn wir diesen Kanuprojektreader vorzeigen können, was uns natürlich auch als „Türöffner“ dienen soll, werden wir  wieder mal bei Fernsehsendern anklopfen.

Denn eins dürfte klar sein: Erlebnispädagogische Unterrichtsprojekte, egal ob Paddeln, Segeln, Klettern usw. sind kostenintensiver als herkömmlicher, theoretischer Unterricht. Die Schule der Zukunft wird eine Ganztagsschule sein, wo theoretisches Lernen am Vormittag und praktisches Lernen am Nachmittag stattfinden wird – oder auch vermischt.

An der Kopernikusschule Freigericht hat die Zukunft längst begonnen. Durch die chronisch werdende Verknappung öffentlicher Finanzmittel werden die Schulen genötigt, private Schulsponsoren zu finden. Dafür muss man ein attraktives Schulprofil vorweisen, d.h. die Schule muss eine permanente Schau abziehen, was natürlich auf Dauer nur gut geht, wenn man gut ist. Auf jeden Fall gehört dazu möglichst häufige und positive Medienbeachtung. Das ist uns mit unseren Kanuprojekten seit etlichen Jahren bei der Presse ganz gut gelungen:

                                                                                      Frankfurter Rundschau

                                                                                    Begeisterung auf der Lahn....

Ganz begeistert berichtet uns Uwe Scharf über die Erfahrungen, die er mit der Klasse seines Sohnes auf einer Lahn-Kanufahrt machte. Die R9e der Freigerichter Kopernikusschule  mit Klassenlehrer Gerd Kassel machte sich für eine Woche in schuleigenen Booten auf, zwischen Wetzlar und Lahnstein die Landschaft zu erkunden. Bio, Geschichte und Sozialkunde wurden auf der Tour praktisch erfahren. Hinzu kam das in der Theorie gern beschworene „soziale Lernen“ – etwa dann, wenn es hieß, in durchnässten Zelten bei Laune zu bleiben oder gemeinsam die zehn bepackten Boote immer wieder an Land und zurück aufs Wasser zu schleppen.

Zum spontanen Unterricht über Biologie und Leben am geschützten Fluss entwickelte sich die Begegnung mit einem Fischer. Trotz vorgerückter Stunde nach einem anstrengenden Paddeltag waren die Schüler bei der Sache. Kein Einzelfall war diese Verbindung von Unterricht, sportlicher Betätigung, gemeinsamer Konfliktbewältigung und Auseinandersetzung mit täglich neuen Aufgaben. Uwe Scharf und die drei übrigen Väter, die mit waren, erlebten jedenfalls fast etwas neidisch, wie viel Freude am Lernen die Schule mit einem engagierten Lehrer doch geben kann.

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Um ehrlich zu sein, sehr spendabel ist die Kanuindustrie gegenüber sozialen Einrichtungen nicht gerade. Das hat zwei Gründe: Erstens stehen sie längst in Schlange an, die „bettelnden“ Vertreter von Schulen, Erziehungsheimen, Betreuungsvereinen usw. Zweitens sind die Kanufirmen vergleichsweise nur kleine Unternehmen, die es sich nicht leisten können, ihre Produkte zu verschenken. In der Regel wollen Sponsoren eine Gegenleistung wie gute Fotos, Artikel, Internetauftritte u.ä., was sich werbewirksam an den Kunden bringen lässt. Sponsoren-„Geschenke“ werden meist aus dem bescheidenen Werbeetat finanziert.

Trotzdem ist es uns gelungen – hauptsächlich durch unsere privaten Aktivitäten wie gute Kanufotos zu veröffentlichen, Zeitschriften-Artikel und Kanubücher zu schreiben und eine eigene Homepage www.kanukassel.de zu gestalten – einige Boote, Bootswagen, Paddel, Schwimmwesten und wasserdichte Packsäcke für unsere mobile Kanuflotte an „Land“ zu ziehen.

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                                                                                     Frankfurter Rundschau

                                                                     Für Klassenfahrten gibt es nun ein Kanu mehr

                                                                                „Gewinn“ für Kopernikusschüler

Main-Kinzig-Kreis. Die Schüler der Kopernikusschule Freigericht werden sich freuen: Ihre Kanuflotte von zehn Kanus ist jetzt auf elf angewachsen. Diesmal mussten die Jugendlichen der additiven Gesamtschule das Kanu nicht wie schon drei andere zuvor in mühevoller Handarbeit aus Holz bauen – sie haben es einfach geschenkt bekommen. Ihr Lehrer Gerd Kassel, der gern in der freien Natur unterwegs ist, hatte sich um das Geschenk beworben.

Der Kanu- und Kajakhersteller Old Town verschenkte zu seinem 100. Geburtstag 50 Kanus an gemeinnützige Einrichtungen. Eine Jury, bestehend aus einem Bundestagsabgeordneten, einem Sozialarbeiter und dem Chefredakteur einer Kanu-Fachzeitschrift, musste aus 400 Bewerbern auswählen und vergab ein Kanu an die Kopernikusschule.

Gerd Kassel, der „alles außer Mathe unterrichtet“, wird mit seinen Schülern das 38 Kilogramm schwere Kanu auf der Lahn ausprobieren. Und weil „normaler Unterricht zu langweilig ist“, veranstaltet er auch regelmäßig Klassenfahrten auf allen Wanderflüssen Deutschlands. In Zukunft wird er dabei allerdings vorsichtiger sein: Seine Schüler sollen ihn nicht wie zuletzt auf der Weser zum Kentern bringen.

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Neben der Kanuindustrie kommen als mögliche Projekt-Sponsoren auch noch ortsansässige Firmen, Geschäfte und Banken in Frage. Schüler-Eltern arbeiten oft in Betrieben, wo es was Nützliches zu holen gibt, z.B. 10mm-Verpackungsseile als Bootsleinen von der Flughafen-AG, wasserdichte, lebensmittelechte Tonnen unterschiedlicher Größe vom Chemie-Konzern in der Nachbarstadt, Spenden für einen Kanu-Anhänger von der Sparkasse usw. 

Auf jeden Fall macht es Sinn, in der Öffentlichkeit viel „Wind“ zu machen. Z.B. als die Kopernikusschule 30 Jahre alt wurde, da gab es ein großes Schulfest und tags zuvor einen Projekttag für alle Schüler. Dies war auch für uns erstklassiger Anlass und bestens geeignete Plattform, um unser Kanuprojekt anschaulich der gesamten Schulgemeinde und anwesenden Presse vorzustellen:

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                                            Info-Brief für die Eltern und Schüler/innen der Klassen H6a und H8b

Gegen Ende dieses Schuljahres sind unter meiner Leitung für die Klassen H6a und H8b mehrtägige Kanuprojekte als für alle Schüler/innen verbindliche Klassenfahrten geplant. Die H6a wird für ca. eine Woche mit mir in ein Zeltlager an den Edersee fahren. Die H8b mit Frau Kuhn-Dankert wünscht unter meiner Leitung eine 8-tägige Kanufahrt mit Zelt-Gepäck auf der Lahn.

Die von mir konzipierten, organisierten und geleiteten Kanuprojekte an der Kopernikusschule Freigericht verfolgen in erster Linie den Zweck, in den beteiligten Schulklassen die Gemeinschaft, den Teamgeist und die körperliche Fitness zu fördern. Außerdem lernen die Schüler/innen wichtige Dinge im Umgang mit sich, ihren Mitmenschen und der Natur. Wer sich genauer für die Zielsetzungen und Abläufe meiner Kanuprojekte interessiert, liest bitte weiter im Anhang meine Info-Reportage „Kanufahren als soziale Therapie“. Diese leicht verständliche und anschauliche Darstellung habe ich für die Internet-Homepage einer bekannten Kanu-Firma geschrieben, die das Kanu-Projekt sponsert.

Meine Kanuprojekte müssen in Laufe des Schuljahres mit den beteiligten Schulklassen sehr gut vorbereitet werden. Dazu möchte ich diesmal u.a. auch das Schulfest, sowie den tags zuvor geplanten Projekttag nutzen. Neben den üblichen Festivitäten sind Lehrer/innen und Schüler/innen der Kopernikusschule Freigericht aufgefordert, im Rahmen des Schulfestes (Samstag von 11 bis 18 Uhr) den Eltern, Besuchern und der Öffentlichkeit besondere und sehenswerte schulische Aktivitäten vorzustellen. So können Frau Kuhn-Dankert und ich bei  dieser zweitägigen Schulfest-Veranstaltung „zwei Fliegen mit einer Klappe“ schlagen. Erstens können wir anschaulich und sehr ausführlich interessierte Eltern über Konzeption, Organisation und Durchführung unserer Kanuprojekte informieren. Zweitens bereiten wir unsere Schüler/innen der Klassen H6a und H8b mit praktischen Übungen und Arbeiten bereits eingehend auf die in diesem Schuljahr stattfindenden Kanuprojekte am Edersee und auf der Lahn vor.

Für unsere Kanuprojekte ist es sehr wichtig, dass auch die Eltern vom Sinn solcher Veranstaltungen überzeugt werden. Auch freuen wir uns immer über die Mitarbeit und Mithilfe naturbegeisterter Mütter und Väter. Damit die Eltern der Klassen H6a und H8b wissen, was abläuft und wann und wo ihre Anwesenheit und Teilnahme geschätzt wird, möchte ich hiermit alle Beteiligten und Betroffenen über die geplanten Aktivitäten am Freitag und Samstag informieren.

                                                                                      Freitag – Projekttag

Vormittags: Dort üben wir das Auf- und Abbauen von Zelten und bauen ein vorbildliches Zeltlager auf. Schüler/innen, welche Zelte, Iso-Matten, Luftmatratzen und Schlafsäcke besitzen, bringen diese notwendige Ausrüstung am Freitagmorgen mit in die Schule. Wir planen von Freitag auf Samstag eine Übernachtung möglichst vieler Schüler/innen der Klassen H6a und H8b im vorbildlich aufgebauten Zeltlager. Geübt wird also der Ernstfall auf Klassenfahrt, natürlich auch, wenn’s regnet. Denn dafür müssen wir gerüstet sein und sind es auch. Alle beteiligten Schüler/innen müssen ihre Verpflegung an beiden Tagen sicherstellen, z.B. durch „Fress-Pakete“ vorbeischauender Eltern.

Nachmittags: Präsentation der gesamten schulischen Kanu-Ausrüstung und das Einüben des sachgemäßen Umgangs hiermit, z.B.: Reinigen der Boote, Tragen und Aufladen der Kanus auf den Bootsanhänger, Anlegen von Schwimmwesten, Trockenübungen in Sachen Paddeltechnik, usw. Aufbauen von Regendächern (Tarps) und Bierzelt-Garnituren zum gemütlichen Beisammensitzen. Anlegen einer Feuerstelle, Organisieren von Brennholz, Feuermachen. Einführung in den Umgang mit den schuleigenen Spiritus-Campingkochern. Anfertigen einfacher Gerichte. 

Abends: Um 20 Uhr zweistündiger Diavortrag von Gerd Kassel  über Zielsetzung, Organisation und Durchführung seiner Kanuprojekte in der Aula der Kopernikusschule. Nachmittags wird Elternbesuch gerne gesehen. Abends beim Info-Diavortrag ist Eltern-Anwesenheit „Pflicht“.

Ab 22 Uhr gemütliches Zusammensitzen am Lagerfeuer. Vorbereitung zur Zeltübernachtung. Für die notwendige Aufsicht durch Erwachsene wird von uns gesorgt. Trotzdem wären elterliche „Nachtschwärmer“ als Lagerwache willkommen.Samstag – Schulfest

Ab 7 Uhr: Nach dem Wecken und Aufstehen gemeinsames Camping-Frühstück und Aufräumen des Lagers.

Ab 11 Uhr:  Das Zeltlager und die gesamte Kanu-Ausrüstung werden während des Schulfestes den Besuchern zur Schau gestellt. Außerdem werden wir Kochen, Braten, Grillen, Stock-Brot und Pfannkuchen backen, Essen und Trinken, was das Zeug hält, bzw. was (von Eltern) angeliefert wird.  Als „Zwischen-Show-Einlage“ wird das komplette Zeltlager innerhalb einer Stunde komplett wasserdicht verpackt und in die Kanus verladen – und anschließend in noch kürzerer Zeit wieder aufgebaut. Zu vorher verabredeten Zeiten können sich die Schüler/innen der H6a und H8b unter Zurücklassung einer Lagerwache auf dem Schulfest umschauen.

Ab 16 Uhr: Abbauen des Zeltlagers und Verstauen der Kanu-Ausrüstung in den Lagerräumen.

Ich hoffe, dass möglichst alle Schüler/innen und viele Eltern der Klassen H6a und H8b mit Spaß und Begeisterung bei der Sache sein werden und das besondere Engagement ihrer Lehrer/innen zu schätzen wissen. Schulische Kanuprojekte der von uns vorgestellten Art finden in Deutschland nicht aller Orten statt, da sie mit sehr viel Arbeit, Sachkenntnis und Idealismus verbunden sind. Den Schüler/innen der Kopernikusschule Freigericht wird also in jeder Hinsicht etwas Besonderes geboten, worauf Schüler/innen anderer Schulen neidisch sind. In diesem Sinne erhoffe und erwarte ich eine gute Zusammenarbeit.

Mit freundlichen Grüßen                                                                                                                                                      Gerd Kassel

                                                                                                                                         Kanuprojektleiter und Klassenlehrer der H6a

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Wir erinnern uns, dass die hier vorgestellte schulinterne Öffentlichkeitsarbeit im Rahmen eines Schulfestes bestens lief und somit fast automatisch zwei Tage später zu einem positiven Presse-Echo führte.

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                                                                                Gelnhäuser Neue Zeitung

                                                                               30 Jahre Kopernikusschule

                                                               Ein Schulfest der Superlativen zum Jubiläum

Freigericht-Somborn (gla). Ein Schulfest der Superlativen eröffnete am Samstagvormittag die Leiterin der Kopernikusschule, Anna Maria Dörr........

In über 60 Programmpunkten waren 44 der insgesamt 76 Schulklassen eingebunden. Gar nicht zu reden von den Eltern der insgesamt mehr als 2300 Schüler, dem „Freundes- und Förderkreis“, dem Kollegium einschließlich Schulleitung und –personal. Aber die Mühe und der Aufwand haben sich gelohnt.

Unzählige Gäste strömten den ganzen Tag durch die Flure, Klassenzimmer, Sport- und Außenanlagen der Schule, um sich über die Aktivitäten an der Kopernikusschule zu informieren.......

Neben Theateraufführungen, Reise- und Schüleraustauschberichten gab es auch ausreichend Information über verschiedene Schulprojekte, von denen eines besondere Aufmerksamkeit verdiente: Die Vorbereitung einer noch in diesem Schuljahr anstehenden mehrtägigen Kanufahrt der 6. und 8. Klasse der Hauptschule.

In der kleinen Senke zwischen Parkplatz und Haupteingang der Schule übten die Schüler den Aufbau eines Zeltbiwaks, den Transport der schweren Kanus, das Herrichten einer Mahlzeit auf Campingkochern und Grillen am Lagerfeuer.

Gerd Kassel, Klassenlehrer und geistiger Vater dieses Projekts, zieht diese Exkursionen seit zehn Jahren mit Erfolg durch. Dabei steht bei ihm nicht das Erreichen eines bestimmten Zielortes, sondern die Förderung des Sozialverhaltens und Teamgeistes seiner Schülerinnen und Schüler im Vordergrund.

Der autoritäre Mensch, wie er sich selbst nennt, baut mehr auf soziales Lernen in der Praxis und handlungsorientierten Unterricht als auf trockenes Vermitteln theoretischen Wissens. Seine Kids freuen sich auf jeden Fall schon jetzt auf dieses gut vorbereitete und sicher auch spannende und abenteuerliche Erlebnis.

Mit solchen und ähnlichen Varianten der Wissensvermittlung haben die Verantwortlichen zu dem guten Namen der Kopernikusschule in den zurückliegenden dreißig Jahren immer wieder beigetragen und auch für deren gewisse Vorrangstellung in der Region gesorgt.

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Da kann man nicht meckern. Die Presse stand auch bei dieser PR-Aktion auf unserer Seite. Doch jeder, der schon mal Outdoor-Projekte durchgeführt hat, der weiß:

                                                                              „Es ist nicht alles Gold, was glänzt“

In Wirklichkeit geht nämlich der Projekttag vor dem Schulfest so ziemlich in die Hose. Von Freitagmorgen bis Samstagmorgen regnet es in Strömen und Sturmböen zerlegen immer wieder unser „vorbildliches“ Zeltlager. Der Boden ist aufgeweicht, die Zeltheringe haben im klebrigen Schlamm kaum Halt. Nur die wenigsten Schülerinnen und Schüler tragen Gummistiefel und Regenanzüge. Die meisten sind schnell durchnässt und haben „keinen Bock“ mehr. Von den drei eilig aufgespannten Regendächern (Tarps 5 x 5 m) werden zwei ruckzuck in Fetzen gerissen. Für das Lagerfeuer haben wir nur nasses Holz, das mehr raucht als brennt.

Es ist also etwas Improvisation angesagt: Einen bewährten Mitarbeiter aus der Elternschaft schicken wir schnell in einen Großhandel für Berufsbekleidung, um dort aus Geldern unserer Kanuprojektkasse einen Klassensatz wasserdichter Regenanzüge zu kaufen, wie ihn die Bauarbeiter bei Sauwetter tragen – Jacke mit Latzhose für nur 8 Euro. Robert bringt tatsächlich 30 gelbblitzende „Friesennerze“ an, nicht in den passenden Größen (Bauarbeiter sind nun mal XXL-Typen), aber praktisch, preiswert, gut!

Trotzdem: Alle bis auf die Unterhose nassen und schlotternden Kinder müssen wir mittags erst mal heimschicken, um die Kleidung zu tauschen und Badeklamotten zu holen – nicht weil sich das Biwakgelände allmählich in einen Badesee verwandelt, sondern ein schönes, warmes Hallenschwimmbad genau neben unserem Biwakplatz sehr verführerisch zum Verweilen einlädt. Nach kurzer, etwas kontrovers geführter Diskussion über sogenannte „Weicheier“ ist klar: Auch das Retten und Bergen absaufender Kanuten muss unbedingt geübt werden – und das geht am besten im Schwimmbad. Schnell fällt uns auch eine passende Kanuprojekt-Übung ein, bei welcher der DLRG-Bademeister flexibel mitspielt: Wir üben Erste Hilfe beim Ertrinken und lernen Maßnahmen zur Wiederbelebung! Wie wird man DLRG-Rettungsschwimmer? Nur als wir zwecks Eskimotiertraining Kajaks in sein Schwimmbecken holen wollen, da streikt er. Die sind ihm zu schmutzig.

So verbringen wir einen netten und lehrreichen Nachmittag im Schwimmbad. Nur, irgendwann müssen wir da wieder raus – und draußen schifft es immer noch wie aus Eimern. Egal, rein in die neuen Plastikanzüge und auf in den Kampf. Das vom Winde verwehte Lager muss nach aktuellen, schlechten Erfahrungen und daraus abgeleiteten, neuen Erkenntnissen wieder aufgebaut werden. Die Kids wissen jetzt, dass es sinnvoll ist, den Zelteingang auf die Windschattenseite zu legen und wirklich alle zu Verfügung stehenden Zeltheringe und Sturmleinen auch tatsächlich zu nutzen.

Als es dunkel wird, bereiten wir in der Schulaula einen Kanuprojekt-Diavortrag vor, stellen hundert Stühle auf, montieren unsere große Leinwand (3 x 4,5 m) und unseren lichtstarken Überblendprojektor. Mit diesem Equipment hielt Gerd Kassel früher auch privat bei Kanufirmen und sogenannten Händler-Events Bildvorträge über seine Kanutouren in aller Welt. Aus über tausend Dias vergangener Kanuprojekte haben wir die schönsten und aussagekräftigen Fotos herausgesucht, um Eltern und Schüler von der Schönheit der Natur, der Ästhetik des Paddelns und der Romantik des Zeltens zu überzeugen.

Tatsächlich füllt sich der Saal bis auf den letzten Stuhl – sogar die vielbeschäftigte Schulleiterin taucht erstmals bei einer solchen Veranstaltung von uns auf. Alle sind begeistert – bis wir am Ende wieder raus müssen in die stürmische Regennacht! Unser bunt-fröhlicher Diavortrag in beheizter Aula steht im harten Kontrast zur aktuellen  Outdoor-Wirklichkeit. Die Eltern machen sich blitzschnell aus dem Staub, äh, Sprühregen, der waagerrecht durch die Luft gepeitscht wird. Etwa die Hälfte nehmen ihre Kinder gleich mit ins schützende Heim. Nun gut, ein bisschen Schwund hat man bei jedem erlebnispädagogischen Projekt. Die realen Erlebnisse sind ja nun mal im Gegensatz zur  theoretischen Pädagogik nicht immer nur gut!

Mit etwa dreißig verbliebenen Schülerinnen und Schülern aus zwei Hauptschulklassen verbringen wir auf der Schulwiese eine schlaflose Nacht. Das als leicht-lockere Übung gedachte Anfänger-Biwak wird zum härtesten Fall, den wir jemals mit Schülern outdoors erlebt haben. Mitten in der Nacht kippen in den Sturmböen Bänke und Tische um und einige Boote und Gepäcktonnen machen sich selbständig. Als dann auch noch die Zeltstangen der billigen Iglu-Zelte knallend zerbersten, tritt der Notfallplan in Kraft. So ein Plan ist notwendig, egal, wo wir uns des Nachts mit einer Schulklasse aufhalten. Es besteht immer die Möglichkeit, dass heftige Unwetter ein Schüler-Zeltlager zerbröseln können. Die Auswahl der Zelt- und Campingplätze auf Kanutouren muss eine Rückzugsmöglichkeit in „feste“ Behausung gewährleisten – und wenn es die Klohäuschen oder die Begleitfahrzeuge sind.

Wir ziehen uns geschlagen zurück in unser „Bootshaus“. Das ist ein alter Schulpavillon, der mittlerweile abgerissen wurde. Es ist hier nicht gerade sehr gemütlich, aber einigermaßen trocken, von ein paar Tropfstellen abgesehen, wo Eimer drunter stehen. Einige Kids behaupten, sie hätten auch Ratten gesehen. Natürlich kommt hier niemand mehr zum Schlafen.

Als der glorreiche Tag unseres Jubiläumsschulfestes beginnt, reißt plötzlich der Himmel auf – und alles wird gut! Die Fahnenflüchtigen kehren zurück und wir bauen mit neuen ALDI-Zelten, die wir immer in Reserve haben, ein wunderschönes, ordentliches Zeltbiwak wie aus dem Lehrbuch auf. Alle Besucher und Zeitungsreporter, die unser Projektlager inspizieren, um sich einen genauen Eindruck solcher Highlights praktischen Lernens zu verschaffen, sind begeistert. Nun denn! Unsere Kids und wir sind nur todmüde.

Die beiden Kanuprojekte im Sommer dieses Jahres verlaufen dann aber wider Erwarten ohne Wetterkapriolen, Materialschwund und Fahnenflucht ganz erfolgreich. Trotzdem fällt das Lahnprojekt organisatorisch ziemlich aus dem üblichen Rahmen. Aus der Lahn-Tour wird plötzlich eine internationale Begegnungsfahrt – zusammen mit einem Lehrer und 9 Schüler/innen aus Polen. Und das kommt so:

Der polnische Lehrer Leonard Kurlej bekommt im deutschen Grenzort Görlitz ein Heft des deutschen KANUMAGAZINS in die Hände. Dort liest er den druckfrischen Artikel „Das paddelnde Klassenzimmer“ mit von der Redaktion eingefügten, reißerischen Überschriften:

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                                                                                       KANUMAGAZIN

                                                                             Das paddelnde Klassenzimmer

 Gesamtschullehrer Gerd Kassel nutzt das Kanu als pädagogische Wunderwaffe

Aufgepasst! Geschickt verknüpft Lehrer Kassel die Fächer Paddeln und Pauken zu spannender Erlebnispädagogik

Angepackt! Sei es auf dem Wasser oder an Land – bei Kassels Klassenfahrten ist Kanu fahren immer Teamsport

Ausgepackt! Campen und Kartoffel schälen ist für manche Kids exotischer als das Kanu fahren selbst

Angebissen! Nach einer Woche braucht keiner mehr das ‚Hotel Mama’

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Der polnische Kollege Leonard, der auch mit Schülern paddelt, beißt beim Lesen des Artikels auch prompt an, zumal ihn folgender Texthinweis animiert, zu Gerd Kassel per E-Mail Kontakt aufzunehmen:

Gerd Kassel arbeitet als Haupt- und Realschullehrer an der Kopernikusschule Freigericht. Dort wird er überwiegend in Problemklassen eingesetzt, mit denen er u.a. auf mehrtägige Kanu-Gepäcktouren geht. Zu diesem Zweck hat er eine schuleigene, mobile Kanuflotte aufgebaut. Nebenbei schreibt er Kanubücher und Zeitschriftenartikel. Wer sich für das Kanuprojekt ‚Kanufahren als soziale Therapie’ näher interessiert, kann gegen Porto und Kopiergeld einen umfangreichen Kanuprojekt-Reader direkt beim Autor anfordern.

Das hat Leonard in einem sehr netten E-Mail-Brief auch prompt getan – und zwar in deutscher Sprache! Das erleichterte die Kontaktaufnahme, denn Gerd schrieb ihm gleich zurück:

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Lieber Leonard,                                                                             

in den letzten Wochen habe ich viele Info-Pakete über mein Kanuprojekt mit Schulklassen in ganz Deutschland, aber auch nach der Schweiz und Österreich verschickt. Aber dass das KANUMAGAZIN sogar bei Euch in Polen gelesen wird, überrascht und freut mich sehr. Die Idee einer Zusammenarbeit zwischen Deiner und meiner Schule finde ich gut. Hier bekommst Du jetzt meine kompletten Kanuprojekt-Unterlagen. Besser wäre es aber, Du könntest an einem konkreten Kanuprojekt der Kopernikusschule Freigericht teilnehmen. Ich lade Dich daher ein, bei meinem diesjährigen Kanuprojekt mit einer achten Klasse auf der Lahn (beliebtester Wanderfluss Deutschlands) mit zu machen. Dabei siehst Du und lernst Du am meisten. Wir sind von Samstag, den 8.6. bis Samstag, den 15.6. mit ca. 15 Kanus, 20 Schülern und 10 Lehrern/Betreuern mit Zeltgepäck auf der Lahn von Wetzlar bis zur Mündung in den Rhein unterwegs. (Siehe Beschreibung im KANUMAGAZIN und beiliegenden LAHN-Tourenplan).Vielleicht bekommst Du von Deiner Schulbehörde eine Dienstreise genehmigt zur Lehrerfortbildung und zur Knüpfung internationaler Kontakte.

Herzliche Grüße                                                                                                                                                                    Gerd Kassel

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Polen sind unglaublich flexibel und wissen zu improvisieren – jedenfalls Leonard Kurlej, der mittlerweile unser Freund ist. Er beschließt, mit 10 Schüler/innen seiner polytechnischen Oberschule, wo auch Deutsch als Fremdsprache gelehrt wird, am Lahn-Projekt  teilzunehmen – obwohl seine Kids über keinen müden Euro verfügen. Das achttägige Lahnprojekt kostet jeden deutschen Teilnehmer 150 Euro. Das ist soviel, wie ein Arbeiter in Polen in einem Monat verdient. Lehrer haben ein Monatseinkommen von 300 Euro. Also scheint eine polnische Teilnahme am Lahn-Projekt nicht bezahlbar. Denkste! Leonard weiß, wo man Zuschüsse bekommt. Er braucht nur eine offizielle Einladung der Kopernikusschule Freigericht, die auch prompt bekommt:

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 Zespol Szkol Ekonomiczno-Technicznych

 

w  Rakowicach Wielkich

Rakowice Wielkie 48

59-600 Lwowek Slaski

Sehr geehrter Herr Leonard Kurlej,                                                                                                                         Freigericht, den 20.3.

Sie haben in einem längeren Briefkontakt starkes Interesse bekundet, das erlebnispädagogische Kanuprojekt der Kopernikusschule Freigericht näher kennen zu lernen. Herr Kassel – der Kanuprojektleiter unserer Schule – hat Ihnen den umfangreichen Kanuprojekt-Reader übersandt, der alle wichtigen Informationen enthält. In diesem Schuljahr führt Herr Kassel mit zwei Kollegen/innen und einer 8. Hauptschulklasse (ca. 20 Schüler/innen) ein Kanuprojekt auf der Lahn von Wetzlar bis Lahnstein durch. Es handelt sich hierbei um eine Kanu-Wanderung mit Übernachtung in kleinen 2-Mann-Zelten und Selbstverpflegung.

Wie von Ihnen vorgeschlagen, besteht die Möglichkeit, dass Sie mit 10 Schülern/innen und 2 Lehrpersonen an dieser Kanuwanderfahrt mit Ihrer eigenen Kanu- und Zeltausrüstung teilnehmen.

Für jede teilnehmende Person am Kanuprojekt betragen die zu zahlenden Kosten für Essen und Campingplatzübernachtungen 115 Euro – ohne Fahrtkosten.

Leider verfügt unsere Schule über keine finanziellen Mittel, um Sie bei einer Teilnahme am geplanten Projekt finanziell zu unterstützen. Wir können Ihnen lediglich das kostenlose Kanuprojekt-Know-how und grenzüberschreitende Freundschaft anbieten. 

Mit freundlichen Grüßen

Annemarie Dörr                                                                                                                                                                   Gerd Kassel

 

Leiterin der Kopernikusschule                                                                                                                                           Kanuprojektleiter 

Freigericht

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Wir wissen heute noch nicht, wie Leonard das geschafft hat, aber am Morgen des Projektstarts steht er freudig grinsend mit zwei uralten, klapprigen PKW, einem Kanuanhänger mit 5 nagelneuen Polyester-Kanus und 9 zunächst leicht verschüchterten Schüler/innen am Ufer der Lahn in Wetzlar, dem Startpunkt unseres gemeinsamen deutsch-polnischen Kanuprojekts.

Alles passt! Die Kopernikusschule ist sogenannte „Europaschule“ des Landes Hessen, die den „europäischen Gedanken“ und die „europäische Völkerverständigung“ als übergeordnetes Erziehungsziel auf ihre Fahnen geschrieben hat. Unsere mobile Kanuflotte wurde aus EU-Mitteln mitfinanziert. Und Polen ist neues EU-Mitglied – höchste Zeit also, die in der Schülerschaft weit verbreiteten, üblen Polenwitze zu bekämpfen. 8 Tage später stehen wir alle gemeinsam an der Mündung der Lahn in den Rhein und sind stolz auf ein besonders gut gelungenes Kanuprojekt.

Die nette, pädagogischen Innovationen gegenüber sehr aufgeschlossene Redakteurin Elke Weigelt vom „Gelnhäuser Tageblatt“ gibt sich mit einem mageren „Kurzbericht“ über diese deutsch-polnische Aktion nicht zufrieden. Sie will mehr wissen über unser Kanuprojekt. Sie ruft mich während des Unterrichts an und möchte den kompletten Projekt-Reader haben – und Fotos. Sie besucht uns einen Tag später vormittags in der Schule – mitten im wenig attraktiven Aufräumchaos. So bekommt sie wenigstens einen angemessenen Eindruck vom Ausrüstungs- und Arbeitsaufwand unserer Kanuprojekte. Und sie kann zu ihrem Vergnügen Schüler mit frischen Projekteindrücken bei ungeliebter Arbeit interviewen – ein riskantes Unternehmen für uns.

Was haben die Schüler ihr erzählt und wie sieht der Artikel aus, den Frau Weigelt schreiben und gleich tags drauf in ihre Zeitung setzen wird?

Unsere Bedenken, dass die freundliche Lokalreporterin etwas Unfreundliches über unser Kanuprojekt schreiben könnte, erweisen sich als überflüssig. Reportagen wie die folgende haben zum guten Ruf der innovationsfreudigen Kopernikusschule Freigericht beigetragen:

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                                                                                        Gelnhäuser Tageblatt

                                                                                 Übers Wasser auf zu neuen Ufern

     Erlebnispädagogik in Freigericht: Gerd Kassel und sein paddelndes „Klassenzimmer“ unterwegs auf Fulda, Lahn und Weser

Freigericht. Die kleine weiße Tonne mit dem roten Deckel, auf der in großen Buchstaben „Müsli“ steht, ruft bei einem der Achtklässler offensichtlich so etwas wie Ekelgefühle hervor. Eine Stunde hat er morgens gebraucht, dieses Frühstück `runterzubringen. Und das an acht Tagen hintereinander. Trotzdem macht er einen zufriedenen Eindruck. Kein Wunder. Denn für ihn war wohl das Müsli das einzig unangenehme an diesem Unterrichtsprojekt: Eine Woche lang paddelte Klassenlehrer Gerd Kassel mit der H8b der Kopernikusschule und neun polnischen Schülern samt Lehrer über die Lahn. Im Rahmen des Unterrichts. Erlebnispädagogik heißt das kurz. In Wirklichkeit führt Gerd Kassel hier so manchen Schüler übers Wasser zu neuen Ufern in seinem Leben.

Keine Perspektive, keine Lust, das Gefühl, überflüssig zu sein, von den Eltern unverstanden, schlechte Leistungen in der Schule, keine Aussichten auf einen erfüllenden Job, Aggressivität, Gewalt, Frust. Eine Liste von Stichworten, die sich beliebig fortsetzen lässt. Viele Schüler, gerade in Hauptschul- und Problemklassen, kennen nicht selten die ganze Liste. An der Kopernikusschule in Freigericht gibt es einen Lehrer, der sich diesen Schülern annimmt und ihnen durch ein ganz besonderes Projekt hilft, ihr Selbstvertrauen zu stärken, Ängste und Hemmungen abzubauen, Konflikte zu bewältigen, sich in die Gemeinschaft zu integrieren, ihre „soziale Intelligenz“ zu fördern, sie in der freien Natur das Gefühl von Kameradschaft und Zugehörigkeit spüren zu lassen. Dafür geht’s tagelang aufs Wasser, bei jedem Wetter: Zwei bis drei Kanutouren unternimmt der passionierte  Paddler Gerd Kassel im Jahr mit Klassen, die er im Haupt- und Realschulzweig der Kopernikusschule Freigericht unterrichtet. Der 50-jährige, der seit 28 Jahren Lehrer ist, seit 20 Jahren an der Kopernikusschule, kann in sechs Fächern unterrichten. Das verschafft ihm die Möglichkeit, möglichst viel Zeit mit seinen Schülern zu verbringen, sie richtig gut kennen zu lernen.

Seit 1994 baut er die „Erlebnispädagogik“ an der Kopernikusschule aus, kann mehrere Kanu-Routen unterschiedlicher Schwierigkeitsgrade anbieten. Mit den Jüngeren, der Hauptschulklasse H6b mit 23 Schülern, hat Kassel im Mai ein Kanu-Camp am Edersee abgeschlossen. Knapp 125 Kilometer müssen die Schüler paddelnd zurücklegen, wenn sie auf der Lahn-Tour von Wetzlar bis Lahnstein unterwegs sind. 232,5 Kilometer misst die Tour auf Fulda und Weser von Rotenburg bis Hameln.

                                                                                            „Outdoor“-Unterricht

 

Von der Lahn-Tour ist Gerd Kassel vor einer Woche zurückgekehrt. Vom 8. bis 15. Juni kam die H8b in den Genuss des „Outdoor“-Unterrichts. Integration eingeschlossen.

Der Lehrer Leonard Kurlej, der an einer technischen Oberschule in Niederschlesien/Polen unterrichtet – hier lernen die Schüler Deutsch und Französisch als Fremdsprachen – war durch ein Kanumagazin auf Gerd Kassels Projekt aufmerksam geworden. Der Kontakt war schnell geknüpft und so konnten neun polnische Schüler zwischen 16 und 19 Jahren und ihr Lehrer mit auf der Lahn paddeln. Aus einem Schreiben des Lehrers an Gerd Kassel geht hervor, wie viel Spaß dieses Projekt den polnischen Schülern und ihrem Lehrer gemacht und wie viel es auch in pädagogischer Hinsicht gebracht hat. Besonders lobt Leonard Kurlej darin die gute Organisation der Tour durch Gerd Kassel und sein Helferteam, die tolle Ausrüstung und das pädagogische Geschick, mit dem Kassel seine Mannschaft im Griff hat. Obgleich die „Erziehungsziele“ einer solchen Tour nicht bei allen Schülerinnen und Schülern gleich hoch gesteckt und erreicht werden können. Manchmal fährt auch einer nach Hause. „Ich lasse den Kindern schon auch Freiheiten, unser Verhältnis hat vielleicht etwas kumpelhaftes. Aber ich stecke ganz klare Grenzen und wenn die überschritten werden, verstehe ich keinen Spaß mehr. Dann werde ich richtig autoritär“, sagt Kassel.

 
                                                                                       Ohne Teamarbeit geht nichts

 
Mit 42 Leuten, 21 Kanus, acht Betreuern und acht Begleitfahrzeugen war Gerd Kassel samt H8b und den polnischen Gästen auf der Lahn und den Zeltplätzen an ihren Ufern unterwegs.

Vorbereitet werden die Touren unter anderem bei Elternstammtischen, Kassel pflegt einen engen Kontakt zu den „Erziehungsberechtigten“, viele fahren gerne als Betreuer bei den Touren mit. Ebenso wie sein Kollege, Oberstudienrat a.D. Erich Schust, der kaum eine Tour auslässt. Die Ausrüstung hat Kassel über Sponsoren – er schreibt und fotografiert für Kanu-Magazine – Spenden und Gelder aus dem Fond für die Europaschule finanziert. Einen alten Pavillon auf dem Schulgelände hat er mit den Schülern zum Kanuprojekt-Pavillon umfunktioniert.

Die Schüler lernen bei den Touren, im Team zu arbeiten. Jeweils zwei arbeiten zusammen, benutzen das selbe Zelt, das selbe Kanu. Sie haben einen gemeinsamen Trangia-Sturmkocher und müssen sich ihr Essen selbst zubereiten. Dafür gibt’s alle zwei Tage 20 Euro.

Wer sein Geld für Zigaretten und Süßigkeiten `rausschmeißt, der muss hungern. Damit aber wenigstens der „Start“ in den Tag ausgewogen ist, gibt’s neuerdings morgens Müsli und H-Milch. Was nicht alle gut finden......

Zelte, Schlafsäcke und andere Utensilien sind wasserdicht in Tonnen verpackt – genauso wie das Unterrichtsmaterial wasserdicht in Folie verschweißt ist. Etwa zwei Stunden täglich wird – bei jedem Wetter im Freien – Unterricht gehalten – Gewässerkunde, Flora und Fauna, Geschichte der Flussschifffahrt und vieles mehr. Zum Thema Umweltschutz gehört das Einsammeln von Müll im Uferbereich. Die Kids arbeiten weitestgehend selbständig – müssen auch mit ihren Landkarten alleine sehen, wie sie klarkommen. Wie man sie liest, lernen sie im Unterricht. An oberster Stelle steht die Teamarbeit – wer nur an sich selbst denkt, kommt hier nicht weit. Aber natürlich bringen die Touren auch jede Menge Spaß und befriedigen den Durst nach körperlicher Anstrengung – obgleich der nicht bei jedem gleich groß ausgeprägt ist – und nach Abenteuerlust. So fliehen die Sechstklässler nicht selten mit ihren Kanus über Land vor feindlichen Indianerstämmen – kleine Blessuren inklusive.

Aber abends am Lagerfeuer ist alles vergessen – und erst recht am nächsten Tag, wenn so mancher auf dem Fluss zwischen zwei Ufern seine innere Mitte findet....

Kontakt: Gerd Kassel, www.kanukassel.de

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Mit der Vorstellung unseres Kanuprojekts in obigem Zeitungsartikel waren wir sehr zufrieden, trifft er doch anschaulich, kurz und für Jedermann verständlich den Kern der Sache. Nicht immer sind Medienmenschen bereit oder es fehlt ihnen die Zeit, sich in das erlebnispädagogische Projektkonzept hinein zu denken. Nicht oft, aber gelegentlich kommt es auch vor, dass sich Kritiker unseres Unterrichts verständnislos und kopfschüttelnd fragen, was Kanufahren eigentlich mit dem Lernauftrag der Schule zu tun hat. Vor einiger Zeit schrieb ein kritischer Leser aus der Schweiz in das Gästebuch unserer Website www.kanukassel.de, wo wir unser Kanuprojekt ausführlich in Wort und Bild vorstellen, eine besonders abwertende Anmerkung: Er stellt zutreffend fest, dass die zahlreichen Gästebuch-Einträge von Schülern der Kopernikusschule Freigericht vor Rechtschreibfehlern nur so strotzen. Wir sollen daher die Zeit, die wir mit dem Kanufahren vergeuden, doch sinnvoller nutzen, in dem wir unseren Schülern die deutsche Rechtschreibung beibringen. Als wenn Gerd Kassel das nicht schon 30 Jahre als Lehrer tagein, tagaus versucht hätte! Leider nur mit bescheidenem Erfolg. Was uns – auch Sina unterrichtet wie ihr Vater das Fach Deutsch – nach wie vor auch maßlos ärgert und frustriert. Nur: Gerd Kassel unterrichtet nicht an einem deutschen Elite-Gymnasium mit hochmotivierten und überdurchschnittlich intelligenten Schülern, sondern überwiegend im Hauptschulzweig der von knapp 2500 Schülern besuchten, größten Gesamtschule Hessens. Dort befinden sich nur noch zehn Prozent eines Schülerjahrgangs. Aus der Hauptschule wurde eine „Restschule“ mit überdurchschnittlich vielen lern- und verhaltensgestörten Kindern, denen das fehlerfreie Erlernen der deutschen Rechtschreibung schnurz egal ist. Hauptschüler verweigern mittlerweile herkömmlichen Lern-Unterricht. Das ist die Realität! Hier sind nicht nur Rechtschreib-, sondern Erziehungsprobleme zu lösen! Dafür haben wir uns das Projekt „Kanufahren als soziale Therapie“ ausgedacht. Die Schule von heute – und noch mehr die von morgen – hat nicht nur einen Bildungs-, sondern auch Erziehungsauftrag. Was nicht heißen soll, dass wir in Zukunft auf Rechtschreibunterricht und gewissenhaftes Lernen unserer Schüler verzichten. Im Gegenteil. Nur müssen wir erst mal ein Schülerverhalten und Klassenklima schaffen, das effektives Lernen wieder möglich macht. Davon ließ sich die Redakteurin Christina Volk der „Gelnhäuser Neuen Zeitung“ in einem längeren Gespräch mit Gerd Kassel überzeugen, was zu folgendem, im Original ganzseitigen und bunt bebilderten Zeitungsbericht führte:

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                                                                                         Gelnhäuser Neue Zeitung

                                        Effektives Lernen: Der Freigerichter Pädagoge Gerd Kassel weiß, wie es geht

                                                                                   Das paddelnde Klassenzimmer

Die Sonne strahlt auf den Fluss herunter, nur einige Wolken bedecken den blauen Himmel. Auf der rechten Seite türmen sich Weinberge auf, linker Hand laden große, Schatten spendende Bäume und einige Bänke zum Verweilen ein. Der Ort ist perfekt für eine Rast, denkt sich Gerd Kassel und schon legt seine Kanuflotte an. Zur Erkundung einer historischen Flusslandschaft im einzigen Weinort an der Lahn – in Obernhof.

Eine Woche lang ist der Lehrer mit der H8b der Kopernikusschule auf dem Fluss unterwegs. Eine Kanu-Gepäcktour von Wetzlar bis Lahnstein, 124,8 km lang. Begleitet werden die 22 Kopernikusschüler und ihre Betreuer von neun polnischen Schülern und deren Lehrer Leonard Kurlej von der ökonomisch-technischen Schule in Rakowice Wielkie. Doch der Ausflug auf dem Nebenfluss des Rheins ist für die 42 Insassen der 21 Kanus nicht etwa ein erholsamer Urlaub. Er ist harte Arbeit.

Mit dem erlebnispädagogischen Unterrichtsprojekt versucht Gerd Kassel seit Jahren „ausgeflippte Kids“ wieder zurück ins Boot zu holen. Immer mehr Jugendliche stehen seiner Meinung nach heute neben sich und der Gesellschaft, ohne guten Schulabschluss, ohne Hoffnung auf Lehrstelle und Job. Frustriert vom Leben fühlen sie sich überflüssig, abgeschoben, ausgebootet. Die Folge: Sie hängen ab, trinken, schlagen um sich. „Das darf nicht sein“, dachte sich der Horbacher Gerd Kassel vor einigen Jahren und erarbeitete ein erlebnispädagogisches Unterrichtsprojekt für Schule und Jugendsozialarbeit: Bootfahren als soziale Therapie. Als Lehrer hatte sich Gerd Kassel auf die Arbeit mit Problemkindern spezialisiert und wollte denen helfen, „die mit dem Arsch an der Kippe stehen“. Gerade die Hauptschüler seien immer häufiger neben der Spur und könnten dem normalen Unterricht nicht mehr folgen. „Deshalb musste ich mir was überlegen“, sagt der Pädagoge. Auf das Kanu fiel seine Wahl, weil er selbst seit Jahren mit seiner Familie Erlebnissportarten betreibt: Klettern, Windsurfen, Segeln und eben Kanufahren.

Schuld daran, dass sich immer mehr Kinder und Jugendliche zu reduzierten Persönlichkeiten im körperlichen und psycho-sozialen Bereich entwickeln, ist in den Augen Gerd Kassels vor allem das passive Konsumieren. Es hat das aktive Tun weitgehend aus dem Alltag der Schüler verdrängt. An die Stelle tatsächlich erlebter Wirklichkeit ist eine durch Medien transportierte Schein-Erfahrung getreten. Zudem gehen soziale Strukturen, in denen sich die Kids anerkannt, sicher und geborgen fühlen, zusehends verloren. Die Folgen sind körperliche und seelische Verarmung, Vereinsamung, Kommunikationsschwierigkeiten, physische und psychische Störungen, sowie die Zunahme von Ersatzbefriedigungen, aggressiven Verhaltensweisen, Drogenkonsum und Kriminalität.

Aber warum hilft gerade Bootfahren? Reicht es nicht mehr aus, wenn sich Kinder und Jugendliche in Vereinen engagieren? „Nein“, sagt Gerd Kassel und er weiß, wovon er redet. Er kennt die Kids von heute. „Die haben darauf meist null Bock“, weshalb sich Lehrer, Sozialarbeiter oder Heimerzieher schon etwas Spannenderes einfallen lassen müssen, um die jungen Menschen von Fernseher und Computer wegzulocken.

Zum Beispiel eine achttägige Kanu-Gepäckfahrt auf der Lahn. „Eine Woche Bootfahren, noch dazu mit Sack und Pack auf einem interessanten Fluss, vermittelt den Schülern einen Hauch von Selbstbestimmung, Freiheit und Abenteuer“, weiß Gerd Kassel aus Erfahrung. Sie lernen Verantwortung zu übernehmen und was Zusammenhalt bedeutet. Das beginnt schon im Kanu selbst, denn jeweils zwei Schüler bilden ein Team. Jeder ist für den anderen verantwortlich, teilt sich mit seinem Partner das Kochen und baut zusammen mit ihm das Zelt auf. Die Kameradschaft steht im Vordergrund, keiner kommt ohne den anderen aus. Und dass es nur funktioniert, wenn alle mit anpacken, merken die Kids sehr schnell. Denn wer kann schon alleine ein Boot aus dem Wasser heben?

Wer aber mit einem Kanu mehrere Tage einen Fluss befahren will, muss sich vorher – es sei denn, er paddelt einfach drauflos –  gut über das Gewässer und die örtlichen Gegebenheiten informieren. Für Gerd Kassel und seine Schüler beginnt deshalb die Arbeit lange vor der Fahrt. Statt dem üblichen Schulprogramm steht bei den Ausflüglern bereits Wochen vor dem Bootfahren von Zeit zu Zeit Kanu-Projekttag auf dem Stundenplan. Fächer wie Erdkunde oder Arbeitslehre eignen sich nur zu gut für den nicht alltäglichen Unterricht. Wie Gerd Kassel seine Schüler auf den Fluss vorbereitet? Er bringt ihnen bei, wie ein Fluss entsteht, wie er fließt, welche Landschaftsformungen durch ihn entstehen. Das Fach Arbeitslehre, das auch Kochen und Ernährungslehre umfasst, nutzt der Haupt- und Realschullehrer, um mit seinen Kids die Essenszubereitung auf Spiritus-Sturmkochern zu üben. Was nicht fehlen darf, ist das Wissen über das Kanu selbst und dessen Verhalten auf dem Fluss. Da der Zweck eines erlebnispädagogischen Projekts in der Schwerpunktverlagerung von der Theorie zur Praxis besteht, ist auch die gegenständliche Aneignung  wichtig für die Tourvorbereitung: Holz-Kanus selbst bauen, eine Bootswerft besichtigen, Paddel- und Steuerschläge einstudieren oder Zelte auf- und abbauen.

Doch nicht nur vorbereitender Unterricht erwartet die Schüler, wenn sie sich für eine Kanu-Gepäcktour anstatt für eine normale Klassenfahrt entscheiden, auch unterwegs darf der Lernaspekt nicht fehlen. Da kann es schon mal eine Unterrichtseinheit zum Thema Umweltverschmutzung geben, wenn gerade viel unverrottbarer Plastikmüll im Ufergebüsch herumliegt, den die Schüler natürlich einsammeln müssen. Als Anschauungsprogramm sozusagen. Zwecks Lernprogramm hat Gerd Kassel auf jeder Tour 30 Unterrichtsmappen dabei, die er für sein Kanu-Projekt selbst zusammengestellt hat. Die einzelnen Seiten sind wasserdicht eingeschweißt und haltbar gebunden. Open-Air-Unterricht zu jeder Zeit, an jedem Ort und bei jedem Wetter. Moderne Ganztagsschule statt überholte Lernfabrik sozusagen.

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Natürlich ist gute Öffentlichkeitsarbeit auch immer ein bisschen Angeberei und Schaumschlägerei. Natürlich weiß „der Freigerichter Pädagoge Gerd Kassel“ nicht immer, wie „effektives Lernen“ zu organisieren ist und vieles geht schief. Und ein Kanuprojekt ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Projektunterricht wäre in allen Bereichen schulischen und außerschulischen Lernens begrüßenswert. Allerdings: Lehrer werden im Bildungssystem der Zukunft genötigt sein, sich, ihre Arbeit und ihre Schule optimal zu „verkaufen“. Bildung wird zur „Ware“, Schulen treten mit eigenem „Schulprofil“ in harte Konkurrenz zueinander. Lehrer sollen nach Leistung bezahlt werden. Eltern und Schüler können die ihnen genehme Schule wählen. Schulen, die in der Entwicklung hinterher hinken, verlieren nicht nur ihr Ansehen, sondern auch ihre Schüler. Die Höhe staatlicher Geldzuweisungen wird abhängig werden von Schülerzahlen und Erfolg. Wer versagt, geht in „Konkurs“. Ob dadurch Lernen effektiver, Lehrer bessere Pädagogen und Schüler lernmotivierter werden, das bezweifeln wir. Doch über die Zukunft der Schule, besonders über die äußeren Bedingungen des Lernens, entscheiden andere.

Aber nun genug der Selbstlobpreisung. Es dürfte klar sein, was die Erlebnispädagogik im Allgemeinen und wir im Besonderen mit unserem Kanuprojekt-Konzept erreichen wollen. In den nächsten Kapiteln geht es detailliert in die Kanuprojekt-Praxis – auf den Gedankenspuren des bekannten Philosophen Jean Jacques Rousseau, der zu den Vordenkern der heutigen Erlebnispädagogik zählt:

Und denkt daran, dass ihr (gemeint sind die Lehrer) in allen Fächern mehr durch Handlungen als durch Worte belehren müsst. Denn Kinder vergessen leicht, was sie gesagt haben und was man ihnen gesagt hat, aber nicht, was sie getan haben und was man ihnen tat.

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                                             Teil 2: Das erlebnispädagogische Konzept in der Kanuprojekt-Praxis

In diesem Teil 2 unseres Kanuprojektreders möchten wir alle organisatorischen, pädagogischen und lernrelevanten Aspekte eines Kanuprojekts anschaulich am konkreten Beispiel schildern. Wir wählen hierfür ein Lahnprojekt aus der jüngeren Vergangenheit aus, das gemeinsam von Sina und Gerd Kassel organisiert wurde.

Wir wählen hier ein Lahn-Projekt aus, weil dieser Fluss besonders gut zu unserer Konzeption passt. Er ist ganzjährig auf Gewässergüteklasse 2 mit Kanus aller Art befahrbar und lang genug für eine Tour über acht Tage. Der Startplatz in Wetzlar ist in einer Autostunde zu erreichen, das Ziel Lahnstein liegt 2 Autostunden vom Schulstandort entfernt. So halten sich die Fahrtkosten der Schüler in einem bezahlbaren Rahmen. Die Lahn fließt durch eine landschaftlich schöne und historisch interessante Mittelgebirgslandschaft und ist somit für Erlebnispädagogik bestens geeignet.

An den Ufern der Lahn befinden sich in ausreichendem Maße vorgeschriebene Ein- und Ausstiegsplätze, Pausenstellen und schülergeeignete Campingplätze. Die Lahn ist als Bundeswasserstraße mit intakten Schleusenanlagen und ungefährlichem Zahmwasser auch gut für paddelnde Großgruppen geeignet.

In allen Gegenden Europas findet man Fließgewässer, die sich ähnlich gut wie die Lahn für die Durchführung mehrtägiger Kanuprojekte mit Schulklassen und Jugendgruppen eignen. Neben der Lahn treiben wir uns von der Kopernikusschule Freigericht noch auf den relativ nahe zur Schule gelegenen Flüssen Main, Fränkische Saale, Fulda, Eder/Edersee und Weser herum. Die sicher sehr reizvolle Durchführung von Kanuprojekten mit fortgeschrittenen Schulklassen im Ausland – etwa in Frankreich auf Allier und Loire, dem Kanuparadies Schweden oder dem polnischen Masuren – verbieten uns leider die finanzielle Situation vieler Hauptschuleltern – und der hessische Wandererlass.

Projektarbeit wird in der Regel in eine mehrwöchige Vorbereitungsphase, eine kompakte, praktisch orientierte Durchführungsphase und eine anschließende Präsentations- und Reflexionsphase unterteilt. Bezogen auf unser Kanuprojekt bedeutet das: Im Mittelpunkt steht die Durchführung einer mehrtägigen Kanu-Gepäcktour. Alles, was vorher überlegt, geplant, erarbeitet, gelernt und geübt werden muss, damit die Gepäcktour gelingt, das fällt logischerweise in die Vorbereitungsphase. Und alles, was und worüber Schüler und Lehrer später nach der aufregenden Kanutour erzählen, vorzeigen, kritisieren und meckern wollen, das fällt in die ebenfalls sehr wichtige Nachbereitung. Die kann dann schon wieder nahtlos in die Vorbereitung eines Folgeprojektes – z.B. 232 Flusskilometer in 8 Tagen auf Fulda und Weser im nächsten Schuljahr – übergehen.

2.1. Die Vorbereitungsphase

Erlebnispädagogische Unterrichtsprojekte lassen sich nicht mit Zwang durchsetzen. Erstens wiederspricht das den pädagogischen Intentionen, zweitens kosten solche Projekte in der Regel Geld, das von den Schülereltern aufgebracht werden muss. Wollen die nicht oder können die nicht, dann hat sich die Projektplanung gleich erledigt.

Also, als erstes brauchen wir projektinteressierte Lehrer/innen und Schulklassen. Um Schüler und Lehrer auf unser Projekt-Angebot aufmerksam zu machen, befindet sich in der Kopernikusschule Freigericht eine permanente Kanuprojekt-Ausstellung mit großformatigen Fotos und kurzen Infotexten. Hat eine Klasse „angebissen“, dann folgt umgehend eine Projektpräsentation für Eltern, Schüler und Lehrer, in der wir über die Planung, Organisation, Konzeption und Durchführung von Kanuprojekten informieren. Sind die Eltern und Schüler von unserem Projekt-Vortrag angetan oder gar hellauf begeistert, dann nutzen wir die Gunst der Stunde und führen gleich die vorgeschriebene geheime Abstimmung durch. Entscheidet sich die Mehrheit für das Projekt, dann kann die Vorbereitungsphase beginnen – oder doch nicht? Besser noch nicht, denn erst brauchen wir noch eine rechtsverbindliche Unterschrift unter eine schriftliche Einverständniserklärung der Eltern, damit kurz vor Beginn der Durchführungsphase nicht noch eingeplante Teilnehmer abspringen. Das führt zur finanziellen Überstrapazierung der Rest-Teilnehmer, da die Fixkosten, vor allem für den Bus-Transfer, auf weniger Schüler verteilt werden müssen. Daher ist folgendes Elternschreiben wichtig:

Einverständniserklärung der Eltern der Klasse H8c für das Lahn-Kanuprojekt

Liebe Eltern der Klasse H8c,                                                       
im kommenden Schuljahr finden nach einer geheimen Abstimmung durch Schüler/innen und Eltern der zukünftigen Klasse H8c
eine achttägige Kanuwanderfahrt auf der Lahn statt.

Über dieses erlebnispädagogische Unterrichtsprojekt und seine wichtigen Erziehungsziele wurden Sie von uns bei einem Vorbereitungstreffen, zu dem alle Eltern und Kinder eingeladen waren, umfassend informiert. Weitere, ständig aktualisierte Infos zum Projekt  findet man auf unserer Website www.kanukassel.de unter „Kassels KANUSCHULE“.

Nun geht das Projekt in die konkrete Planungsphase, d.h. wir müssen so schnell wie möglich einen Transport-Bus chartern und Campingplätze reservieren.

Daher benötigen wir von allen Eltern verbindliche Einverständniserklärungen, dass Ihre Kinder am geplanten Kanuprojekt teilnehmen werden.

Nur durch Ihre verbindliche Zusage ist die Organisation dieses anspruchsvollen Projekts möglich.

Die Projekt-Fahrtkosten betragen pro Schüler/in 150 Euro

Wir bitten den Unkostenbeitrag auf folgendes Kanuprojekt-Konto zu überweisen:

Gerd Kassel, Kreissparkasse Gelnhausen, BLZ 507 500 94, Konto-Nummer 3431030, Stichwort „Kanuprojekt H8c Lahn “, Name des Kindes.

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Ich erkläre hier auf diesem Schriftstück verbindlich mit meiner Unterschrift, dass mein Kind   ................................ am Kanuprojekt der Klasse H8c teilnehmen wird.

Name und Anschrift der/s Erziehungsberechtigten:

......................................................................................................................................................................................................................

 

Ort, Datum                                                                                          Unterschrift

 

Wir bitten um sofortige Rückgabe dieses Schriftstücks an uns, da die Zeit für die weitere Planung sehr knapp bemessen ist.

 

Mit freundlichem Gruß                                                           Gerd Kassel, Kanuprojektleiter

Hat man alle Unterschriften, dann kann die organisatorische Planung beginnen.

2.1.1. Preisangebote und Materialsammlung

Daran sind von Anfang an alle Schüler/innen zu beteiligen. Sind wir selbst unterrichtende Lehrer in der Projektklasse, ist das kein Problem. Wenn nicht, dann muss sich die Klassenlehrerin oder der Klassenlehrer samt Fachlehrern mit in die Vorbereitungsphase integrieren lassen – regelmäßig über Wochen und Monate oder auch nur gelegentlich mit ein paar Stunden. Was im Verlaufe des Projekts in zunehmendem Maße von den Kids verlangt wird – nämlich Team-Arbeit – das muss auch von den Paukern erwartet, und manchmal auch erst noch gelernt werden.

Beim Kanuprojekt H8c haben wir Sonderbedingungen, da dieses Projekt gleich zu Beginn eines neuen Schuljahres im September mit einer neuen SchuB-Klasse (Modellversuch) stattfindet. Das hat Vor-, aber auch Nachteile.

Die Vorteile liegen auf der Hand: Wir können als neues SchuB-Lehrteam im Rahmen einer sogenannten, vierwöchigen ORIENTIERUNGSPHASE gleich zeitlich kompakt und komprimiert zur Sache gehen. Die gut durchdachte und langjährig bewährte Kanuprojekt-Konzeption garantiert uns zudem, dass wir die wesentlichen Ziele der Orientierungsphase erreichen. Nach 4 Wochen sind die neuen SchuB-Schüler/innen und das Lehr-Team (Sozialpädagoge eingeschlossen) eine „verschworene“ Gemeinschaft, in der Teamarbeit und selbständiges Arbeiten normal sind und jeder weiß, wo es die nächsten 2 Jahre im Rahmen des SchuB-Unterrichts lang geht! Die Nachteile liegen in der sehr knappen Vorbereitungszeit. Uns stehen bis zum Start in die Durchführungsphase in Wetzlar an der Lahn, wo es ernst wird, nur ganze 10 Schultage zur Vorbereitung zu Verfügung.

Egal: Lieber lebendiger, kreativer Blitzunterricht, als langatmiger, langweiliger Perfektionismus. In den ersten 10 Tagen des neuen SchuB-Schuljahres beschäftigen wir uns Schlag auf Schlag mit folgenden Arbeiten und sind damit ohne lange Vorreden gleich mittendrin im Konzept:

Die SchuB-Klasse H8c wird in kleine Vorbereitungs-Teams von 2-3 Schüler/innen eingeteilt, die sich folgende Aufgabenbereiche auswählen können:

-  Alle Busunternehmen der Region heraussuchen, per Mail anschreiben und Preisangebote einholen. Preise und Leistung vergleichen und geeignetes Busunternehmen auswählen. Gegebenenfalls Transportvertrag von Freigericht nach Wetzlar und von Lahnstein nach Freigericht abschließen (wird natürlich vom Klassen- und Projektleiter unterschrieben).

-  Alle Zugverbindungen zwischen Freigericht und Wetzlar und Lahnstein und Freigericht und im Lahntal selbst ausfindig machen, aktuelle Fahrpläne besorgen oder aus dem Internet ausdrucken. Fahrpreise und Gruppenermäßigungen erkunden, Preisvergleiche zwischen Bahn- und Bustransfer anstellen, Vor- und Nachteile beider Transportmittel auflisten.

-  Geeignete Straßen-, Wander-, Fahrrad- und Flusskarten über die Lahn-Region zwischen Wetzlar und Lahnstein ausfindig machen, online oder in örtlicher Buchhandlung bestellen und sichten. Die ständig auf Tour benötigten Karten – insbesondere die über die Lahn erhältlichen, speziellen Fluss- und Wassersportkarten – mit Klarsichtklebefolie oder in DIN A3-Einschweißfolien haltbar, strapazierfähig und wasserdicht machen. 

-  Alle Lahntal-Touristikführer, insbesondere aber die dringend benötigten Lahn-Flussführer ausfindig machen, bestellen, sichten, aufarbeiten und der Klasse vorstellen. Über die Lahn gibt es 3 spezielle Flussbeschreibungen für Kanuwanderer: Eine gute Kurzbeschreibung im Deutschland-Flussführer des Deutschen Kanuverbandes (DKV), eine ausführliche Darstellung für Paddler mit Lahn-Übersichtskarte von der Meckel-Verlagsbuchhandlung in Limburg und ein sehr informatives Lahn-Kanubuch mit detaillierten Kartenausschnitten aus dem Pollner-Verlag. Dieses Kanubuch von Martin Schulze benutzen wir als Kanuprojekt-Unterrichtsbuch, was sich die Schüler/innen daher in den Kanuprojekt-Wahlpflichtkursen zu Schuljahresbeginn kaufen müssen.  

-  Alle Campingplätze an der Lahn zwischen Wetzlar und Lahnstein aus speziellen Campingführern und Internet heraussuchen, aktuelle Preise erkunden und alle Plätze in eine Flusskarte eintragen.  

-  Alle interessanten Lahnstädte (z.B. Wetzlar, Weilburg, Runkel, Limburg, Diez, Obernhof, Nassau, Bad Ems, Lahnstein) aus der Karte heraussuchen und auflisten. Örtliche Fremdenverkehrsämter ausfindig machen, anschreiben und kostenloses Info-Material anfordern. Info-Material sichten, genauer durcharbeiten und eventuell Orte für eine lohnenswerte Stadtführung festlegen. Stadtführungen entweder in Schüler-Eigenregie arbeitsteilig in Klein-Teams vorbereiten und durchführen lassen – oder bei den Fremdenverkehrsämtern Profi-Führungen vereinbaren.

Burgen, Schlösser und Museen im Lahntal ausfindig machen und auflisten. Infos einholen über Öffnungszeiten, Führungen und Eintrittsgelder.

-  Wassersport-, Kanu- und Angelvereine an der Lahn ausfindig machen, Kontakt knüpfen und Insider-Informationen einholen. Möglichkeiten und Preise für legales Angeln erkunden (hierfür kommen Schüler/Betreuer in Frage, die eine Angelausbildung besitzen).

-  Gewässergüteklasse der Lahn feststellen, aktuelle Gewässergütekarte besorgen, Anzahl und Bauweise der Kläranlagen im Lahntal erkunden. Eventuell die Besichtigung einer modernen Kläranlage vorbereiten. 

Kanuverleiher und Kanutouristik-Unternehmen an der Lahn ausfindig machen, auflisten, anschreiben und Infomaterial anfordern. Eine Liste der Verleihpreise für komplette Kanuausrüstung und Komplettpreise für geführte Mehrtagestouren auf der Lahn mit Leihbooten erkunden und zusammenstellen. Diese Arbeit dient der Information der Schüler, Eltern und Schulleitung, um die Preisvorteile selbst organisierter Kanuprojekte mit eigener Ausrüstung im Vergleich zu kommerziellen Angeboten zu erkennen – und schätzen zu lernen.

- Spezielle Kanu-Anfängerliteratur und Kanu-Zeitschriften, insbesondere auch Kanu-Lehrbücher ausfindig machen, bestellen und sichten. Der Klasse einen Vorschlag unterbreiten, welches Lehrbuch am besten zum einfachen und schnellen Lernen geeignet ist.

- Das Internet bezüglich interessanter Kanu-Homepages durchforsten. Hier gibt es von Jahr zu Jahr mehr informative Websites von Kanu-Bauern, Kanu-Händlern, Kanu-Verleihern, Kanu-Reiseveranstaltern, Kanu-Schulen, Kanu-Verlagen und privaten Kanu-Freaks.

Umfang und Qualität der Materialsammlung und der gesamten Vorbereitung hängen natürlich vom Alter der Schüler/innen und dem Schulzweig ab, in dem das Projekt stattfindet. In einer 10. Realschulklasse ist mehr drin als in einer 7. Hauptschulklasse. In der neuen SchuB-Klasse H8c sollen gleich die Grundqualifikationen, Lernmethoden und sozialen Verhaltensmuster eingeübt werden, die in den 2 Folgejahren die Grundlage für erfolgreichen SchuB-Unterricht sind.

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                                                                                     Exkurs: Kanuprojekt-Bibliothek

Oben ist öfter vom Erkunden, Bestellen und Kaufen die Rede. Gutes, wichtiges, informatives und dringend benötigtes Info-Material zu kaufen, macht Sinn – auch wenn es Geld kostet. Beim Aufbau eines schulinternen Kanuprojekts sollte man von Anfang an in den Aufbau einer Kanuprojekt-Infobank investieren. Hierein gehören allgemeine Kanu-Lehrbücher, Kanuzeitschriften, spezielle Kanuführer, Kanukarten und Flusskarten über die befahrenen Kanuprojekt-Flüsse, Kanu-Reiseberichte, Kanufilme, Paddel-Lehrvideos, Kanu-Herstellerkataloge usw. Aber neben dem kanuspezifischen Infomaterial haben wir über die Jahre hinweg auch Material gesammelt, das sich im weiteren Blickfeld des Kanuprojekts als Unterrichtsmaterial unterwegs einsetzen lässt. Survival- und Outdoor-Bücher, Erste-Hilfe-Handreichungen, Orientierung mit Karte und Kompass, GPS, Bildbeschreibungen über Tiere und Pflanzen am Kanutenpfad (z.B.: Schwäne, Enten, Fischreiher, Eisvogel, Bieber, Auwald), Berichte, Texte, Filme über Umwelt- und Gewässerverschmutzung, Infos über die Funktionsweise und Bedienung von Schleusenanlagen usw. Diese immer umfangreicher werdende Kanuprojekt-Infobank, die demnächst auch so weit wie möglich im Kanuprojekt-Computer gesammelt, geordnet und gespeichert wird, kann und soll natürlich von Kanuprojekt-Schülerteams benutzt und bei Neuentdeckung wichtiger, interessanter Materialen erweitert werden.

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                                  2.1.2. Besondere Projekttage – Kanuanhänger beladen, Paddeln, Zelten, Kochen, Erste Hilfe

Wenn das Kanuprojekt von Schülern, Eltern und Schulleitung bis zum November des laufenden Schuljahres gewünscht und „wasserdicht“ abgesegnet ist, dann stehen bis zur Durchführung des Projekts im Juni des folgenden Jahres noch fünf Monate für die Vorbereitungsphase zu Verfügung. Das ist Zeit genug, um den regulären Unterricht mit mehreren Projekttagen zu „belasten“. Paddeln und Zelten finden sinnvoll im Frühsommer (April/Mai) bei geeignetem Wetter statt. Die Koch- und Erste-Hilfe-Übungen können auch in den Wintermonaten in der Schulküche oder in Arbeitslehre-Räumen stattfinden.

Beim SchuB-Kanuprojekt Anfang September in der Orientierungsphase finden die vorbereitenden Projekttage kurz hintereinander statt. Das neue Schuljahr beginnt Ende August und bereits in der 2. Schulwoche ziehen wir die Projekttage „Kanuanhänger beladen“ „Paddeln“, „Zelten“ und „Kochen“ durch. „Erste Hilfe“ haut aus Zeitgründen nicht mehr hin.

                                                                                    Projekttag „Kanuanhänger beladen“

Wenn wir paddeln gehen wollen, dann müssen die Kanus samt Zubehör zunächst aus dem verwinkelten Schulkeller bugsiert und auf den Schulhof geschleppt werden. Dabei wird sogleich die geeignete Tragemethode gelernt und die Notwendigkeit organisierter Teamarbeit erkannt. Ehe der große, für 10 Kanadier geeignete Kanuanhänger auf 6 Etagen beladen werden kann, müssen Paddel, Schwimmwesten, Seile und Schwämme ordentlich in die beiden Staukästen des Anhängers geschichtet werden. Dann erfolgt die Einführung in die Verladetechnik. Die ist nicht so einfach, wie es sich anhört. Zunächst wird die obere Etage beladen. Das ist am schwierigsten. Das erste Boot wird in Teamarbeit von 10 Schülern rund um den Süllrand angefasst, auf den Kopf gestellt und am Bug angehoben. Das Heck muss zunächst unten bleiben. Wenn der nun steil aufragende Bug die obere Etage in über 3 Meter Höhe erreicht hat und dort auf dem Querholmen aufliegt, kann auch hinten angehoben und geschoben werden. Große Leute sind gefragt. Wenn der Kanadier über den Kipppunkt kommt, wird er auch von 2 Schülern, die auf den Hängerstaukästen stehen können, gezogen und gehoben. Wenn das Boot optimal mittig positioniert ist, wird es vorne und hinten mit 4 Meter langen Schnallgurten an dem Querholmen festgezurrt, wo es mit dem Süllrand aufliegt. Beim Festzurren müssen 2 Kids das Tragegestell hochklettern und sich mit den Beinen festklemmen, damit sie mit beiden freien Händen die Gurte einfädeln und anziehen können. Das erfordert Geschick und körperliche Gewandtheit. Wir machen es zunächst Schritt für Schritt vor und weisen auf die Absturzgefahren hin. Dann kommen freiwillige „Kletterkünstler“ zum Einsatz. Sie werden von kräftigen Mitschülern gesichert. Ist das erste Kanu an der richtigen Position festgeschnallt, wird das zweite Kanu nach der gleichen Methode wie das erste nach oben gehievt und verzurrt.

Ehe die nächste Etage beladen wird, müssen in die Boote darüber jeweils 2 blaue Tonnen von unten zwischen hinterer Kanu-Querstrebe und Tragejoch eingeklemmt werden. Das passt haargenau. Die Tonnen fallen in der Regel nicht aus dem Kanu raus und sind letztendlich durch das knapp darunter liegende Kanu gegen Wegfliegen gesichert.

Die zweitoberste Hängeretage ist auch schwierig zu beladen, weil sie immer noch sehr hoch ist. Das Reinschieben der Kanus funktioniert nur von der Seite. Hier müssen auch wieder große Leute anpacken. Schneller und leichter geht es in den 3 unteren Etagen.

Trotzdem dauert es einen ganzen Tag, um mit ungeübten Schülern zwei Kanuanhänger mit jeweils 10 Kanadiern und 10 Kajaks samt Zubehör sorgfältig und sicher zu verladen. Mit der notwendigen Übung geht es schon am nächsten Tag beim Projekttag „Paddeln“ wesentlich schneller.

                                                                                               Projekttag „Paddeln“

Bei einem Kanuprojekt müssen die Boote natürlich von allen Teilnehmern gezielt vorwärts und rückwärts bewegt und planmäßig gesteuert werden können. Wir verwenden bei der Tour nicht nur, aber in der Mehrzahl offene Wanderkanadier der 5-Meter-Klasse. Sie besitzen im Gegensatz zu den Touren-Kajaks keine Steueranlagen, sind aber schneller, einfacher und mit mehr Tourengepäck zu beladen. Im Rahmen von Gerd Kassels kanuspezifischer, journalistischer Tätigkeit (siehe Teil 1) wurden wir in den letzten Jahren von den Kanufirmen Prijon und Grabner privat großzügig mit Bootsmaterial versorgt, das wir dem Schulkanuprojekt zu Verfügung stellen. Bei den Prijon-Booten handelt es sich um Einer- und Zweier-Tourenkajaks aus hochdruckgeblasenem Polyethylen mit wasserdicht abgeschotteten Gepäckstauräumen, Spritzdecken und Steueranlagen. Auch diese Boote sind für Kanuprojekte bestens geeignet, da sie leicht zu steuern, hochrobust und langlebig sind – wenngleich sie etwas weniger Tourengepäck aufnehmen können. Die Kanus der österreichischen Luftboot-Firma Grabner sind robuste Schlauch-Kanadier und Kajaks aus langlebigem Naturkautschuk-Gewebe. Der Vorteil dieser Boote liegt im geringen Transport- und Lagerplatz-Bedarf. Sie kommen zum Einsatz, wenn wir bei einem Projekt mehr Boote brauchen, als auf unsere Kanu-Anhänger und Autodach-Gepäckträger passen.

Am Paddel-Projekttag werden tags zuvor alle benötigten Kanadier, Kajaks und Schlauchboote samt Zubehör unter Anleitung von den Schülern auf den großen Schul-Kanuanhänger geladen und ordnungsgemäß verzurrt und mit Stahlseilen gesichert. Dann fährt Gerd Kassel den beladenen Kanu-Anhänger mit seinem Bus zum 10 Kilometer entfernten Kinzig-See. Das ist ein kleiner Baggersee mit Camping- und Segelbootliegeplatz. Hier befinden sich auch zwei Segeljollen der Kopernikusschule Freigericht direkt neben einer Surfschule. Somit lassen sich hier prima vielfältige Wassersport-Projekte durchziehen. Doch heute steht nur Paddeln als Vorbereitung der Lahn-Wanderfahrt auf dem Programm. Nachdem die Schüler/innen der SchuB-Klasse H8c in Eigenregie zum See gekommen sind, wird die gesamte Kanuausrüstung abgeladen. Sie besteht heute aus 10 Old-Town-„Columbia“-Kanadiern, 20 Stechpaddeln in 3 verschiedenen Längen und 30 Schwimmwesten in den Größen S, M und L. In die „Columbia“-Kanadier sind passgenau jeweils 2 Achtzig-Liter-Gepäcktonnen liegend eingeklemmt und können somit auf dem Kanuanhänger transportiert werden. In jeder großen, blauen Gepäcktonne befindet sich im Schachtel-System eine kleine, weiße Fünfundzwanzig-Liter-Essenstonne, worin sich eingerollt jeweils ein wasserdichter Sechzig-Liter-Packsack befindet. Auf der achttägigen Kanu-Wanderfahrt stehen jedem Teilnehmer eine Achtzig- und Fünfundzwanzig-Liter-Tonne und ein Sechzig-Liter-Sack für die wasserdichte Verstauung des Tourengepäcks zu Verfügung. Alle Kanus, Paddel, Schwimmwesten, Tonnen und Packsäcke sind mit wasserfesten Stiften haltbar nummeriert. Vor der Tour werden die Nummern der den Teilnehmern zugewiesenen Ausrüstung in eine Namensliste aller Teilnehmer eingetragen. Diese Namensliste mit den Nummern der Ausrüstungsteile wird auf DIN A3 vergrößert, eingeschweißt und im Kanucamp am Info-Brett (wozu ein Campingbus dient) öffentlich gemacht. Wenn „herrenlose“ Paddel und Schwimmwesten an den falschen Orten herumliegen, kann der „Besitzer“ schnell ausfindig gemacht und ermahnt, im Wiederholungsfall auch bestraft werden. Schulische Leih-Ausrüstung, die während der Tour mutwillig beschädigt wird oder durch Unachtsamkeit abhanden kommt, muss von den verantwortlichen Schüler/innen ersetzt werden. Über diese Haftung und die Preise der einzelnen Ausrüstungsteile werden Eltern und Schüler durch vorbereitende Touren-Infos in Kenntnis gesetzt. Wir wünschen einen sorgsamen und schonenden Umgang mit dem teuren Kanu-Equipment und in diese Richtung sind alle Teilnehmer von Anfang an zu erziehen.

Diese Erziehung beginnt daher bereits am Paddel-Projekttag. Zunächst werden die einzelnen Ausrüstungsteile und ihre Funktion von uns vorgestellt. Dann erfolgt die Anpassung der Schwimmwesten und Paddel. Es ist darauf zu achten, dass kleine, zierliche Schülerinnen nicht in L-Schwimmwesten, die ihnen über die Ohren rutschen, und viel zu langen Stechpaddeln aufs Wasser gehen.

Dann geht’s los! Zunächst Lernen durch Nachahmung: Wir machen vor, die Schüler machen nach. Dann folgt eine längere Phase „Learning by doing“. Wer verzweifelt, bekommt Hilfestellung. Als einfaches, anschauliches Lehrbuch steht die „Stechpaddel-Schule“ von M. Riegel allen Teilnehmern zu Verfügung – und eine Tafel mit Kreide zum Aufmalen, Erklären und Veranschaulichen.Am Ende des Tages können alle Schüler/innen in Team-Arbeit Kanus tragen und materialschonend ins Wasser setzen. Sie können einsteigen und aussteigen, ohne um zu kippen. Sie paddeln im Zweier-Team auf kürzestem Weg einen vorgeschriebenen Dreieckskurs zwischen 3 Bojen.

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                                                           Exkurs: Spielerischer Umgang mit dem Kanu und Paddel-Schule

Wir gehen davon aus, das normale Kinder und Jugendliche ein natürliches Bedürfnis nach Bewegung, Spiel, Spaß, Abenteuer und Entspannung haben, welches als Grundlage für die Verwirklichung unserer pädagogischen Ziele dient. Kanufahren bietet hierfür zahlreiche Möglichkeiten – selbst auf einem kleinen Baggersee. Hier können sich die Kids zunächst mal gefahrlos austoben, Wasserschlachten anzetteln, die Boote zum Kentern bringen und Wettfahrten veranstalten. Eine wichtige Voraussetzung hierfür sind allerdings das Tragen von Schwimmwesten und ein warmer Sommertag mit angenehmer Wassertemperatur. Der Projekttag beginnt also zunächst mal nicht schulmäßig mit dem möglichst schnellen Erlernen der notwendigen Paddelschläge. Es ist nicht so schlimm, wenn die Kids erst mal vieles falsch machen. Wichtig ist zunächst die Schaffung einer positiven Beziehung zum Fortbewegungsgerät Kanu und zum Element Wasser. Wenn die Angst weg und die Begeisterung da ist, dann lernen Kinder sehr schnell, nach der Methode „Versuch und Irrtum“ ein Kanu von der Stelle zu bewegen. Wer will, probiert sich auch im Touren-Kajak oder Spielboot. Irgendwann greift man dann als „Besserwisser“ ein und gibt Tipps, wie alles leichter, besser und schneller geht. Wir erklären den effizienten und kraftsparenden Vorwärtsschlag als Kanu-„Motor“, den Rückwärtsschlag als Kanu-„Bremse“ und den Steuerschlag als Kanu-„Lenker“. Das genügt fürs erste. Bogen-, Zieh- und J-Schlag als Steuerschlag ohne Bremswirkung werden später on tour auf dem Fließgewässer von uns und den paddelkundigen Betreuern vorgeführt – und irgendwann von allen Kids mehr oder minder schnell gelernt. Wenn am Paddel-Projekttag genug Zeit zu Verfügung steht, werden noch gruppendynamische Geschicklichkeits- und Wettkampfspiele durchgeführt. Diese Zeit nehmen wir uns natürlich für die neue SchuB-Klasse H8c. Denn auf dem Wasser lernen sich die SchuB-Schüler/innen schneller kennen als bei verkrampften Kennenlernspielchen im Klassenraum.

Für die Wasserspiele braucht man Seile, Bälle und Bojen. Die Kids überlegen sich nach Möglichkeit selbst Spiele samt Regeln, bei denen Teams zu zweit, zu dritt  oder als Großgruppe gefordert werden. Wenn ihnen auf Anhieb nichts einfällt, hier ein paar Tipps zur Anregung: Kanadier-Wettrennen mit Dreier-Besatzung, wobei der Mensch in der Mitte stehen (bleiben) muss; Wettrennen rückwärts; Wettrennen, bei dem die gesamte Kanubesatzung steht; jeweils 3 Kanadier werden hintereinander oder nebeneinander gebunden und ins Rennen geschickt; Abschleppen und Bergen eines gekenterten Bootes. Wichtig ist, dass die Spiele Spaß machen, auftretende Gruppenkonflikte gelöst werden können und die Aggressionen nicht ausufern.

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                                                                                                Projekttag „Zelten“

Etwa jedes vierte Kind, mit dem wir in den letzten 10 Jahren auf Kanu-Gepäcktouren unterwegs waren, hatte davor schon mal in einem Zelt geschlafen, entweder mit den Eltern im Urlaub, bei einem Ausflug der Jugendfeuerwehr oder zu Hause im Garten. Das heißt: 75 von 100 Kindern müssen erst mal an das 24-Stunden-Draußensein und das Schlafen unter freiem Himmel gewöhnt werden. Für viele Kids ist das ein größeres Abenteuer als das Kanufahren. Das ist kein Wunder, wenn man sich vergegenwärtigt, wie der normale Alltag einer Familie heute aussieht:

„Moritz wird um halb acht von seinem Playmobilradiorecorder geweckt. Sein Vater sitzt schon beim Frühstücksfernsehen, um die Nachrichten zu sehen, seine Mutter hört in der Küche Radio, während in der Mikrowelle der Kakao gewärmt wird. Während die Mutter Moritz beim Waschen, Anziehen und Frühstückessen hilft und Gesellschaft leistet, lässt der Papa den Computer noch eben schnell die Fahrroute für seinen Geschäftsbesuch ausdrucken. Nach dem Frühstück putzt Moritz mit der elektrischen Zahnbürste die Zähne, Mama liest Zeitung und die Schwester, die erst zur zweiten Stunde in die Schule muss, sieht noch ein bisschen fern. Moritz darf heute eine Kassette mit in den Kindergarten nehmen, weil die Kinder die Lieder von Rolf hören wollen. Ramona, die allmählich auch in die Schule muss, setzt sich ihren Walkman auf und geht. Sie nimmt noch ein paar Gameboyspiele mit, in der Pause wird nämlich getauscht. Während alle zur Arbeit und zur Schule sind, setzt die Mutter sich an den Computer, um ihre Büroarbeit zu erledigen. Sie arbeitet bequem zuhause, überweist auch gleich ein paar Rechnungen und surft zum Schluss noch ein bisschen im Internet. Dort holt sie sich auch Anregungen für das Mittagessen. Die Zutaten werden per Fax beim Lebensmittelhändler bestellt. Gemeinsam sehen Mutter und Kinder später während des Essens eine wunderschöne Seifenoper. Anschließend werden Hausaufgaben gemacht. Vorher müssen die Kinder allerdings noch telefonieren. Ramona hat vergessen, welche Hausaufgaben sie machen muss und Moritz will sich mit Christian, dem Nachbarjungen, zum Spielen verabreden. Christian hat einen Supernintendo bekommen, den sie ausprobieren wollen. Ramona hat einen einfachen Computer mit Rechentrainer. Seitdem macht ihr auch der Matheunterricht wieder Spaß. Nach der Erledigung der Hausaufgaben muss sie noch eine halbe Stunde Keyboard üben, dann darf sie mit Papa in die Videothek, um ein paar Filme für das Wochenende auszusuchen. Währenddessen nimmt die Mutter das Nachmittagsprogramm auf, damit die Kinder nichts verpassen. Um sechs Uhr sieht Moritz die Sesamstraße und Ramona darf noch Marienhof sehen. Nach dem Abendessen spielen alle noch ein bisschen Alfred Chicken. Dieses Computerspiel mag Moritz besonders. Während die Kinder zum Einschlafen eine Hörkassette laufen lassen, rufen die Eltern noch kurz die E-Mailbox ab und kontrollieren den Anrufbeantworter. Dann können sie den Abend gemütlich vor dem Fernsehgerät beenden.“ (zitiert aus „Erlebnispädagogik – Abenteuer für Kinder“ von Petra Brandt)

Im Zitat spiegelt sich – leicht übertrieben – die Alltagswirklichkeit einer gutbürgerlichen, intakten Familie wieder. Gerd Kassel unterrichtet in der Hauptschule Kinder, die in der Mehrzahl in zerrütteten Familien oder bei alleinerziehenden Müttern leben. Dort wird Medienkonsum zum Lebensinhalt und die Art und der Umfang nehmen erschreckende, von Erwachsenen unkontrollierte Formen an. Diesen Kindern werden fragwürdige Erlebnisse, Erfahrungen und Abenteuer frei Haus geliefert, das warme Heim muss theoretisch gar nicht mehr verlassen werden. Das passive Konsumieren hat aktives Tun aus dem Kinderalltag (und dem vieler Eltern) weitgehend verdrängt.  Aber wie dem auch sei: Über längere Zeit draußen sein, draußen bleiben, draußen leben – noch dazu bei Wind und Wetter – darauf sind solche Kids nicht mehr von zuhause aus vorbereitet. Will man trotzdem mit ihnen auf eine achttägige Kanugepäcktour gehen, muss man das vorher alles intensiv üben.

Das Problem beginnt schon bei der Ausrüstung. Schlechtwetterkleidung gehört nicht mehr zur Grundausstattung von Kindern. Bei Regen geht heute kaum noch jemand vor die Tür, für den Schulweg steht bei Schmuddelwetter das „Mama-Taxi“ bereit. Am Busbahnhof unserer Schule entsteht dann morgens um acht immer ein Verkehrschaos. Also: Für unser Kanuprojekt müssen zunächst mal Gummistiefel und Regenanzüge her. Da für einige Schülereltern die Anschaffung von Funktionskleidung für ihre Kinder zum finanziellen Problem wird, haben wir im Laufe der Jahre billiges, aber funktionelles Verleihmaterial angeschafft: Gummistiefel, gelbe „Friesennerze“, Fleece-Pullover zum Unterziehen in verschiedenen Größen. Schlafsäcke, Isomatten und Zelte sind natürlich auch nur selten vorhanden. Auch hier können wir keine, oder keine hohen Ansprüche stellen. Aber die großen Supermärkte machen es möglich, z.B. ALDI. Meist Anfang Mai gibt es dort brauchbare Übernachtungsausrüstung für vergleichsweise wenig Geld. Wer sich auch das nicht leisten kann, bekommt Leihausrüstung (in ALDI-Qualität) für die Dauer des Projekts. Bekommen wir nachher alles gewaschen, gereinigt, sauber und trocken zurück, war das Ausleihen umsonst. Aber alles, was kaputt, verschimmelt, zerrissen und verrottet ist, muss ersetzt werden, damit wir für das nächste Projekt neue Verleihausrüstung kaufen können.

Am Zelt-Projekttag auf der großen Schulwiese haben jedenfalls alle Teilnehmer Regenklamotten, einen Schlafsack, eine Isomatte oder Luftmatratze und jeweils 2 gleichgeschlechtliche Kids ein gemeinsames Igluzelt. Und dann geht’s los: Lager aufbauen, Lager abbauen und verpacken, Lager neu aufbauen, Lager abbauen – solange, bis alles in einer vertretbaren Zeit klappt. Das hat – zugegeben – beinahe paramilitärische Züge. Aber hier macht „Learning by Doing“ wie beim Üben des Kanufahrens weder Spaß noch viel Sinn. Auch kann durch ein Lernen nach dem „Trial-and-error-Prinzip“, das oft mit „Learning by doing“ verwechselt wird, leicht Schaden an der Ausrüstung entstehen. Also wird hier von uns vorgemacht, wie es geht und worauf es ankommt. Und dann wird nachgemacht, solange, bis alle begriffen haben, wie es geht und worauf es ankommt. Das nervt manchmal. Aber ehrlich gesagt, das tägliche Lager aufbauen und abbauen, geht jedem, der als moderner „Nomade“ mit Zeltgepäck draußen unterwegs ist, auf den Geist – auch uns. Das einzige, was hier Abhilfe schafft oder Unlust mindert, das ist die zunehmende Routine bei dieser ungeliebten Arbeit.

Aber jeder, der schon längere Zeit draußen mit Kanu, Sack und Pack unterwegs war, der kennt sie, die zwei Glücksmomente am Tag: Morgens, wenn das scheinbar nicht enden wollende Lager-Chaos klein und wasserdicht verpackt in den Bäuchen der Kanus verschwunden ist, wenn man samt Hausstand endlich im Boot sitzt, wenn die Sonne vom Himmel lacht, Schäfchenwolken vorüberziehen und das Gurgeln des Wassers neue Flussabenteuer verspricht. Und abends, wenn das Lager für die Nacht aufgebaut ist, wenn man müde, aber satt und zufrieden am Lagerfeuer sitzt, den Kopf voller neuer Erlebnisse und darüber ein unendlicher Sternenhimmel. Wer glaubt, Outdoor-Projekte seien ausschließlich geprägt durch Friede, Freude, Eierkuchen, endlose Freiheit und Abenteuer, der wird enttäuscht sein. Dazwischen liegen unweigerlich viel Frust und harte Arbeit. Dieser Kontrast ist typisch und spiegelt auch das wirkliche Leben wieder. Und genau das gilt es, die Kids erfahren und erleben zu lassen.

Wenn es das Biwakgelände zulässt, bauen wir unser Lager nicht nach Belieben, sondern in einem übersichtlichen Halbkreis ohne Stolperfallen auf, wo jeder auch im Dunklen die Zelt-Abspannleinen lokalisieren kann. An der offenen Seite des Halbkreises steht unser Campingbus samt Kanuanhänger. Bei Schlechtwetter werden über beide große Regenplanen gespannt, so dass alle Projektteilnehmer notfalls ein Dach über dem Kopf haben. Das Lagerleben spielt sich in der Mitte ab. Hier werden zusammenklappbare Tische und Sitzbänke aufgestellt, sogenannte Bierzelt-Garnituren, die mit auf einem Kanuanhänger transportiert werden können. In der Mitte befindet sich nach Möglichkeit auch das Lagerfeuer. Hier wird gekocht, gemeinsam im Kreis gesessen, geredet und gelernt. Das Gelände unserer Schule ermöglicht für komplette Schulklassen zu Übungszwecken eine Zeltübernachtung samt Lagerfeuer. Das hilft bei der guten Vorbereitung für die „Große Tour“, zu der auch die wichtige Übung gehört, alle auf Tour benötigte Ausrüstung wasserdicht und platzsparend zu verpacken. Jedem Schüler stehen hierfür ein 60-Liter-Sack mit Rollverschluss, eine 80-Liter-Tonne und eine 25-Liter-Tonne für Nahrungsmittel zu Verfügung. Was hier nicht reinpasst, muss zu Hause bleiben. Die Kanus werden grundsätzlich so gepackt, dass die Ausrüstung nur unwesentlich über den Süllrand hinaussteht und der Schwerpunkt möglichst tief liegt. Wird trotzdem gekentert oder es regnet in Strömen, macht das gar nichts. Die Klamotten bleiben in jedem Fall trocken.

Die Klamotten-Packliste wird von den Schülern vor der Tour selbst zusammengestellt. Dann bringen die Kids am Projekttag alles mit und versuchen es zu verstauen. Wenn die Liste umfangreicher ist als der Stauraum, dann wird nicht dringend benötigte Ausrüstung wieder aussortiert. Eine vernünftige Packliste sieht wie folgt aus:

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         Packliste für Teilnehmer/innen an mehrtägigen Kanuprojekten der Kopernikusschule Freigericht mit wechselnden Zeltlagern 

Übernachten

Zelt für 2 Personen, Regenplane für Zelt (ca. 4 x 4 m), Isomatte oder Luftmatze, kleine Doppelhub-Pumpe für Luftmatratze, Schlafsack, kleines Kissen für den Kopf (evtl. aufblasbar), Taschen- oder (besser) Stirnlampe, Ersatzheringe, dünnes, stabiles Allzweckseil (1-2 mm), Zelthammer zum Heringe einklopfen, Taschenmesser

Schlechtwetter-Kleidung

Wasserdichte Regenjacke mit Kapuze (sinnvoll auch Regenhut „Südwester“), wasserdichte Regenhose, Gummistiefel, alter Regenschirm (dient auch als Treibsegel bei Rückenwind). Achtung: Sammelbestellung billiger PVC-Regenanzüge (gelb, S – XXL) für 8 € je Anzug möglich bei Firma Reitz in Gelnhausen. Interessierte melden sich beim Kanuprojektleiter

Kleidung

Anorak, 2 Hosen - lang (evtl. Trekking- oder billige Militärhose aus Army-Shop), 2 Hosen -  kurz, 2 T-Shirts, 1 Fleece-Pullover, 4x Unterwäsche (davon 1x Thermo-Unterwäsche lang), 4x Socken (davon 1x dick), dünner Fleece-Anzug oder ähnliches zum Schlafen, Mütze, Handschuhe, Schal, Sportschuhe (oder feste Sandalen), leichte Trekkingschuhe, Badezeug

Kochen und Essen

„Trangia“-Sturmkocher-Set mit 2 Töpfen, Wasserkessel und Pfanne (wird von der Schule ausgeliehen), 1 Tasse, 1 Teller, 1 Müsli-Schüssel (alles aus Edelstahl oder Plastik), 1 Essbesteck, Dosenöffner, gut verschließbarer Behälter für Tagesverpflegung (z.B. „Tupper“-Ware), Trinkflasche aus Plastik oder Metall, Spülmittel, Reinigungsschwamm, Topfreiniger („Abrazo“-Stahlwolle), Abtrockentuch, Brennspiritus für Kocher, Gewürze (Salz, Pfeffer, Curry u.a.) in gut verschließbaren, kleinen Behältern

Körperpflege und Gesundheit

Kleiner Waschbeutel (Kosmetik-Koffer sind zu groß!), Seife in Seifendose, Duschgel/Shampoo, Zahnbürste und Zahnpasta, Kamm oder Haarbürste, 2 Handtücher, UV-Schutz für Haut und Lippen (mit Lichtschutzfaktor 25), Sonnenbrille, Sonnenhut mit Ohren- und Nackenschutz, persönliche Medikamente (aber auch Hals-Lutschtabletten, Ohrentropfen u.a.)

Sonstiges

Lahn-Flussführer, 5l-Wasserbehälter, kleiner Tagesrucksack, 10 stabile, große Müllsäcke, Multifunktionswerkzeug, Nähzeug, Schreibzeug, Fotoapparat, evtl. Fernglas, kleines Fangnetz und Becher-Lupe für Wasseruntersuchungen (wird von Schule gestellt). Wie wird gepackt?Von der Schule bekommt ihr einen wasserdichten Packsack (ca. 60 Liter) für den Schlafsack und die Kleidung, außerdem eine wasserdichte, blaue Tonne (80 Liter) für Zelt, Luftmatratze, Kocher, Geschirr, Regenklamotten, Schuhe usw. Für das Verstauen des Essens bekommt jeder eine wasserdichte, weiße Lebensmitteltonne (25 Liter).Welche Lebensmittel? Für die ersten beiden Tage (Samstag und Sonntag) nehmen alle Schüler/innen und Betreuer genügend haltbare Lebensmittel von zu Hause mit. Siehe hierzu Infoblatt „Geeignete Nahrungsmittel für die Selbstversorgung bei Zeltlagern und Kanutouren“. Später wird von euch selbst eingekauft.

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                                                                                                 Projekttag „Kochen“

Auf mehrtägigen „Outdoor“-Projekten müssen die Teilnehmer/innen auch mehrmals am Tag in irgendeiner Weise Nahrung zu sich nehmen, nach Möglichkeit auch täglich eine warme Mahlzeit. Die Mehrzahl der Schüler/innen sind es von zu Hause gewohnt, bekocht zu werden. Das wäre auch bei unseren Kanuprojekten möglich. Zwei Mütter als Betreuerinnen, Vorauskommando, Einkaufs- und Kochfrauen für die Kanuprojektwoche engagiert, schon wäre das Problem gelöst. Wir kommen abends müde und hungrig an und setzen uns vor das fertige Essen. Das wird nach unseren Beobachtungen oft so bei Jugendfreizeiten draußen gehandhabt. Nur: Es entspricht nicht unseren Erziehungszielen! Bei uns sollen Schüler/innen in der Projektwoche lernen, ohne Bemutterung klar zu kommen, selbständig zu werden und Entbehrungen zu ertragen. Also wird auch die Ernährung – Einkaufen, Kalkulieren, Kochen, Spülen – von Anfang an in Schüler-Eigenregie organisiert.

Hierfür gibt es verschiedene Organisationsmodelle, z.B. jeden Tag kochen wechselnde Schülergruppen (4 Personen) für alle Projektteilnehmer/innen. Dabei ist die Mitnahme einer Outdoor-Großküchenausrüstung notwendig. Die Kochgruppe kann an ihrem Küchendiensttag nicht mitpaddeln, sondern stellt ein Gericht zusammen, kauft unterwegs ein und beginnt nachmittags mit der Essensvorbereitung. Hierbei sind eine ständige Anleitung und Betreuung mit Dienstfahrzeug notwendig.

Wir haben uns für ein anderes Modell entschieden, das sich in der Praxis sehr gut bewährt hat: Paddeln, Zelten, Einkaufen, Kochen und Geschirr spülen in der kleinstmöglichen Einheit! Zwei Leute sitzen in einem Boot, leben gemeinsam in einem Zelt, gehen zusammen einkaufen und bereiten sich von Anfang an selbständig ihre eigenen, warmen Mahlzeiten zu. Statt Großküche hat jedes Zweier-Team seine funktionelle Kleinküche an Bord – einen schwedischen Trangia-Sturmkocher samt Kochgeschirr, der sich genial klein in jedem Kanu verstauen lässt. Natürlich können sich Zweier-Teams auf der Tour auch zu größeren Paddel-, Einkaufs-, Koch- und Lebensgemeinschaften zusammenschließen. Das wird zumindest von uns angeregt, erfolgt aber in Schüler-Eigeninitiative.

Wie das Paddeln und Zelten wird auch der Umgang mit dem schwedischen „Trangia“-Sturmkocher und das Zusammenstellen und Zubereiten von Mahlzeiten während eines vorbereitenden Projekttages geübt. Der Trangia-Sturmkocher ist aufgrund seiner Konstruktion sehr kippstabil und schülertauglich. Es kann nicht passieren, dass er umkippt oder der Topf vom Brenner rutscht. Nur das Nachfüllen des Brenners mit Spiritus erfordert besondere Sorgfalt. Wenn der Brenner leer gebrannt ist, dann darf er nicht sofort im heißen Zustand nachgefüllt werden. Die Spiritusflasche darf beim Kochen nicht in der Nähe des Brenners stehen.

Nach einem Projekttag „Kochen“ mit zunächst einfachen (Tee kochen) und später schwierigen Kochaufträgen (Pfannkuchen backen) ist die Handhabung des Kochers kein Problem mehr. Das Handling mit der „Schwedenküche“ macht den Schülern Spaß und einige kaufen sich nach dem Kanuprojekt selbst den genialen, langlebigen Trangia-Sturmkocher zwecks privater Nutzung.

Zur Vertiefung der Kochernutzung und zur Einübung von Schülerpräsentationen stellen einige Schüler tags drauf mit Hilfe des Powerpoint-Programms das Kochgerät in all seinen Einzelteilen, seiner funktionellen Nutzung, Reinigung und Pflege einem interessierten Publikum aus potenziellen Kunden vor.

Wichtig für das Kochen der Schüler in Eigenregie auf mehrtägigen Kanutouren ist das Einkaufen und Mitführen geeigneter, haltbarer, wärmebeständiger Nahrungsmittel. Frisches Fleisch und offene Wurstwaren dürfen nur zum Sofortverzehr eingekauft werden. Die Essenstonnen sind zwar weiß, ermöglichen an einem warmen Sommertag aber keine Kühlung von Lebensmitteln.

Bei der Projektvorbereitung erstellen die Schüler folgendes Merkblatt für Nahrungsmitteleinkäufe vor und während des Kanuprojekts:

Geeignete Nahrungsmittel für die Selbstversorgung bei Kanutouren

Die Kühlung von Nahrungsmitteln ist bei Kanuprojekten und Zeltlagern nicht möglich. Bei sommerlichem Wetter sind die Nahrungsmittel in den Essenstonnen ungewöhnlich hohen Temperaturen ausgesetzt und verderben sehr schnell. Das muss beim Einkaufen des Essens durch Eltern und Schüler berücksichtigt werden. Daher hier ein paar Hinweise, was gut ist und was schlecht.

Geeignete Lebensmittel für mehrere Tage

Dosenvollkornbrot, Knäckebrot, Margarine (in Dose mit Dichtung), Vollkornkekse, Zwieback, Müsli, Cornflakes, Müsli-Riegel aller Art, Konserven: Ravioli, Suppen, 5-Minuten-Terinen, Fertiggerichte, Fischkonserven, Dose,Nudel- und Reisgerichte in Tüten, Wurst in 100g-Dosen, Salami,

Bedingt geeignete Lebensmittel zum baldigen Verzehr

Käse, Milch, Yoghurt, Quark, Schokolade, Tiefkühlkost, Gemüse, Salat,

Ungeeignete Lebensmittel, die nicht eingekauft werden dürfen

Frisches Fleisch, Hackfleisch, Marmelade im Glas, frische Wurst (sofort essen), Butter (es sei denn, man besitzt 
eine dicht verschließbare Butter-Dose, Eier, Limo, Cola, Red Bull, alkoholische Getränke 

Was morgens frisch gekauft wird,  muss im Laufe des Tages verzehrt werden.
Getränke: Mineralwasser (Plastik) 
Obst: Äpfel, Birnen, Bananen, usw. Verpackungen nicht aufheben. 

 Für die ersten beiden Tage bringen alle Teilnehmer ihr Essen von zu Hause mit. Dabei ist darauf zu achten, dass nur haltbare Nahrungsmittel gekauft werden. Später vor Ort kaufen die Schüler ihr Essen selbst ein. Dann kann man auch frische Lebensmittel essen.

Zum Kochen bekommt jedes 2-Mann-Team einen Kocher von der Schule. Er besteht aus Windschutz, Brenner, 2 Töpfen, Pfanne und Teekanne. Brenn-Spiritus, Topfreiniger (ABRAZO), Spülmittel und Abtrockentücher müssen die Schüler/innen selbst von zu Hause mitbringen.

Ganz wichtig: Alle Gerichte müssen auf dem Camping-Kocher zur Vernichtung möglicher Bakterien zumindest kurz aufgekocht werden!

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 Projekttag „Erste Hilfe“

Unfälle und Erkrankungen bei erlebnispädagogischen Outdoor-Projekten sind nach Möglichkeit durch intensive Gefahrenschulung zu vermeiden, aber nicht auszuschließen. In all den Jahren Kanuprojektpraxis hatten wir bisher lediglich einen während der Tour unbemerkt gebliebenen Schlüsselbeinbruch eines sehr zähen Hauptschülers und eine Nierenbeckenentzündung, die zum blitzschnellen Heimtransport der betroffenen Schülerin führte. Gefährlich wurde eine Hyperventilation eines wenig stressresistenten Schülers, der zudem wegen falscher Ernährung unter starker Unterzuckerung litt. Ein Notarzt und eine Glukosespritze wurden notwendig. Seit diesem Vorfall habe ich das morgendliche „Zwangs“-Müsli eingeführt.

Bei der SchuB-Projektvorbereitung erarbeiten wir gemeinsam folgendes Merkblatt, das die üblichen Fehler vermeiden helfen soll:

Kann hier nicht dargestellt werden!

Wenn es zu einem Unfall mit leichter Verletzung kommt, findet die Wundbehandlung durch erfahrene Lehrer, Betreuer oder geschulte Schüler statt. Hierfür haben wir stets eine Notfallapotheke an Bord. Darin befinden sich Pflaster, Verbandmull, Rettungsdecke, Desinfektionsmittel, Pinzette, Zeckenzange, Wundsalbe und  Fieberthermometer usw. Ist die Sache ernster, wird der verletzte oder erkrankte Schüler einem Arzt vorgestellt. Schwieriger wird die Sache, wenn sich ein schwerer Unfall eher etwas abseits der Zivilisation unterwegs auf dem Fluss ereignet. Es kam zwar in den vielen Jahren Kanuprojekt noch nicht vor, ist aber vorstellbar. Z.B.: Eine Kanubesatzung gerät unter Büsche, kentert, ein Schüler wird durch Äste und Strömung trotz Schwimmweste unter Wasser gedrückt, wird bewusstlos und bekommt Wasser in die Lunge. Jetzt ist fachmännische „Erste Hilfe“ gefragt und kann lebensrettend sein. Es macht Sinn, für alle Projektteilnehmer einen „Erste-Hilfe-Lehrgang“ als Projekttag in der Schule zu organisieren. Dafür muss man eine externe Fachkraft engagieren.

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                                                        2.1.3. Die Projektvorbereitung im Regelunterricht

Wie anfangs bereits erwähnt, bietet ein Kanuprojekt viele Lernanlässe. Im Rahmen des SchuB-Unterrichts mit den sogenannten Fächerverbünden sind natürlich alle Fachlehrer des SchuB-Lehrteams mit in die Kanuprojektvorbereitung eingebunden. Hier bieten sich neben dem ‚Sozialen Lernen’ einige wunderschöne, anschauliche, fachübergreifende Themen zur Erarbeitung in der Vorbereitung und Fortsetzung während der Durchführungsphase des SchuB-Kanuprojekts an. Wir entscheiden uns im Lehrteam für die Erarbeitung von 2 Themen mit biologisch-ökologischem und geschichtlichem Schwerpunkt:

1.     Der Schutz von Tieren und Pflanzen am Kanutenpfad – Die Bedeutung der Naturschutzgebiete an der Lahn

2.     Die Geschichte der Fluss-Schifffahrt am Beispiel der Lahn

Diese beiden Unterrichtsprojekte verdienen eine ausführliche, inhaltliche Vorstellung, sprengen damit aber den Rahmen dieses Kanuprojektreaders. Nur so viel: Beim Paddeln lahnabwärts stoßen wir ständig auf zahlreiche Wasservögel, nistende Enten, Sumpfhühner und Schwäne, sehen Bussarde über uns kreisen und beobachten Bisamratten bei ihrer Arbeit. Gelegentlich durchfahren wir Naturschutzgebiete, wo das Anlanden strikt verboten ist. Alte, aber noch funktionsfähig erhaltene Schleusenanlagen und der einzige Schifffahrtstunnel Deutschlands unter der Stadt Weilburg hindurch bieten anschaulichen Stoff zum Nachdenken, zum Nachforschen und zum Erkennen von biologischen und geschichtlichen Zusammenhängen. An diesem Stoff achtlos vorbei zu paddeln, wäre eine vertane Chance für interessanten Outdoor-Unterricht und für das angestrebte praktische Lernen.  

                                           2.1.4. Zusätzliche Betreuer/innen und ihre Qualifikation – Betreuerschulung

Erlebnispädagogische Unterrichtsprojekte mit großem Materialeinsatz sind betreuungsintensiv. Je mehr Schüler, je mehr Boote, je mehr Zubehör, je mehr Biwakausrüstung, je mehr Anhänger, je mehr Begleitfahrzeuge, je mehr Helfer werden benötigt. Bei etlichen Großprojekten der letzten Jahre waren wir mit 40 Personen – davon 30-32 Schüler/innen –  in 14 Gepäckkanadiern, 4 Zweierkajaks und 4 Einerkajaks auf Lahn, Fulda und Weser unterwegs. Diese Projekt-Karawane benötigte für den Überlandtransport 4 Busse mit 3 Anhängern. Mit Projekten in dieser Größenordnung ist allerdings die obere Schmerzgrenze bezüglich Organisation und Naturverträglichkeit erreicht.

Die Schule kann für Klassenfahrten nicht mehr als 2 Lehrer/innen entbehren. Der Wandererlass schreibt eine weibliche und männliche Lehrperson bei gemischten Klassen vor. Dem müssen wir Genüge tun und outdoorerfahrene Kollegen/innen für die Projektteilnahme gewinnen, die gewillt sind, alle Mühen und Entbehrungen auch über 2 arbeitsfreie Wochenenden hinweg auf sich zu nehmen. Da ist unsere Auswahl auch an Hessens größter Schule mit ca. 170 Lehrpersonen im Kollegium eher bescheiden. Im Klartext: Wir haben nur 3 Kollegen/innen, die gerne mit auf Kanuprojekttour gehen, aber nicht dreimal im Jahr.

Also müssen wir auch auf andere, schulexterne Mithelfer/innen zurückgreifen. Und das geht leichter und besser als vermutet. Am Beispiel des SchuB-Projekts möchten wir kurz aufzeigen, wie wir zu unseren Mithelfer/innen kommen. Wir können da bei Bedarf auf etliche, projekterfahrene Ex-Schüler und Ex-Väter zurückgreifen, die uns als Praktiker lieber sind als Lehrer mit 2 linken Händen.

Zunächst wäre da unsere eigene Familie. Gerd Kassels Frau Astrid ist Berufsschullehrerin in Büdingen, erfahrene Paddlerin, kann Busse mit Kanuanhängern fahren, kennt sich an den Kanuprojektflüssen bestens aus und hilft seit Beginn des Kanuprojekts begeistert mit. Sie ist beim Projektstart und beim Projektfinale, also insgesamt 4 Tage mit „an Bord“. Sie zieht mit dem 2. Kassel-Auto den 2. Kanuanhänger. Sina Brendel, geb. Kassel, studierte in Frankfurt und München Lehramt mit den Fächern Sport, Deutsch und Französisch, ist ausgebildete Kanulehrerin und schrieb ihre Examensarbeit über „DIE ERLEBNISPÄDAGOGIK AUF DEM WEG IN DIE SCHULE – AM BEISPIEL EINES KANUPROJEKTS“. Sina Brendel war Schülerin der Kopernikusschule Freigericht und mit an der Konzeptentwicklung fürs Kanuprojekt beteiligt. Sie nahm sich immer wieder mal eine Woche Studienauszeit, um bei wichtigen erlebnispädagogischen Projekten ihres Vaters mitzuarbeiten und an der Uni nicht vermittelte, praktische Erfahrungen im Umgang mit Schülern zu sammeln.

Mit dabei ist auch Ex-Schülervater Robert Simon, dessen beide Töchter einst von Gerd Kassel unterrichtet wurden. Sie alle nahmen an vielen Kanuprojekten teil. Robert ist von Beruf Behindertenbetreuer und pädagogisch bestens geschult. Darüber hinaus ist er auch noch Bienenzüchter, Schwarzangler, Vogelkundler und Outdoor-Mensch, d.h. er kennt sich draußen bestens aus, opfert viel Urlaub für unsere Kanuprojekte und hilft mit, die Natur zu erkunden und zu verstehen. Zusammen mit seinem Freund Gerhard von der Vogelschutzgruppe Horbach ist er beim SchuB-Projekt für das Thema „Der Schutz von Tieren und Pflanzen am Kanutenpfad – Die Bedeutung der Naturschutzgebiete an der Lahn“ zuständig.

Der illustre SchuB-Betreuerstab wird ergänzt durch „Alaskamann“ Rainer Fischer, der wie alle bisher genannten, ehrenamtlichen Betreuer/innen bereits beim WPU-Kanuprojekt im Frühsommer dieses Jahres dabei war und nun auch das SchuB-Kanuprojekt im Spätsommer begleitet. Und er kommt dafür extra zum 2. Mal aus der Wildnis Alaskas zurück, wohin er sich zum Paddeln und Angeln zurückgezogen hat. Rainer ist KFZ-Meister, kann reparieren, improvisieren, erzählen – und gut mit jungen Menschen umgehen. Solche Leute findet man im Schuldienst nicht so oft und sie sind für unsere Projekte besonders wertvoll. Der Modellversuch SchuB bringt nicht nur neuen Schub in die Schulen, sondern auch neue Sozialpädagogen. Seit Beginn dieses Schuljahres ist der Diplom-Sozialpädagoge Daniel Höpfner an der Kopernikusschule Freigericht beschäftigt und hilft mit, die neuen SchuB-Schüler/innen pädagogisch qualifiziert zu betreuen – auch beim Kanuprojekt während der Orientierungsphase.

                                        2.1.5. Den Tourencharakter festlegen – Minimalausrüstung oder volles Programm?

Beim aktuellen SchuB-Projekt haben wir nur 12 Schüler/innen zu betreuen. Das ist im Vergleich zu anderen Großprojekten eine einfache logistische Aufgabe. Aber auch hier stellt sich zunächst die Frage: Wählen wir Minimalausrüstung oder volles Programm?

Die Minimallösung sieht wie folgt aus: Wir benötigen nur 2 Busse oder 1 Bus + 1 PKW mit einem Kanuanhänger, auf dem 10 Gepäcktourenkanadier, 20 Stechpaddel, 20 Schwimmwesten, 20 Packsäcke, 20 große 80l-Tonnen, 20 kleine 25l-Tonnen, 10 Bootsleinen, 10 Reinigungsschwämme und 1 Schwenkgrill verstaut sind. Betreuerzelte, Ersatzzelte, Regentarps mit Gestänge, Ersatzklamotten für die Kids, Feuerholz, Motorsäge, 4 Bierzeltgarnituren und Kleingram befinden sich in den beiden Fahrzeugen.

Beim vollen Programm nehmen wir auch unsere Tourenkajaks als Abwechslung für die Kids mit. Das heißt, die Schüler bekommen die Gelegenheit, im Laufe der Projektwoche unterschiedliche Kanutypen, von großen Kanadiern, über gemütliche Luftboote und Tourenzweierkajaks mit Fußsteueranlagen, drehfreudige Combiboote bis hin zu schmalen, langen Seekajaks zu paddeln und zu testen. Das funktioniert aber nur, wenn die Betreuer ihr eigenes Gepäck in den Autos transportieren und die schweren Gepäckboote derjenigen Schüler paddeln, die abwechselnd nur mit Tagesgepäck beladene Kajaks fahren. D.h. jeden Tag können sich 5-6 Schüler/innen ihr Wunschboot aussuchen und zum nächsten Zeltplatz schippern. Hierdurch wird die Logistik allerdings schwieriger: Wir benötigen einen zweiten Kajakanhänger, einen zusätzlichen Materialanhänger und ein weiteres Zugfahrzeug. Die Spritkosten und Campingplatzgebühren werden höher.

Bei der SchuB-Projektplanung entscheiden wir uns für das volle Programm! Die kleine Klasse und genügend Betreuer/innen machen es möglich.

                                                                         2.1.6. Die Erstellung des Tourenplans

Wie bereits anfangs erwähnt, wird bei SchuB  – und bei Gerd Kassel seit 30 Jahren auch anderswo – nach unserem persönlichen Berufsmotto „Ein guter Lehrer/Pädagoge macht sich überflüssig“ gearbeitet. Doch selbständiges Planen, Arbeiten und Lernen muss gelernt werden. Das Kanuprojekt bietet hierfür jede Menge sehr gute Gelegenheiten. Das werden wir im Laufe der weiteren Projektbeschreibung belegen.

Fangen wir mal mit dem Tourenplan an: Die Kids bekommen die Aufgabe, einen Lahnprojekt-Tourenplan für 8 Tage von Wetzlar bis zum Rhein zu erstellen. Als Infos stehen zu Verfügung:

1 spezieller Lahn-Flussführer mit allen Infos, die wir brauchen. (Die Lahn – Kanutouren, Wanderungen und Sehenswertes. Martin Schulze, Pollner-Verlag 2002, 12,90 € - www.Pollner-Verlag.de. Dieses Buch ist einem der meistbesuchten Flusstäler Deutschlands gewidmet. Neben der Beschreibung der Kanustrecke wird ausführlich auf die Sehenswürdigkeiten und Kulturschätze eingegangen.)

1 spezielle Gewässerkarte Lahn 1: 75 000. 4 Streifenkarten. 4-farbig, wassergeschütztes Papier, 2. Auflage 2004, 5 €, www.juebermann.de

Lahn-Buch und Lahn-Karte werden für die SchuB-Klasse im Klassensatz angeschafft. Zeitraubende Internet-Recherchen entfallen. Weitere Lahn-Flussführer (siehe oben) liegen in jeweils 4 Examplaren für die Arbeit in 4 Gruppen bereit. 4 Dreierteams haben einen Schultag Zeit, einen guten, begründeten Tourenplan zu entwerfen und anschließend der SchuB-Klasse vorzustellen. Dabei werden Vor- und Nachteile der 4 Tourenplan-Entwürfe diskutiert. Der beste Tourenplan wird angenommen. Aber das funktioniert diesmal leider nicht so. Der Grund liegt auf der Hand: wir müssen die Campingplätze bereits vor Beginn des neuen Schuljahres reservieren. Eine Woche vor der Projektrealisierung ist das zu spät. Normalerweise finden unsere Kanuprojekte im Mai, Juni und Juli statt mit einer langen Vorlaufzeit. Will man aber die Projektwirkungen auf eine Klasse wie bei SchuB gleich zu Beginn eines neuen Schuljahres nutzen, dann hat man nur wenig Zeit und muss einige Planungen auch ohne Schülermitwirkung auf den Weg bringen. Trotzdem versuchen sich die SchuB-Schüler an der Tourenplangestaltung und ihre Vorschläge weichen auch nicht sehr weit ab vom Optimum. Die Tatsache, dass wir von Samstag bis Samstag 8 Tage auf der Lahn unterwegs sind, liegt darin begründet, dass die Schüler in Fahrgemeinschaften der Eltern nach Wetzlar gebracht und später in Lahnstein abgeholt werden. Eltern haben in der Regel samstags Zeit. Einen Reisebus zu mieten ist aufgrund der kleinen Klasse von nur 12 Schülern zu teuer.

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                                                                    Kanuprojekt an der Kopernikusschule Freigericht

                                                                                      SchuB-Projekt auf der Lahn

                                                  Achttägige Kanu-Gepäcktour auf der Lahn von Wetzlar bis Lahnstein

                                                                                Verantwortlicher Leiter: Gerd Kassel

Begleitpersonen: Waltraud Kuhn-Dankert (projekterfahrene Hauptschul- und Sportlehrerin), Astrid Kassel (Studienrätin an der Berufsschule Büdingen), Sina Brendel (Lehramtsreferendarin, Kanulehrerin, wissenschaftliche Begleitung), Daniel Höpfner (als Sozialpädagoge an der KSF tätig), Robert Simon (Behindertenbetreuer, Vogelkundler, projekterfahren), Rainer Fischer (KFZ-Meister, z.Z. wohnhaft in Alaska, Kanu- und Outdoor-Spezialist)

Transport: 12 SchuB-Schüler/innen werden von ihren Eltern in Fahrgemeinschaften nach Wetzlar gebracht und in Lahnstein abgeholt. 2 Kanu-Anhänger + 1 Materialhänger werden mit 2 Kassel-Autos und 1 Fischer-Bus zum Start nach Wetzlar gebracht und am Ziel in Lahnstein abgeholt. Weiteres Biwakmaterial wird im Simon-Bus transportiert.

Abfahrt: Samstag, um 8.00 Uhr Treffpunkt am Busbahnhof der Kopernikusschule Freigericht. Verladen der persönlichen Schülerausrüstung. 8.30 Uhr Abfahrt nach Wetzlar. Ankunft in Wetzlar ca. 10 Uhr.

Rückkehr: Samstags drauf. Ankunft der Boote in Lahnstein/Rhein ca. 17 Uhr. Verladen der kompletten Ausrüstung. Ankunft an der Kopernikusschule ca. 20 Uhr.

Tag  - von - bis - Ort der Übernachtung - Tourlänge in Km

1 Samstag

Wetzlar, Parkplatz „Bachweide“ (Km 12,5) – Schohleck (Km 23) Zeltplatz der Kanufirma „Lahntours“ „Im Schohleck“, 35606 Solms, Tel.: 06442/922527  10,5 Km

2 Sonntag

Schohleck (Km 23) – Weilburg (Km 41,3) Jugendzeltplatz „Hauseley“, 35781 Weilburg Reservierung Tel. – 06471/31467  18,3 Km

3 Montag

Weilburg (Km 41,3) – Gräveneck (Km 48,6) Campingplatz „Gräveneck“, 35796 Weinbach/ Gräveneck, S. Wolf, Tel.: 06471/490320  7,3 Km

4 Dienstag

Gräveneck (Km 48,6) – Runkel (Km 66) „Lahntours“- Campingplatz, Auf der Bleiche, 65594 Runkel, Tel.: 06482/911022   17,4 Km

5 Mittwoch

Runkel (Km 66) – Limburg (Km 75,8) Städtischer Campingplatz, Schleusenweg, 65549 Limburg, Tel.: 06431/22610   9,8 Km

6 Donnerstag

Limburg (Km 75,8) – Rupbach (Km 100,6) Campingplatz „Im Rupbachtal“, Verwaltung Friedhelm Ilgen u. Daniela Börder Tel.: 06439/1650  24,8 Km

7 Freitag

Rupbach (Km 100,6) – Dausenau  (Km 120,9) Campingplatz „Dausenau“, Hallgarten 16, 56132 Dausenau, Tel.: 02603/13964   20,3 Km

8 Samstag  

Dausenau (Km 120,9) – (Nieder) Lahnstein (Km 137,3) Rheinmündung, Ende der Tour, Eltern holen die Schüler um 18 Uhr ab   16,4 Km
    Achtung! Gerd Kassel unter 0173/5671756 zu erreichen = 124.8 km

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                                                                                2.1.7. Das Erstellen des Finanzplans

Unsere Kanuprojekte müssen aus inhaltlichen Gründen so lang wie möglich und aus sozialen Gründen so billig wie möglich sein. Das ist schwierig. Beim Projektstart kostete ein 8-tägiges Kanuprojekt auf der Lahn 200 DM samt Busanfahrt, heute 150  Euro (ohne Anfahrtkosten). In der Gastronomie und im Campingplatzwesen wurde bei der Euroeinführung beinahe 1:1 umgerechnet.

150 Euro + Spritkosten für die Elternanfahrt sind für sozial schwache Familien und Alleinerziehende viel Geld. In belegbaren, sozialen Härtefällen kann beim Main-Kinzig-Kreis ein Antrag auf Zuschuss gestellt werden. Niemand darf aus finanziellen Gründen von einer Klassenfahrt ausgeschlossen werden. Viele Schüler und Eltern schämen sich wegen ihres Geldmangels. Wenn Schüler bezüglich Projektteilnahme sagen „Null Bock!“, dann meinen sie in der Regel „Null Geld!“ Der Schulelternbeirat der Kopernikusschule hat sich bereit erklärt, Bedürftigen zinslose „Kleinkredite“ mit monatlichen Rückzahlungsraten von 10 Euro einzuräumen.

Im diesem Schuljahr werden vom HKM für 8. und 9. Hauptschulklassen  Projekte zur „Förderung der Berufsfähigkeit“ gesponsert. Im Rahmen dieser Fördermaßnahme kommen oben bereits erwähnte, kommerzielle Erlebnispädagogik-„Firmen“ zum Schuleinsatz.

Man darf auch eigene Schulprojekte konzipieren und mit einem belegbaren Kostenplan beim HKM zwecks inhaltlicher Genehmigung und finanzieller Förderung einreichen.

Wir schicken im Namen von SchuB-Freigericht das Kanuprojekt-Konzept zusammen mit einem Kostenplan an die SchuB-Geschäftsstelle nach Wiesbaden. Noch vor dem Start ins Projekt bekommen wir die Rückmeldung, dass unser Projekt finanziell gefördert wird – wenn ordnungsgemäß sachgebundene Ausgabenbelege vorgewiesen werden.

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                                                                                     2.2. Die Durchführungsphase

So, jetzt geht es endlich los! Wir starten in die praktische Durchführung, nicht nur beim SchuB-Kanuprojekt, sondern auch hier bei der Projektdokumentation im Kanuprojektreader.

                                                                                 2.2.1. Material-Check und Verladung

Das Verladen der Kanuausrüstung auf die Anhänger haben wir bereits an Projekttagen in der Vorbereitung geübt. Einen Tag vor Tourstart müssen die Kids selbständig, aber unter Aufsicht und Mithilfe der Betreuer 10 große Kanadier und 12 Kajaks mit Zubehör aus dem Kanukeller holen und auf die Hänger packen. Das ist einfacher geschrieben als getan:

Ø  Der große, gebremste Schul-Kanuanhänger hat 6 Etagen mit unten links und rechts jeweils einem verschließbaren Staukasten. Hier werden alle Schwimmwesten, Paddel, Bootsleinen, Schwämme und das Gestänge für den Gemeinschaftsgrill und die Regendächer (Tarps) untergebracht. Danach werden auf jede Etage des Bootstragegestells 2 Kanadier gepackt, in die jeweils 2 große Gepäcktonnen eingeklemmt werden.

Ø   In den großen 80l-Tonnen befinden sich nach dem Schachtelprinzip jeweils die kleinen 25l- Essenstonnen. Diese Tonnen werden erst am Startort in Wetzlar mit dem Schüler-Zeltgepäck und Essen gefüllt. Die 10 OLD-TOWN-Kanadier der 5,20m-Klasse  werden von oben nach unten verladen. D.h. zunächst erfolgt die schwierige „Bestückung“ der obersten Etage. Das geht nur in ausgeklügelter Teamarbeit, bei der alle mit anfassen. Erst wenn die 2 obersten Boote von 2 leichten „Kletteraffen“ mit 4 langen, stabilen
Ø  Klemmgurten gesichert sind, kommt das Beladen der nächsten Etage dran. Je weiter wir nach unten kommen, umso leichter wird die Sache.

Ø  Zum Schluss werden zwecks Sicherung durch die Tragegriffe aller 10 Kanadier hinten und vorne lange 10mm-Stahlseile gezogen und an den Ösen mit Vorhängeschlössern verbunden.

Ø  Der große Schul-Kanuanhänger wird während der gesamten Tour von „Sprinter“-Campingbus der Kassel-Family gezogen. Am Hochdach des Busses hängen links und rechts noch 2 PRIJON-Combikajaks von 3,59 cm Länge, die nur mit Hilfe einer am Heck mitgeführten Stehleiter verladen werden können. Im großen Bodenstauraum unseres Busses lagern 2 GRABNER-Hypalonschlauchkanus und warten auf den Projekteinsatz.

Ø  Der zweite Kanuanhänger ist mit 3 Transportetagen kleiner und ungebremst. Er ist leichter zu beladen. Hier kommen alle 10 PRIJON-Tourenkajaks drauf. Zunächst werden unten auf das Hängergestell auf jede Seite 5, also alle 10 benötigten Doppelpaddel geschnallt. Dann kommen in die untere Etage links und rechts jeweils 2 auf die Seitenkante gestellte Tourenkajaks von 5,20 m Länge. In der mittleren Etage liegen so 4 Boote von 5 m Länge und obendrauf noch mal 2 Kajaks mit der Länge von 4,80 m. Dieser Hänger wird in der Regel bei allen Kanuprojekten während der An- und Abfahrt von Astrid Kassels PKW gezogen. Unter der Woche, wenn Astrid in ihrer Schule in Büdingen weilt, wird der Hänger von einem anderen Begleitfahrzeug gezogen. Sollte keine weitere Anhängerkupplung zu Verfügung stehen, dann bleibt der Hänger zu Beginn auf dem Zeltplatz Schohleck stehen und wird am nächsten Donnerstag, wenn Astrid wieder zum Kanuprojekt-Tross stößt, dort zum Rücktransport der Kajaks abgeholt. Bei Bedarf wird auf dem Dachträger des Renault Kangoo von Astrid noch der 11. OLD-TOWN-Kanadier transportiert.

Ø  Den dritten, kleinen Planen-Anhänger für den Transport von unverzichtbarem Biwak- und Unterrichtsmaterial leihen wir bei Bedarf aus. Zum Ziehen „on tour“ brauchen wir ein 3. Begleitfahrzeug mit Anhängerkupplung. Meist stehen hierfür in den letzten Jahren die Autos der Betreuer Rainer Fischer und Wolfgang Sauer bereit. Auf dem Jeep von Wolfgang wird bei Bedarf auch unser 12. OLD-TOWN-Kanadier transportiert. Im Materialanhänger befinden sich Alukisten mit Unterrichtsmaterial, große Landkarten, Ersatzzelte, Regentarps, Werkzeugkiste, Motorsäge, Stromgenerator, Brennholz und Kleinkram.

                                                                                                  2.2.2. Der Start

Treffpunkt für den Start ins Projektabenteuer ist der Schulhof der Kopernikusschule Freigericht. Hier versammeln sich am Samstagmorgen Punkt 8 Uhr alle 12 Schüler/innen mit ihren Eltern und ihrem privaten Tourengepäck. Ebenso alle Lehrer und Betreuer mit ihren Zugfahrzeugen. Jetzt wird ein letztes Mal durchgezählt und abgecheckt. Jedes Fahrzeug, das mit auf Tour geht, bekommt eine schriftliche „Anfahrtbeschreibung“ aller Campingplätze, des Startortes Wetzlar, Parkplatz „Bachweide“ und des Zielortes Lahnstein, Lahnmündung –  dazu Kopien der benötigten Straßenkarten der Lahn-Region. Diese Maßnahme verhindert zeitraubende Umwege und Falschfahrerei on tour. Alle Mitfahrer tauschen – soweit in der Vorbereitungsphase noch nicht geschehen – ihre Handy-Nummern aus. Sollte es unterwegs zu Pannen kommen, erleichtern Handys ganz erheblich die Kommunikation und Logistik.Wir starten und fahren in Kolonne. Gerd Kassel selbst fährt mit dem schwersten Gespann und seinem unübersehbaren, gelben Campingbus vorneweg. In der Mitte kommen die zwei weiteren Hängergespanne. Dann folgen die Elternautos mit den Schüler/innen. Die Nachhut bildet ein ortskundiger Betreuer. Beim aktuellen SchuB-Projekt ist das Sina Brendel. Sie fährt zunächst auf der Autobahn A 45 nach Wetzlar vor, um von einem Rastplatz aus die Projekt-Karawane zu filmen, bleibt danach hinten und führt Ampel-„Abhänger“ im Wetzlarer Innenstadtverkehr zum Parkplatz „Bachweide“ an die Lahn.

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                                                                           Exkurs: Risiken und Gefahren beim Autotransport

Die Durchführung eines erlebnispädagogischen Kanuprojekts mit Schulklassen birgt für die Organisatoren erhebliche Risiken, die nicht nur mit dem Paddeln und den Zeltübernachtungen in der Natur zu tun haben, sondern auch mit dem Transport von Personen und Ausrüstung. Die Angst hiervor hält viele Lehrer davon ab, erlebnispädagogische Projekte in Eigenregie und Eigenverantwortung durchzuführen. Hier Argumente dafür, es trotzdem zu riskieren:

In mehr als einem Jahrzehnt Kanuprojekt-Geschichte hatten wir bisher keinen Unfall mit Personen- oder erheblichen Sachschäden.

Kommerzielle Veranstalter nehmen zwar Verantwortung ab, bieten aber nicht mehr Sicherheit. Im Gegenteil: Wir konnten unterwegs oft Schulklassen mit „Profi“-Tourenguides beobachten, die haarsträubende Fehler machten.

Wenn wir ein Risiko eingehen, dann nicht mit fremden Leuten, deren Qualifikation und Touren-Equipment wir im Vorfeld nicht persönlich überprüfen konnten. In 30 Berufsjahren war Gerd Kassel oft genug mit übermüdeten Fahrern in mangelhaft bereiften Reisebussen unterwegs und hatte unfähige Skilehrer, Segellehrer oder Kanuschulen mit schlechter Ausrüstung gebucht.

Von Aktionen und Projekten mit Schülern, mit denen wir uns nicht auskennen oder für die wir keine persönlich überprüften Fachleute haben, lassen wir die Finger.

Aber zurück zum Autotransport: Natürlich gehören Autounfälle on tour zu unseren Projektalbträumen – auch wenn bisher zum Glück noch keine passiert sind. Der Straßenverkehr birgt Gefahren, die wir auch bei bester Vorbereitung, optimaler Qualifikation aller Fahrer und größtmöglicher Vorsicht nicht ausschließen können. So ist das in der heutigen Zeit. Haben wir davor permanent Angst, dann werden wir privat und beruflich zu Neurotikern. Was man als Lehrer machen kann in punkto rechtlicher Absicherung, das ist mangelhaft. Wenn was passiert, dann ist man dran. Trotzdem versuchen wir uns von der „Mit-einem-Bein-im-Gefängnis“-Angst zu lösen. Wir haben eine spezielle Berufshaftpflicht, die wir aber noch nie gebraucht haben, die aber angeblich für uns gerade steht, wenn wir grob fahrlässig gehandelt haben. Und wir lassen uns alles Mögliche schriftlich genehmigen, erlauben, verbieten, bestätigen und beglaubigen – von Schulleitern, Schulamtsleitern, Betreuern, Eltern und Schülern. Ob’s im Ernstfall was nutzt? Keine Ahnung, den erlebnispädagogischen“ Supergau“ hatten wir noch nie!

Im konkreten Fall haben wir 4 wichtige Projektbegleitfahrzeuge als Dienstfahrzeuge angemeldet. Alle offiziellen Betreuer haben ihre Unterschrift unter das Formblatt „Rechten und Pflichten einer Aufsichtsperson“ gesetzt. Alle Eltern haben schriftlich eine Einverständniserklärung für die Projektteilnahme ihrer Kinder gegeben. Alle Eltern haben sich schriftlich mit der Transportmethode in Elterneigenregie einverstanden erklärt. Alle Eltern haben schriftlich und mit Unterschrift bestätigt zur Kenntnis genommen, dass beim Schülertransport die Schule keine Haftung übernimmt. Wir hoffen, die Sache geht – wie schon so viele Jahre – unfallfrei über die Bühne unseres erlebnisreichen Berufslebens. Hilfreich beim täglichen Umfahren aller Begleitfahrzeuge ist eine schriftliche, in allen Fahrzeugen liegende Anfahrtsbeschreibung für die Campingplätze, wo wir übernachten:

Kann hier nicht dargestellt werden!

                                                              2.2.3. Erster und zweiter Tag – Aller Anfang ist schwer

Innerhalb einer Stunde haben wir in Wetzlar an der Lahn alle benötigten Kanus entladen, Schwimmwesten und Paddel zugewiesen und die Gepäckkanadier sachgerecht beladen. All das wurde bereits zuhause an den vorangegangenen Einzelprojekttagen geübt und funktioniert jetzt beim „Ernstfall“ reibungslos. Alle Boote, Paddel, Schwimmwesten, Tonnen und Packsäcke sind nummeriert, so dass sich jeder sein Leih-Equipment merken kann. Die kleine SchuB-Paddelgruppe von 12 Schüler/innen samt 6 Betreuer/innen wird in 2 Trageteams eingeteilt und alle Boote an der gut begehbaren Slipanlage in Wetzlar-„Bachweide“ bei Fluss-km 12,5 ins Wasser geschoben.

Wichtig von der ersten Minute an ist das „Prinzip der langen Leine“. An jedem Bug eines jeden Kanus befindet sich eine 10-Meter-Bootsleine. Das Kanu wird ins Wasser gesetzt und an der Bootsleine festgebunden. So entsteht eine immer größer werdende Kanu-„Traube“, bis alle Kanus im Wasser sind. Durch dieses Prinzip ist stets gewährleistet, dass alle Teilnehmer beim Tragen der Boote zu Verfügung stehen. Es verhindert, dass nicht etwa immer mehr Kids unbeaufsichtigt schon flussabwärts unterwegs sind, während immer weniger Leute beim Tragen helfen, nach dem Motto: „Den letzten beißen die Hunde“.

Nach der täglich regelmäßig morgens und abends wiederkehrenden „Maloche“ des Schleppens der Boote samt Zeltausrüstung erfolgt eine kurze oder längere Ansprache von uns. Dabei werden Schüler für ihr Verhalten bei der Trageaktion gelobt oder getadelt und Anweisungen zum Fortgang des Unternehmens „Wir sind gut – wir wollen zum Rhein!“ gegeben. Dabei stehen nicht die Lehrer und Betreuer als Lobende und Tadelnde im Vordergrund, sondern in zunehmendem Maße die Schüler selbst.

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                                                                    Exkurs: „Wir sind gut – wir wollen zum Rhein!“

Spontan oder geplant, das ist egal! Hauptsache, da ist etwas, dass uns antreibt, vorwärts bringt. Ein Ziel, dass wir gemeinsam ins Auge gefasst haben. Wo wir immer wieder drüber reden. Dem wir täglich näher kommen.

Beim SchuB-Projekt ist es Gerd Kassels – zugegeben total unüberlegter – Spontan-Spruch der ersten Tour-Ansprache in Wetzlar-„Bachweide“, als die Boote startklar fürs große Abenteuer im Wasser liegen: „Wir sind gut!“ Dabei meint er in erster Linie die Kids der neuen SchuB-Klasse, die eigentlich verdammt wenig von sich selbst halten, die (noch) geprägt sind von Minderwertigkeitskomplexen und Versagensängsten. Die Lehrer und Betreuer sind ein seit Jahren eingespieltes Team und strotzen vor Selbstbewusstsein – nicht so unsere Schüler, die wir übers Wasser zu neuen Ufern führen wollen!

Nicht „der Weg ist das Ziel“, wie viele Erlebnispädagogen so gerne als Slogan ihren Aktionen voranstellen. Das reicht uns nicht. Wir wollen nicht irgendwohin. „Wir wollen zum Rhein!“ Ganz klar und unmissverständlich! Der Weg ist weit und schwer. Viele Hindernisse und Hemmnisse liegen im Weg. Die werden beseitigt oder überwunden, der innere Schweinehund wird besiegt. Komme, was da wolle! Wir wollen zum Rhein! Um dieses Ziel auch tatsächlich in acht Tagen zu erreichen, müssen die Schüler/innen jeden Tag etwas Neues lernen – vor allem Teamarbeit, in kleinen Schritten. Und das wichtigste ist: Durchhaltevermögen entwickeln! Und jeden Tag reden wir auch darüber, helfen uns, bestätigen uns, geben uns Selbstvertrauen: „Wir sind gut – wir wollen zum Rhein!“ Und jedem Leser dürfte spätestens hier klar sein: Wir kommen zum Rhein! Immer, bei jedem Lahnprojekt!  Und wenn wir auf dem Zahnfleisch laufen müssen!

Und wenn wir den Rhein erreicht haben, dann steigen wir aus unseren Kanus, freuen uns über den Anblick dieses großen Stroms, auf dem Schiffe aus der großen, weiten Welt unterwegs sind. Und wir genießen den Augenblick und sind stolz, in unseren kleinen „Nussschalen“ den weiten Weg bis hierher trotz Wind und Sauwetter mit eigener Muskelkraft und mentaler Stärke geschafft zu haben. Wir sind am Ziel – nicht nur von unserer Paddeltour, sondern auch von unserem erlebnispädagogischen Kanuprojekt.

Beim aktuellen SchuB-Projekt möchten wir in diesem Kontext besonders die 2 Schülerinnen Sabrina und Nina, sowie den Schüler Manuel erwähnen.

Sabrina ist sehr zierlich und hat in ihrem Alltag mit Problemen aller Art zu kämpfen. Bei den Vorbereitungsprojekten in der Orientierungsphase der 1. Septemberwoche wird ihr öfters übel, beim Beladen des Kanuanhängers muss sie sich übergeben und lässt sich von der Mutter abholen. Den ersten Tag auf der Lahn hält sie noch durch, am zweiten Tag beginnt sie in der Mittagspause zu weinen, muss sich übergeben, ruft per Handy ihre Mutter an und möchte sich abholen lassen. Sie traut sich nichts mehr zu, glaubt nicht daran, dass sie es bis zum Rhein schaffen kann. Zum Glück für Sabrina lässt sich ihre Mutter nicht aufs Abholen ein, sondern führt ein längeres Telefongespräch mit Kollegin Waltraud Kuhn-Dankert. Wir sind der Meinung, dass Sabrina lernen muss, sich durchzubeißen – beim Kanuprojekt, bei SchuB, im Leben! Wir entlasten Sabrina an diesem Tag, indem sie den Rest der Tagesetappe in einem Betreuerkanu mitfährt. Am nächsten Tag und für den Rest der Woche tritt ihr „Stresskotzen“ nicht mehr auf. Im Gegenteil: Sie wird im Laufe der Woche immer selbstbewusster, fröhlicher und erreicht mit Stolz den Rhein. Beim nächsten Projekt möchte sie gerne wieder dabei sein.

Anders läuft es bei Nina – sie beginnt nach den ersten Einzelprojekttagen zu motzen, sich Anforderungen zu entziehen, bleibt schließlich zu Hause und lässt sich telefonisch nicht mehr erreichen. Einem mit der Mutter vereinbarten, gemeinsamen Gesprächstermin in der Schule mit Diplom-Sozialpädagoge Daniel Höpfner und Klassenlehrer Gerd Kassel wird unentschuldigt fern geblieben. Stattdessen kommt per Post eine ärztliche Krankmeldung. Nina nimmt am Kanuprojekt nicht teil. Auch die Woche danach fehlt sie, kehrt nicht mehr in die Klasse zurück. Hier kommt auch SchuB zu spät!

Es geht auch anders: Manuel ist klein, schmächtig und aufgrund einer langjährigen Essstörung in erfolgloser therapeutischer Behandlung. Er bekommt am 2. Tag Heimweh, isst die falsche Nahrung und viel zu wenig. Es ist nicht möglich, ihn zu veranlassen, außer Toastbrot und Cola Gesünderes zu sich zu nehmen. Niemand glaubt, dass er es bis zum Rhein schafft. Doch er hat Glück, wird von netten Mädchen der Klasse getröstet und hat einen großen, zähen Teamkumpel, der ihm helfend unter die Arme greift. Zum ersten Mal in seiner Kindergarten- und Schullaufbahn fühlt sich Manuel in der SchuB-Klasse H8c nicht als Außenseiter. Das verleiht ihm neue Flügel. SchuB trägt ihn zum Rhein. Am Ende der Lahntour ist Manuel schon ein klein wenig gewachsen – vielleicht wird er bei SchuB noch groß und stark. Das ist keine Frage des Essens. Wer groß werden will, der isst auch ohne Therapeuten.

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Zurück zum Anfang: Bei unserer ersten Ansprache jetzt am Start im Wetzlar wird gelobt, wie schnell und motiviert wir startklar sind.

Es wird beruhigt und gebremst, um Hektik und Aufgeregtheit aus der Truppe zu nehmen.

Und wir sprechen über die wichtigen Verhaltensregeln beim Wanderpaddeln. Diese „Verhaltensregeln für das Kanuwandern“ sind schriftlich fixiert, wasserdicht verschweißt und liegen als Dina A4-Blatt am ersten Paddeltag auf der Lahn in jedem Kanu:

Kann hier nicht dargestellt werden!

Dieser erste Kanuprojekt-Tag auf der Lahn ist nicht zu lang, nur 10,5 Flusskilometer mit 3 Schleusenanlagen, die wir schön langsam und mit vielen Erklärungen und Fragen hinter uns bringen.

Wir benötigen 4 Stunden für die erste Flussetappe und lernen dabei das Hintereinanderpaddeln, das Durchgeben von Mitteilungen, die Befolgung von Trillerpfeifenkommandos, die Bedienung von Schleusenanlagen, die Bedeutung von Wegweisern, Wasserverkehrsschildern und Kilometertafeln. Wir sind in der Lage, auf Pfeifenkommando eine „Kanu-Insel“ zu bilden und dieses Gebilde zu steuern und zügig wieder aufzulösen, wenn Gefahr droht. Wir gewöhnen uns an diese ungewöhnliche Art der Fortbewegung und manche bekommen vom Paddeln Blasen an den Händen. Wir lernen nicht alles auf einmal. Das muss auch nicht sein. Dafür sind ja schließlich erfahrene Betreuer dabei, die notfalls Dinge tun oder Kommandos geben, deren Sinn nicht alle auf Anhieb verstehen. Aber Rom wurde nicht an einem Tag erbaut.

Wir legen am Zeltplatz „Schohleck“ an. Nicht alle auf einmal, sondern nacheinander. Wir bilden wieder eine Kanu-„Traube“, die an langen Bootsleinen in der Flussströmung trudelt. Jeder hilft jedem. Nachdem alle angekommen und ausgestiegen sind, werden die Kanus sofort nach und nach in zwei Zehnerteams aus dem Wasser gehoben, die Uferböschung hochgetragen und in der Nähe des Zeltlagers im Abstand von ca. 1 Meter abgelegt. Jetzt besprechen wir kurz, wie das Anlanden und die Trageaktion geklappt hat. Dann ist 10 Minuten Pinkelpause.

Danach wird zügig das Zeltlager aufgebaut, nach dem alten Motto „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen!“ Wie ein gutes, funktionelles Zeltlager aufzubauen ist, das haben wir bereits am Projekttag „Zelten“ geübt. Deswegen klappt heute gleich alles wie am Schnürchen. Wir markieren unser Revier und los geht’s.

Nach einer Stunde steht das Zeltlager. Die Bierzeltgarnituren sind aufgebaut, ein Regendach für alle Fälle, das sonst den großen Kanuanhänger überspannt, ist heute wegen schönen Spätsommerwetters nicht nötig. Die Kids bekommen Zeit zum Ausruhen, Kochen, Spielen, Reden, Streiten und Duschen.Um 20 Uhr versammeln wir uns alle im Kreis um das brennende Lagerfeuer. Für diesen Kanuprojekt-Kult betreiben wir sehr viel Aufwand. Warum?

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                                                                        Exkurs: Warum Lagerfeuer wichtig sind

Bei der Menschwerdung des Affen spielte das Feuer eine entscheidende Rolle. Zu diesem Thema gibt es einen interessanten historischen Spielfilm von Jean Jacques Annaud „Am Anfang war das Feuer“ (www.kinowelt-Video-de). Diesen Film auf VHS-Kassette haben wir uns bei der Projektvorbereitung angeschaut. Es handelt sich hier um ein interessantes SchuB-Unterrichtsthema im Fächerverbund für ein eigenständiges Unterrichtsprojekt. Später nach der Durchführung des Kanuprojekts werde ich auf dieses Thema zurückkommen.

Heute geht es darum, das Feuer - seine Wärme, seine Ausstrahlung, seine Anziehung, seine Auswirkung – für unsere Kanuprojektziele zu nutzen. Die Schüler/innen sitzen gerne am Lagerfeuer, viele in ihrem Leben das erste Mal. Nicht nur kurz und flippig, sondern stundenlang. Sie starren in die Glut und sind vom Züngeln der Flammen in rotglühenden Farben schlicht fasziniert. Plötzlich kommt die Energie und die mollige Wärme nicht mehr aus der Zentralheizung und der Steckdose, sondern aus Feuerholz, dass wir zuvor klein gesägt, mit der Axt gespalten und gehackt haben. Manche Kids versteigen sich in die kühne Behauptung, dass der Blick ins Lagerfeuer ja interessanter sein kann als der gewohnte und jetzt plötzlich nicht mehr so vermisste Fernseher. Das Lagerfeuer vermittelt nicht nur Wärme, sondern auch Gemeinschaft – ein Gefühl, das viele Schüler/innen nicht mehr kennen. Beim Chatten am PC bekommt man es nicht so hautnah geliefert wie hier life beim Kanuprojekt. Auf einigen rustikalen Zeltplätzen der Lahn, wo Lagerfeuer möglich sind, erlaube ich den Schülern bei trockenen Wetterbedingungen unter Aufsicht eines Betreuers am Lagerfeuer zu nächtigen. Hierfür schleppen wir einen extra Anhänger mit Feuerholz, Säge und Axt mit.

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Auf dem Jugendzeltplatz „Schohleck“ sind wir am Samstag leider nicht allein. Wir fühlen uns durch große und zu viele undisziplinierte Großgruppen mit unserer kleinen SchuB-Klasse an den Rand gedrückt. Unsere Feuerstelle und unsere Tische und Bänke werden ungefragt von anderen besetzt. Wir kommen weder zum ungestörten Rundgespräch, noch zum gemeinsamen Singen. Doch Erlebnispädagogik reagiert flexibel. Wir betreiben „Völkerverständigung“. Die Kids dürfen trotzdem so lange am Feuer sitzen, wie sie wollen. Open end! Doch Wecken ist früh um sieben – mit meiner lauten Trillerpfeife. Wer da nicht wach wird, muss mit einer kalten Dusche rechnen. So ist das Leben bei SchuB-Freigericht. Freizügigkeit, gepaart mit Disziplin und Verlässlichkeit! Wenn es auf Anhieb nicht funktioniert, dann wird es eingeübt. An diesem Morgen sind auch benachbarte Zeltgruppen davon betroffen, die uns nachts genervt haben.

Sina Brendel kam im Vorfeld auf die Idee, bei diesem Projekt mal wieder das gemeinschaftliche Singen am Lagerfeuer zu probieren. In Deutschland wird nur noch wenig gesungen. In Freigericht mit seiner langen Gesangverein-Tradition schon eher. Die Kopernikusschule Freigericht unterhält einen großen Schul-Chor. SchuB-Schüler/innen halten sich dort aber eher nicht auf.

Egal: Sina hat aus einem Liederbuch nur ein einziges Lied kopiert, vervielfältigt und eingeschweißt. Das reicht, wenn es jeder singen kann. Dieses Lied wird gleich heute am ersten Projektabend in „Schohleck“ geübt. Die Melodie ist einfach und der Text wichtig. Dieses „Kampflied“ werden wir die nächsten Tage zur Aufmunterung nutzen, wenn die Lage brenzlig wird und die Moral sinkt.

Bots-Lied „Was wollen wir trinken“

Die Bots waren eine einst bekannte Band aus Holland. Bei uns kannte man sie und besonders dieses Lied seit der Harrisburg-Demonstration in Hannover am 31. März 1979

Was sollen wir trinken sieben Tage lang, was sollen wir trinken, wir haben Durst. Es ist genug für alle da, darum lasst uns trinken, rollt das Fass herein, wir trinken zusammen, nicht allein.

Dann wollen wir schaffen sieben Tage lang, dann wollen wir schaffen Hand in Hand. Es gibt genug für uns zu tun, darum lasst uns schaffen, jeder packt mit an, wir schaffen zusammen, nicht allein.

Erst müssen wir kämpfen, keiner weiß wie lang, erst müssen wir kämpfen für unser Ziel. Und für das Glück von jedermann. Dafür heißt es kämpfen, los, fangt heute an. Wir kämpfen zusammen, nicht allein.

Dann wollen wir trinken sieben Tage lang, dann wollen wir trinken, wir haben Durst. Es ist genug für alle da, darum lasst uns trinken, rollt das Fass herein, wir trinken zusammen, nicht allein.

Was uns beim gemeinschaftlichen Singen besonders beeindruckt: Keiner kann es, aber jeder versucht es! Gleich am ersten Abend wird sogar eine neue Lied-Strophe zum Bots-Lied hinzugedichtet:Wir paddeln zusammen sieben Tage lang, wir paddeln zusammen, so ein Spaß! Ob es regnet, stürmt und schneit, wir paddeln zusammen, jeder ist bereit. Wir paddeln zusammen ohne Streit!

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                                                                  Exkurs: Die Bedeutung von „Erkennungsmelodien“

Bei allen Kanuprojekten gibt es neben den „Melodien“ der Natur, neben Flussrauschen, Vogelgezwitscher, Froschquaken und Gewitterdonner auch Musik aus dem CD-Player, dem sogenannten „Ghettoblaster“. Darüber wundern sich viele Naturfreunde – wir nicht.

Wir machen nicht nur biologische Schulungsseminare „Vogelstimmen erkennen“ und „Insekten bestimmen“, sondern in erster Linie ein erlebnispädagogisches Hardcore-Projekt, das einen hohen Erinnerungswert in Schülerköpfen behalten soll. Hierbei hilft besondere, exotische, nicht alltägliche Musik zu immer wiederkehrenden, typischen Projektsituationen.

Morgens wird nicht unbedingt mit der Mark und Bein durchdringenden, jeden schönen Traum zerfetzenden Trillerpfeife geweckt, sondern mit ruhiger, meditativer Gute-Laune-Musik indianischen Ursprungs. Indianisch deshalb, weil so ein emotional-historischer Bezug zu den Naturmenschen Nordamerikas entsteht, die einst das Rindenhaut-Kanu als geniales Fortbewegungsmittel auf Flüssen und Seen in undurchdringlicher Wildnis erfunden haben.

Bei der immer gleichbleibenden  Morgenmelodie steht die (Pan)-Flöte als Instrument im Vordergrund, beim eher stupiden, rhythmischen, täglichen Paddeln kommen Musikstücke mit Trommeln zum Einsatz. Der batteriebestückte Ghettoblaster befindet sich in einem wasserdichten Packsack auch auf dem Fluss in einem Kanu und wird in besonderen, meist kritischen Situationen eingesetzt. Gerne würden wir bei zukünftigen Projekten die interessante Tradition der wieder in Mode gekommenen „Drachen“-Boote übernehmen, die einen virtuosen Trommler als Taktgeber und Antreiber fürs Paddelteam im Mannschaftsboot sitzen haben.

Wenn hart gearbeitet werden muss – also hauptsächlich zwei Mal täglich beim Schleppen der Kanus – kommt auch Hardcore-Musik zum Einsatz. Hierfür benutzen wir seit vielen Jahren die Legende

Pink Floyd mit dem Album „The Wall“ und hieraus immer wieder das Kernstück „We don’t need no education, we don’t need no think-controll! Teacher, let your kids alone!“

SchuB-Schüler verstehen nicht zwingend den Text und Sinn dieses Albums, deshalb schauen wir uns bei der Vorbereitung in der Schule den Film zum Album an und der Text wird mit dem SchuB-Englischlehrer Konrad Biehl übersetzt.

Am Lagerfeuer singen wir dann selbst. Immer wieder ein einziges Lied mit hohem Wiedererkennungswert. Bis wir es alle können. Früher bei den Pfadfindern waren das traditionell die „Wildgänse rauschen durch die Nacht, mit schrillem Schrei nach Norden!“ Heute haben  diese schönen Flieger leider alle potenziell die Vogelgrippe, sind also emotional negativ besetzt. Bei SchuB greifen wir auf ein altes „Kampflied“ der niederländischen Musikgruppe BOTS aus den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts zurück, das Einzug in moderne Liederbücher gehalten hat.

Anfangs finden die Hip-Hop-Kids alle diesjährigen „Erkennungsmelodien“ furchtbar, altmodisch, bescheuert! Später hören sie hin und zum Schluss wollen alle die Kanuprojekt-Musik auf ihren MP3-Playern haben. Kein Problem! Wir werfen unseren HONDA-Generator an, holen den Lap-Top raus, schließen eine externe Festplatte mit dem „Kanuprojekt-Musikarchiv“ an und jeder  kann sich auf seinen MP3-Player überspielen, was er zu hören wünscht.

Damit wir uns nicht missverstehen: Aktionen dieser Art dienen nicht der musikalischen „Späterziehung“ medienberieselter MP3-„Kopfhörer“, sondern sollen mithelfen, bezüglich unserer erlebnispädagogischen Erziehungsziele „Nachklang“ und Nachhaltigkeit in Schüler-(und Betreuer-!)Köpfen  zu erzeugen.

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Der zweite Tag beginnt mit dem Einüben einer Rhythmisierung des Kanuprojekt-„Alltags“. Um 7 Uhr das tägliche Wecken, danach sofort zum Toilettengang, Zähneputzen, Waschen. Keine großen Duschaktionen! Dafür ist morgens keine Zeit. Geduscht wird abends nach getaner Arbeit. Um 7.30 Uhr wird an den Bierzeltgarnituren gemeinsam gefrühstückt. Ab 8 Uhr beginnt der Zelt- und Lagerabbau. Spätestens um 9 Uhr müssen die Begleitfahrzeuge los zum nächsten Campingplatz. Kurz vorher gemeinsamer Material-Check! Jeder setzt sich in das Kanu, das er paddeln will oder soll und überprüft die Ausrüstung auf Vollständigkeit. Es kommt nicht selten vor, dass wir bei dem täglichen „Kanuwechselspiel“ Fehler machen und beim Etappenstart plötzlich Paddel fehlen, die in den Staukästen des Kanuanhängers 20 km weiter flussabwärts liegen. Deshalb lagert in einem Betreuerboot immer eine Notfall-Paddelgarnitur. Blöd wird es nur, wenn durch Fehlplanung plötzlich nicht nur Paddel, sondern sogar Boote fehlen. Dann wird improvisiert. Im Lahntal sind auch Fußwanderungen ein landschaftlicher und erlebnispädagogischer Hochgenuss. Wir mussten in den zurückliegenden Jahren diesbezüglich nur selten improvisieren. Beim aktuellen SchuB-Projekt funktioniert der Kanuwechsel nicht reibungslos. Ersatzpaddel haben wir vergessen und prompt  werden uns von einer christlichen Pfadfindergruppe am Einstieg in Schohleck 2 Paddel geklaut. Die Firma „Lahntours“ leiht uns 2 Ersatzpaddel, so dass wir die Diebe an der Schleuse Löhnberg einholen und unsere zum Glück gekennzeichneten Stechpaddel zurückfordern können. Doch eins nach dem anderen.

Wenn alles Gepäck startklar in den Kanus verstaut ist, haben wir ca. eine Stunde Zeit für den täglichen Morgenunterricht – was auch immer darunter zu verstehen ist. Heute wiederholen wir das fachkundige Lesen und Verstehen der wasserdicht verschweißten und in jedem Kanu liegenden Flusswanderkarte der Lahn. Wenn beim Projektunterricht eher verpöntes, frontales Lernen und Belehren sinnvoll oder notwendig ist, dann wünschen wir die Durchführung unseres Projektprinzips: Schüler unterrichten Schüler! Nicht alle sind immer und zur gleichen Zeit auf dem gleichen Kenntnisstand bezüglich der Dinge, die für uns unterwegs von großer Wichtigkeit sind. Aber wir lernen nicht nur viele praktische Dinge, wie eine Flusswanderkarte zur täglichen Orientierung zu benutzen, auf einem Sturmkocher warme Nahrung zu produzieren, Schleusen zu bedienen, Kanuanhänger zu beladen und Regendächer aufzubauen. Nein, wir eignen uns auch „Luxus“-Wissen an (siehe oben Kapitel 1.1). Auch hierfür werden Schüler eingebunden. Sie bekommen Vorbereitungsmaterial zu Verfügung gestellt und versuchen sich morgens und abends im Unterrichten ihrer Mitschüler. Bei vielen Kanuprojekten sind auch Schüler höherer Klassen oder Ex-Schüler mit Wissensvorsprung dabei, die uns beim Unterrichten entlasten und dabei selbst Wichtiges lernen.

Heute am zweiten Tag wird mehr gepaddelt als gestern beim Eingewöhnen. Auch das ist ein langjähriges, bewährtes Projektprinzip: Belastungswechsel mit langsamer Leistungssteigerung. Fördern, aber niemals überfordern!  18,3 Flusskilometer von „Schohleck“ nach Weilburg mit 2 Schleusenbedienungen und einstündiger Mittagspause in Löhnberg stehen auf dem Programm. Wir üben das Versammeln der gesamten Paddelgruppe in großen Kehrwässern, die auf diesem Abschnitt der Lahn auch zu finden sind. Wir gewöhnen die Kids an längeres, rhythmisches, nicht unterbrochenes, kraftschonendes Paddeln und Verbessern die Paddeltechnik. Wir zählen Paddelschläge, „lullen“ Körper und Geist ein. Zum Ausruhen, Entspannen, Essen und Trinken bilden wir unsere bewährte Kanu-„Insel“ mitten auf dem Fluss, wo er breit genug ist und nur wenig strömt. Wir veranstalten kurze Wettrennen. Bei Rückenwind nutzen wir Regenschirme als Vortriebssegel.

In Löhnberg an der Schleuseninsel steigen wir alle aus, binden die Boote fest und machen eine Stunde Mittagspause. Wer will, kann sich eine warme Mahlzeit auf dem Trangia-Sturmkocher zubereiten. In Löhnberg an der Schleuse gibt es einen Kiosk. Im Gegensatz zu früher verbieten wir die „Nutzung“ von Kiosken, Biergärten, Eisdielen u.ä. am Wegesrand nicht mehr. Unser Projekt ist hart, aber keine paramilitärische Survivalübung. Ein früheres Verbot der Mitnahme von „Taschengeld“ hat sich nicht bewährt. Viele Eltern und Schüler halten sich nicht an die Vorgabe. Wir können und wollen keine polizeilichen Leibesvisitationen auf der Suche nach verstecktem Taschengeld durchführen. Beim Projekt kommt es vor, dass einige zu viel, andere zu wenig Geld haben – wie im richtigen Leben! Schülern, die wenig oder nichts haben und bei Pausen an Kiosken und Eisdielen abseits stehen, greifen wir gelegentlich unauffällig unter die Arme. Hierfür haben wir eine „geheime“ Unterstützungskasse, die sich aus Verleihgebühren von Kanu-Equipment speist.

Außer Taschengeld waren früher auch Schüler-Handys verpönt. Doch auch das hat sich als „altmodisch“ und ständiger Reibungspunkt erwiesen. Wir haben so viele, wirklich wichtigere Probleme on tour zu lösen, dass es keinen Sinn macht, Zeit und Nerven mit der „Jagd“ auf Schüler-Handys zu vergeuden. Heute nutzen wir die Vorteile aller verfügbaren Handys zur Erleichterung der Tourenlogistik auf dem Fluss und anderswo beim Erfüllen unserer täglichen, 24-stündigen Aufsichtspflicht. Zu diesem Zweck tauschen alle Betreuer und Schüler vor der Tour ihre Handynummern aus.

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                                                                             Exkurs: Nicht immer LEARNING BY DOING

Nach der Pause gibt es an der Löhnberger Schleuse eine halbe Stunde praktischen „Schleusenbedienungs-Unterricht“ von allen Kids, die längst wissen, wie es funktioniert – für alle Schüler/innen, die immer noch keinen „Plan“ haben. Das ist wichtig, denn wir nähern uns dem Höhepunkt des Tages, dem Weilburger Schleusentunnel mit anschließender Doppelschleuse. Der Schleusentunnel unter der Altstadt hindurch ist 150 m lang, dunkel und gruselig. Zwar scheint vorne und hinten genug Licht zur Orientierung ins schwarze „Loch“, doch macht es Sinn, wenn die Betreuer ihre Stirnlampen griffbereit halten. Eine Kenterung im Schleusentunnel ist nicht tödlich, aber die Bergung schwierig.

Die Tunnel-Befahrung ist ein besonderes Erlebnis. Am Ende führt eine hohe, steile Leiter hinauf zur Schleusenanlage. Die Weilburger Doppelschleuse wird vom fähigsten Schülerkommando unter Aufsicht eines Betreuers bedient. Damit kein Missverständnis entsteht: Hier gilt NICHT unser zentrales Projektmotto LEARNING BY DOING. Da, wo es wirklich gefährlich wird, dürfen keine Fehler gemacht werden! Bei einem Outdoorprojekt auf dem Wasser gibt es öfter solche Situationen. Ihre Bewältigung setzt Sachkenntnis und Können voraus, dass man nicht von allen Schülern erwarten kann. Dann haben unsere geschulten und erfahrenen Betreuer und natürlich auch wir auf alle Projektmottos zu pfeifen und reaktionsschnell Unfälle zu vermeiden.

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Am Sonntag – dem zweiten Tag on tour – landen wir am späten Nachmittag hinter dem Weilburger Schleusentunnel am Jugendzeltplatz „Hauseley“ an. Dieser schöne Platz ist eine Rarität an der Lahn und besonders geeignet für Kanutouren mit Schulklassen und Jugendgruppen. Es ist kein Campingplatz, sondern eine große, gemähte Wiese zwischen Lahnufer und Waldrand mit Holzhütte, Toiletten,  Wasch- und Spülbecken. Kein nervender, schülerfeindlicher Platzwart, aber auch keine Duschen, kein Warmwasser – eben nix für Warmduscher. Dafür eine gute Anlandestelle mit geeigneter Treppe zum Schleppen der Kanus und wieder die Möglichkeit, ein großes Lagerfeuer zu entzünden. Der Zeltplatz wird vom Touristenbüro der Stadt Weilburg verwaltet und es ist sinnvoll, sich dort zuvor anzumelden. Die Übernachtungspreise sind schülerfreundlich und werden vorher überwiesen. Der Bäckermeister der benachbarten Ortschaft Odersbach schaut gelegentlich nach dem Rechten und nimmt die Brötchenbestellung auf.

Sonntagabend sind wir hier meist allein auf dem Platz. Wir bauen das Lager wieder im bewährten Halbkreis auf. Da die Witterung wechselhaft ist, wird auch sogleich das Regentarp aufgespannt.

Heute Abend bekommen die Kids ein bisschen „Luft“, kein Unterricht, keine langen Ansprachen und Diskussionen. Freizeit steht auf dem Plan. Unser Kanuprojekt ist keine paramilitärische Geländeübung mit Kasernierung. Deshalb haben wir uns u.a. von den Eltern das schriftliche Einverständnis geholt, dass ihre Kids in Kleingruppen ausgehen dürfen:

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                    Informationsblatt über teilnehmende Schüler/innen am Kanuprojekt der Kopernikusschule Freigericht

Name des Kindes:                                                        Vorname des Kindes:

Anschrift:

Name und Anschrift der erziehungsberechtigten Eltern:

 

Wo sind die erziehungsberechtigten Eltern während des Kanuprojekts telefonisch erreichbar:   

Privat:                                                  Handy:                                Arbeitsstelle:

Krankenversicherung der/des oben genannten Schülerin/Schülers:

Krankenkasse:                                                      Versicherungsnummer:

Unbedingt die Krankenversicherungskarte mitgeben (Wird vom Klassenlehrer für die Zeit des Kanuprojekts eingesammelt, damit sie nicht verloren gehen kann).

Krankheiten/Medikamente: Liegen chronische Erkrankungen vor, worüber der aufsichtsführende Lehrer Bescheid wissen muss (z.B.: Allergie, Zuckerkrankheit, Asthma)? Welche Medikamente werden ständig benötigt und befinden sich im Reisegepäck?Wichtig: Bei schwerwiegender Erkrankung während des Kanuprojekts wird ein Arzt oder Krankenhaus aufgesucht. Ich entbinde den behandelnden Arzt gegenüber dem aufsichtsführenden Lehrer von seiner Schweigepflicht:                                                                                                                        Ja   /   Nein

Wichtig: Bei schwerwiegender Erkrankung meines Kindes während des Kanuprojekts erkläre ich mich bereit, mein Kind schnellstmöglich nach Hause zu holen:                                                                                                                                                                             Ja   /   Nein

Wichtig: Sollte dies nicht möglich sein, darf der Heimtransport durch eine aufsichtsführende Begleitperson durchgeführt werden?                                                                                                                                                                                         Ja   /   Nein

Mein Kind darf sich in Kleingruppen nach vorheriger Abmeldung beim Klassenlehrer für eine vorgegebene Zeit von der Klasse entfernen:                                                                                                                                                                                       Ja   /   Nein

Mein Kind darf während des Kanuprojekts  in einem Kanu fahren:                                                                                                       Ja   /   Nein

Mein Kind  darf unter Aufsicht schwimmen gehen:                                                                                                                             Ja   /   Nein

Mein Kind darf während des Kanuprojekts Inline-Skates fahren:                                                                                                          Ja   /   Nein

Achtung: Das Rauchen, das Trinken von Alkohol und das Konsumieren von Drogen sind während des Kanuprojekts für alle Schüler/innen verboten. Bei Verstoß hiergegen und andere notwendige Anweisungen, Regeln und Verhaltensvorschriften erfolgt der Ausschluss vom Kanuprojekt. Ich erkläre mich in diesem Fall bereit, mein Kind nach Hause zu holen.

 

Ich habe vom Inhalt dieses Informationsblattes genau Kenntnis genommen und erkläre mich bereit, den aufsichtsführenden Lehrern und Begleitpersonen während des Kanuprojekts bei auftretenden, schwerwiegenden Erziehungsproblemen – wenn nötig – hilfreich zur Seite zu stehen.

 Freigericht, den ...............................                                                                                        Unterschrift des/der Erziehungsberechtigten

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http://www.kanukassel.de/1379841/1380903.html

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